Schorndorf

Umbenennung des August-Lämmle-Wegs: Die Schorndorfer AfD rudert zurück

LaemmleStrassenschild
Darf der August-Lämmle-Weg weiter nach dem umstrittenen Heimatdichter heißen? © Gaby Schneider

Das ist ja mal eine Rolle rückwärts: Nachdem die AfD-Fraktion im April noch prüfen lassen wollte, ob der August-Lämmle-Weg weiterhin nach dem umstrittenen Heimatdichter August Lämmle heißen soll, hat sie den Antrag nun wieder zurückgezogen. Den Antrag hatten die Rechten im Gemeinderat via Zeitung öffentlich gemacht. Ein großes Echo hatte er offenbar ausgelöst, noch bevor er im Gemeinderat überhaupt zur Diskussion gestanden hatte. Nach Angaben von AfD-Chef Lars Haise hatte sich unter den Rückmeldungen auch ein Brief von Ursula Fink befunden, eine weitläufige Verwandte von Lämmle. Diese habe sich kritisch mit der Bewertung des Historikers Peter Poguntke auseinandergesetzt, dessen Gutachten in mehreren Kommunen zur Umbenennung von Straßen und öffentlichen Einrichtungen geführt habe. Ursula Fink, die 2019 im Landkreis Ludwigsburg bei der Regionalwahl für die AfD kandidierte, hat Lars Haise und seine Kollegen offenbar überzeugt. Denn bei Fink, schreibt Haise, handle es sich „nicht nur um irgendeine Person, die sich mit August Lämmle inhaltlich auseinandergesetzt hat.“ Sie gehöre zur Verwandtschaft des Dichters und könne heute noch sehr klar von ihren Begegnungen mit Lämmle im Rahmen diverser Familienfeierlichkeiten referieren. Zum Zeitpunkt von Lämmles Tod im Jahr 1962 war sie übrigens fünf Jahre alt.

Nach Angaben Haises hat Ursula Fink die AfD in Schorndorf nicht nur mit einem Brief, sondern auch in mehreren ausführlichen Telefongesprächen davon überzeugt, dass das Gutachten von Peter Poguntke an ganz wesentlichen Stellen infrage zu stellen sei. Auf einem „so sandigen Fundament“ lasse sich, so Haise weiter, der Antrag nicht aufrechterhalten. Bei der Formulierung des Antrags seien der AfD-Fraktion diese Diskrepanzen und Verstrickungen zu einem Anhänger der Antifa nicht bekannt gewesen, so auch Stadtrat Ulrich Bußler. Froh sei die AfD aber, „eine konstruktive Debatte“ losgetreten und „viel tiefere, sehr persönliche Einblicke zur Person August Lämmle“ gewonnen zu haben. Die vielen Namensvorschläge, die von Bürgern eingegangen seien, sollen bei künftigen Straßenbenennungen berücksichtigt werden.

Eine „Mahnung an die schreibende Zunft“

Ihre Rolle rückwärts verbinden die Rechten im Gemeinderat mit einer „Mahnung an die schreibende Zunft der Presse“, wie es Haise formuliert: „Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille.“ Mit Sicherheit stehe für die AfD fest, dass die Veröffentlichungen des Herrn Lämmle im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus inhaltlich absolut indiskutabel seien. Durch die „historisch kundige Ursula Fink“ wisse die Fraktion nun aber auch, dass Lämmles Fehlurteile ihn bis ins hohe Alter belastet hätten. Von seinen Verfehlungen habe er sich glaubwürdig distanziert, dies sei durch Spruchkammerakten und Zeugenaussagen sehr gut dokumentiert.

Ein Thema bleibt der Straßenname trotzdem

Die AfD-Fraktion hat ihren Antrag zurückgezogen - ein Thema bleibt der Straßenname gleichwohl. Auch der Rudersberger Gemeinderat hatte im April die Umbenennung der August-Lämmle-Schule in Steinenberg beschlossen. Ob auch die nach dem Volkskundler und Dichter benannte Straße einen neuen Namen bekommen soll, ist indes noch nicht geklärt. Die Diskussion war durch das Gutachten des Historikers Dr. Peter Poguntke ausgelöst worden, der im Auftrag der Stadt Leonberg die Rolle Lämmles im Dritten Reich untersucht hat. Poguntke kam dabei zum Schluss, dass der Dichter wegen seiner Äußerungen in der NS-Zeit nicht als Namensgeber für eine Schule infrage komme. Eine Umbenennung von Straßen hielt er aber nicht für notwendig.

Lämmles Verwandte, Dr. Ursula Fink, hat sich nicht nur bei der Schorndorfer AfD zu Wort gemeldet, sondern Poguntkes Studie öffentlich als spekulativ kritisiert. Zu sehr würde sie mit Deutungen und Vermutungen arbeiten. Ursula Fink kritisiert außerdem, dass die in dem Gutachten genannten Vorwürfe nicht neu seien. Insbesondere das während des Dritten Reiches geänderte Vorwort zu seinem Werk „Herz der Heimat“, in dem er Hitler als „den gläubigsten und mutigsten Mann in der Geschichte der Deutschen“ sowie als „Marschall Vorwärts“ bezeichnete, sei bereits im Spruchkammerverfahren ausführlich thematisiert worden (was Poguntke auch erwähnt). Bei dem Entnazifizierungsprozess war Lämmle 1947 als „Mitläufer“ eingeordnet worden. Schon damals habe er sich von seinen Äußerungen distanziert. Im Rahmen des Verfahrens habe Lämmle sie als „bittere Pille“ bezeichnet. Und weiter: „Ich konnte nicht wissen (...), dass hinter diesem Menschen ein solch wahnsinniger Narr stecken konnte.“

Die Mathematikerin Ursula Fink wirft dem Historiker Fehler beim Quellenstudium vor, da als Hauptquelle des Gutachtens ein Vortrag von Cornelius Renkl diene. Ihre Vermutung: Renkl, der ehemalige Leiter der KZ-Gedenkstätte in Leonberg, sei als Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschisten „allen, die nicht Widerstandskämpfer waren, feindlich gegenübergestellt“.

Poguntke verwahrt sich gegen die Vorwürfe

Historiker Peter Poguntke indes verteidigt sein Gutachten - und er verwahrt sich gegen Vorwürfe, wissenschaftlich nicht korrekt gearbeitet zu haben. „Es war nicht mein Job, eine Biografie über Lämmle zu schreiben, sondern dessen Zitate im Dritten Reich auf Authentizität zu überprüfen“, stellt er klar. Ausgangspunkt der Debatte in Leonberg sei ein Vortrag eines Mitglieds der KZ-Gedenkstätten-Initiative von 2005 gewesen. Darin kamen Äußerungen Lämmles zur Sprache, die Renkl recherchiert hatte. Nach einem offenen Brief der KZ-Gedenkstätteninitiative zur Person Lämmle sei Lämmle wieder öffentlich diskutiert worden. Daraufhin habe die Stadt das Gutachten in Auftrag gegeben. „Meine Recherchen haben ergeben, dass alle Zitate wahr sind. Dafür habe ich jedes Zitat in den Bibliotheken und Archiven quellenkritisch geprüft.“

Das ist ja mal eine Rolle rückwärts: Nachdem die AfD-Fraktion im April noch prüfen lassen wollte, ob der August-Lämmle-Weg weiterhin nach dem umstrittenen Heimatdichter August Lämmle heißen soll, hat sie den Antrag nun wieder zurückgezogen. Den Antrag hatten die Rechten im Gemeinderat via Zeitung öffentlich gemacht. Ein großes Echo hatte er offenbar ausgelöst, noch bevor er im Gemeinderat überhaupt zur Diskussion gestanden hatte. Nach Angaben von AfD-Chef Lars Haise hatte sich unter den

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