Schorndorf

Ungeklärt: Schüsse aufs Beit Shalom

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© Franz Laslo
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Franz Laslo.

Schorndorf. Der Angeklagte gab diverse Verstöße gegen das Waffengesetz zu. Er bestritt aber, im August 2017 mehrere Schüsse auf das Schaufenster des jüdisch-orientalischen Ladens Beit Shalom in der Gottlieb-Daimler-Straße abgefeuert zu haben. Letztendlich sah es auch Richterin Doris Greiner nicht als zweifelsfrei erwiesen an, dass der türkisch-stämmige 28-Jährige der Schaufensterschütze war. Wegen mehrerer Verstöße gegen das Waffengesetz wurde er zu einer zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe von einem Jahr und fünf Monaten verurteilt.

„Sitzt hier der richtige Schuldige oder sitzt hier nur einer, der in hohem Maße verdächtig ist?“, fragte in seinem Plädoyer der Verteidiger des Angeklagten, Dr. Max Klinger, und nahm damit vorweg, was anschließend auch aus der Urteilsbegründung der Vorsitzenden Richterin am Amtsgericht Schorndorf, Doris Greiner, herauszuhören war: dass zwar bei der Geschichte mit der zerstörten Schaufensterscheibe vieles gegen den 28-Jährigen spricht, dass diese Indizien aber nicht ausreichen, um ihn ohne jeden Zweifel schuldig zu sprechen, wie es aus Sicht des Staatsanwalts durchaus möglich gewesen wäre. Ihm schien der Angeklagte „hinreichend verdächtig“ auch bei den nächtlichen Schüssen auf den von Franz Laslo geführten Laden Beit Shalom, weshalb er eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und sieben Monaten beantragte, die er ausdrücklich nicht zur Bewährung ausgesetzt haben wollte.

Schussapparat nach Anleitung und mit Materialien aus dem Internet

Was zunächst einmal gegen den nicht vorbestraften 28-Jährigen sprach, war die Tatsache, dass er Ende 2016 in einem Kellerraum unterhalb seiner Wohnung nach einer Anleitung aus dem Internet und mit aus dem Internet bestellten Materialien – „Zwei Rohre, eine türkische Münze und eine Schraube, das war’s“ – einen Schussapparat zusammengebaut hat, aus dem bei anderer Gelegenheit genau die Zwölfer-Kartouchen verschossen wurden, von denen etwa ein Dreivierteljahr später Reste auch nach den Schüssen auf den israelisch-orientalischen Laden in der Gottlieb-Daimler-Straße sichergestellt worden waren. Zuvor waren mit dieser Waffe Schießübungen auf Schilder im Bereich des Holzbergwegs veranstaltet worden, aber auch an einem Hinweisschild beim Finanzamt fanden sich entsprechende Spuren. Dem 28-Jährigen auf die Schlichte gekommen ist die Polizei laut einem als Zeugen geladenen Kriminalhauptkommissar, als ihr bei einer Hausdurchsuchung bei einem Türken, dem mehrere Eigentumsdelikte zur Last gelegt wurden, unter anderem ein Handy in die Hände fiel, auf dem ein Video mit zwei Personen, die offensichtlich mit einer selbst gebastelten Schusswaffe hantierten, zu sehen waren. Als einer von den beiden wurde der Angeklagte identifiziert, und als bei ihm die Wohnung durchsucht wurde, stellte die Polizei nicht nur den Schussapparat – Richterin Doris Greiner sprach allgemeinverständlich von „zwei Rohren, die man ineinanderschiebt, und dann haut’s vorne eine großkalibrige Munition raus“ – sicher, sondern auch eine halbautomatische Selbstladepistole, die der Angeklagte für 1300 Euro erworben haben will (von wem, wollte er nicht sagen), und 74 Munitionspatronen. Bei einer zweiten Durchsuchung wurde dann noch ein waffenrechtlich ebenfalls verbotener Schlagring gefunden, dessen unerlaubter Besitz ebenfalls ins Urteil einfloss.

Polizei fand auf dem Handy Bilder von der zerschossenen Scheibe

Dringend tatverdächtig, was die Schüsse auf das Beit Shalom angeht, haben den 28-Jährigen auch zwei auf seinem Handy gefundene Bilder von der zerstörten Schaufensterscheibe gemacht. Dazu, wie und warum es zu denen gekommen ist, lieferte ein 16-jähriger Verwandter des Angeklagten, den die Richterin zuerst auf sein Zeugnisverweigerungsrecht und dann gleich mehrmals auf seine Wahrheitspflicht hinwies, zwei verschiedene Versionen. Nachdem er bei der Polizei ausgesagt hatte, der Angeklagte sei mit ihm in die Daimler-Straße gefahren und habe ihn dann aussteigen lassen, um die Bilder zu machen, stellte es der 16-Jährige vor Gericht so dar, als sei er es gewesen, der den Cousin seiner Mutter überhaupt erst auf den Vorfall in der Daimler-Straße aufmerksam machte. Und dann habe der 28-Jährige beim Vorbeifahren gesagt: „Mach mal Bilder.“ Davon, dass sich der 28-Jährige über die zerschossene Schaufensterscheibe „lustig gemacht“ habe, wollte der 16-Jährige vor Gericht genauso wenig etwas wissen wie von seiner eigenen, bei der Polizei gemachten Aussage, dass er sich gut vorstellen könne, dass sein Verwandter auf den Laden geschossen habe. „Denn“, so steht’s im Polizeiprotokoll, „warum hätte ich sonst Bilder machen sollen?!“ Er wisse aus eigener Erfahrung, „dass die Polizei Aussagen immer umschreibt“, sagte der 16-Jährige auf die Frage der Richterin, wie diese Aussage dann in ein vom ihm unterschriebenes Protokoll komme. Keine Übereinstimmung zwischen den – in diesem Fall kriminaltechnischen – Feststellungen der Polizei und den Behauptungen des Angeklagten und des 16-Jährigen gab es auch, was den Zustand des Schussapparats nach den wiederholten Schießübungen im Bereich des Holzbergwegs betrifft. Entgegen den Behauptungen des Angeklagten und des Zeugen, wonach der Schussapparat zum Zeitpunkt der Schüsse auf den Beit- Shalom-Laden gar nicht mehr schussfähig gewesen sei, haben die Untersuchungen und Tests der Kriminaltechniker nämlich das genaue Gegenteil bewiesen.

Die nicht völlig fernliegende Möglichkeit, dass es ein anderer war

Trotzdem teilte die Vorsitzende Richterin in ihrem Urteil die von Max Klinger ins Spiel gebrachte „nicht völlig fernliegende Möglichkeit, dass ein anderer Gewalt gegen diesen Laden ausgeübt hat“. Zumal sich der Angeklagte mit dieser Tat nirgends wichtiggemacht und es nach diesen Schüssen mit der Gewalt gegen den Laden ja auch nicht vorbei gewesen sei. Was, so Doris Greiner, aber auch nichts heißen müsse, weil der zweite mit einem Hammer begangene Schaufensterangriff theoretisch genau den Eindruck, dass für beide Angriffe ein ganz anderer Täter infrage komme, habe erwecken sollen. Gleichwohl gebe es keine Spuren, die zweifelsfrei belegten, dass der von dem 28-Jährigen gebaute Schussapparat die beim Schaufensterangriff verwendete Waffe gewesen sei, sagte die Richterin, während der Staatsanwalt keinerlei Hinweise darauf sah, dass im besagten Zeitraum mehrere solcher Waffen hergestellt wurden oder dass jemand anders in den Besitz der Waffe gekommen sei. Über Motive, die den 28-Jährigen bewogen haben könnten, das Beit Shalom unter Beschuss zu nehmen, wollte der Staatsanwalt „nicht spekulieren“. Weil der Angriff aber nachts erfolgt sei, sei zu vermuten, dass der Täter zumindest niemand habe verletzten wollen, sagte der Staatsanwalt, der seinen Antrag, dem Angeklagten keine Bewährung zuzugestehen, unter anderem mit den nicht gefestigten Lebens- und Arbeitsverhältnissen des 28-Jährigen begründete, die durch eine Haftstrafe nicht maßgeblich beeinträchtigt würden. „Wenn einer zum ersten Mal vor Gericht steht, dann ist das ein Argument für eine Bewährung“, hielt Doris Greiner entgegen, aus deren Sicht zunächst mal nichts dafür spricht, dass der für die nächsten drei Jahre einem Bewährungshelfer anvertraute 28-Jährige mit Straftaten weitermacht.


Franz Laslo und sein Geschäft Beit Shalom

2005 hat Franz Laslo, der zuvor nach einer Ausbildung bei der Karmelmission siebeneinhalb Jahre lang für die Baptisten in Israel unter Arabern gearbeitet hat, sein Ladengeschäft Beit Shalom in der Gottlieb-Daimler-Straße eröffnet. Und es hat, wie er vor Gericht als Zeuge aussagte, „zwölf Jahre nie einen Vorfall und nie ein schlechtes Wort gegeben“.

Das hat sich seit 2017 geändert. Erst die Schüsse im August 2017 auf die Schaufensterscheibe seines Ladens, die einen Sachschaden von rund 500 Euro verursacht haben, dann bereits im Jahr 2018 eine erneute Schaufensterattacke, ausgeführt diesmal mit einem schweren Hammer, und schließlich vor kurzem ein verbaler Angriff, bei dem Franz Laslo zu hören bekam, er solle sich verpissen und zur Hölle fahren. Und angespuckt worden sei er auch, sagte Laslo.

Und dabei, so der Geschäftsinhaber, wolle er doch nichts anderes, als den Menschen hierzulande Israel und den Orient nahezubringen und ihnen zu zeigen, dass es dort außer Blut und Bomben auch sehr viel Schönes gibt.

„Das macht man nicht, um Geld zu verdienen, denn reich werden kann man damit nicht, sondern um eine Brücke zu schlagen“, attestierte Verteidiger Max Klinger, der bezüglich des Motivs für die Angriffe auf den Laden spekulierte, dass die im Laden gezeigten Symbole „für Menschen, die verquer ticken, durchaus eine Provokation sein“ könnten.