Schorndorf

Unerlaubt Geld von Freund abgehoben: 20-Jähriger in Schorndorf zu Sozialstunden verurteilt

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Symbolfoto. © Gaby Schneider

Weil er mit der EC-Karte seines Freundes ohne Erlaubnis 300 Euro abgehoben und das Geld bis heute nicht zurückgegeben hat, wurde ein 20-Jähriger unter anderem zu 30 Sozialstunden verurteilt. Aufgrund der persönlichen Hintergründe des jungen Mannes entschied sich das Amtsgericht dazu, das Jugendstrafrecht anzuwenden.

Es handelte sich bei der Verhandlung um einen Vorfall vom 3. August des vergangenen Jahres. Damals soll der afghanische Staatsbürger, so die Anklage der Staatsanwaltschaft, an einem Bankautomat in Stuttgart 300 Euro vom Konto seines 21-jährigen Freundes abgehoben haben. Dieser habe ihm weder seine PIN verraten noch die Erlaubnis dafür erteilt, auf das Konto zuzugreifen.

Geld für die Mutter abgehoben

Der Beschuldigte bestätigte den Vorwurf gleich zu Beginn der Anhörung. Mit Hilfe einer Dolmetscherin erklärte er der Direktorin des Amtsgerichts, Doris Greiner, was vor knapp einem Jahr vorgefallen war: Er sei damals mit seinem Freund aus Winterbach in Stuttgart unterwegs gewesen und habe ihn zum dortigen Media Markt begleitet, um einen neuen Laptop zu kaufen. An der Kasse habe er zufälligerweise die PIN des Geschädigten gesehen und konnte sich diese gut einprägen.

Kurz darauf verbrachten die beiden einige Zeit in der Stuttgarter Innenstadt. Nach Angaben des Beschuldigten wollte der Freund dann Marihuana konsumieren. Um den Joint ungestört „bauen zu können“, habe er, also der Beschuldigte, eine Toilette aufgesucht. Da diese aber kostenpflichtig benutzbar ist und er kein Kleingeld bei sich hatte, lieh ihm sein Freund seine EC-Karte. Nach einiger Zeit, die sie am Schlossplatz verbrachten, habe der andere junge Mann dann Nasenbluten bekommen und musste sich für ein paar Minuten setzen. Der Beschuldigte, der die Geldkarte immer noch bei sich trug, nutzte diesen Moment, suchte einen Bankautomaten auf und hob 300 Euro ab. Am Abend gab er die Karte dann wieder zurück.

Der Angeklagte erklärte, dass er das Geld nicht für sich, sondern für seine Mutter abgehoben habe. Diese lag zu diesem Zeitpunkt angeblich in Kabul, der afghanischen Hauptstadt, im Koma. Außerdem wollte er das Geld seiner Aussage nach wieder zurückgeben. Wie er erzählt, wurde er am Tag darauf vom Geschädigten eingeladen. Da aber noch ein weiterer Bekannter dabei gewesen sei, habe er sich zu sehr geschämt und verschwieg vorerst, das Geld abgehoben zu haben. Auch als ihn sein Freund danach fragte, verneinte er. Zwei Tage später erhielt der Angeklagte dann einen Anruf der Polizei, die ihn über eine Anzeige gegen ihn informierte. Dem Beamten gegenüber gestand der Afghane sofort, das Geld abgehoben zu haben, und versprach, das Geld zurückzuzahlen, wenn sein Freund auf die Anzeige verzichte.

Später traf er den Geschädigten zufällig in der Schorndorfer Innenstadt und wollte das Gespräch suchen, doch dieser wollte nicht reden und habe ihm stattdessen links und rechts gegen den Kopf geschlagen. Das Geld habe er bis heute nicht zurückgezahlt, weil der 21-Jährige ihn bei jedem zufälligen Treffen geschlagen habe.

Das Opfer selbst bestätigte die Geschichte des Angeklagten in weiten Teilen. Die EC-Karte habe er damals verliehen, weil der Angeklagte auf die Toilette musste. Zum Marihuanakonsum und den Schlägen gegen seinen Freund wollte er auf Nachfrage der Richterin nichts sagen. Als er am Abend seine Banking-App nutzte, bemerkte er das fehlende Geld und ging umgehend zur Polizei. Ein Beamter zeigte ihm die Bilder der Überwachungskamera des Bankautomaten. Sein Freund sei deutlich erkennbar gewesen. Mehrmals habe er seinen Freund getroffen, der aber immer wieder verneinte, das Geld genommen zu haben. Bis heute habe er es ihm nicht zurückgezahlt. „Ich kann verstehen, wenn er das Geld braucht. Aber er soll es halt zugeben“, sagte der 21-Jährige der Direktorin des Amtsgerichts.

Zum Ende der Anhörungen ging das Gericht auf die persönlichen Hintergründe des Angeklagten ein, die für das Urteil entscheidend werden sollten. 2016 flüchtete der 20-Jährige allein nach Deutschland. Seine verwitwete Mutter blieb mit seinen sechs Geschwistern in Kabul. Am Ende des Jahres erlischt seine Aufenthaltserlaubnis. Seit kurzem hat er einen Minijob bei einer Reinigungsfirma in Stuttgart. Mit seinem Gehalt muss er allerdings auch knapp 1500 Euro Schulden abbezahlen, die durch einen Handyvertrag zustande gekommen sind.

Der Justiz ist er bereits bekannt. 2019 liefen gleich drei Verfahren gegen den jungen Mann. Unter anderem wegen Diebstahls und Körperverletzung. Der Jugendgerichtshelfer hielt die Anwendung des Jugendstrafrechts für gerechtfertigt. Mit 18 habe der Mann den „klassischen Fehler“ gemacht, aus einer Jugendhilfegruppe auszuziehen. Aufgrund seiner Vorgeschichte sei er nicht mit einem Erwachsenen gleichzusetzen.

Das Urteil spiegelte diese Meinung wider. Der 20-Jährige wurde des Computerbetrugs schuldig gesprochen und muss nach Jugendstrafrecht 30 Stunden unentgeltliche Arbeit verrichten. Außerdem wird er sechs Monate lang unter die Aufsicht eines Betreuungshelfers vom Verein Prävent Sozial aus Stuttgart gestellt, der ihm helfen soll. Die gestohlenen 300 Euro muss er zurückzahlen.

Doris Greiner begründete ihre Entscheidung unter anderem mit der Fluchtgeschichte des Mannes. Jugendliche würden auf der Flucht schnell in ein „Schein-Erwachsenensein“ ohne normale Entwicklung rutschen. Da er keinen Fremden, sondern ausgerechnet seinen Freund bestohlen hatte, seien die Arbeitsstunden das richtige erzieherische Mittel. Auch sein Geständnis wirkte sich strafmildernd aus.

Weil er mit der EC-Karte seines Freundes ohne Erlaubnis 300 Euro abgehoben und das Geld bis heute nicht zurückgegeben hat, wurde ein 20-Jähriger unter anderem zu 30 Sozialstunden verurteilt. Aufgrund der persönlichen Hintergründe des jungen Mannes entschied sich das Amtsgericht dazu, das Jugendstrafrecht anzuwenden.

Es handelte sich bei der Verhandlung um einen Vorfall vom 3. August des vergangenen Jahres. Damals soll der afghanische Staatsbürger, so die Anklage der

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