Schorndorf

„Unsere Kinder müssen raus aus der Gefahrenzone“

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Nicht im Klinkerbau, sondern im dahinterliegenden Flachdachgebäude der Rainbrunnenschule gibt es ein Schimmelproblem. © Büttner/ZVW
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Konfrontiert mit dem Unmut der Eltern: Rektorin Karola Gross, Bürgermeister Thorsten Englert, Gutachter Hartwig Wehrstein, Fachbereichsleiter Gebäudemanagement Steffen Schultheiß und sein Mitarbeiter Steffen Müller (von rechts). © Benjamin Büttner
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Die Eltern wollen sich beim Thema Schimmel nicht mit Sicherungsmaßnahmen abspeisen lassen. © Benjamin Büttner

Schorndorf. Es gibt an der Rainbrunnen-Grundschule ein Schimmelproblem. Aus Sicht der Stadt und ihres Gutachters ist es aber – wie berichtet – nicht gravierend und mit Sicherungsmaßnahmen in den Griff zu bekommen. Eltern, um die Gesundheit der Kinder und Lehrerinnen besorgt, sind indes höchst alarmiert. Bei einer Infoveranstaltung haben sie mit Nachdruck eine schnelle Lösung gefordert: „Unsere Kinder müssen raus aus der Gefahrenzone.“

Wer schätzt die Situation nun richtig ein: Eltern und Lehrerinnen, die von hustenden, blutspuckenden Kindern berichten, von vermehrten Asthmafällen und Dauerinfekten im Kollegium, die seit geraumer Zeit einen modrig-muffigen, ja fauligen Gestank in den Klassenzimmern des Flachdachbaus wahrnehmen, im Boden weiteres Unheil vermuten („da gärt’s und meuchelt’s“) und schon vor zwei Jahren auf schwarze Stockflecken in einem der jetzt betroffenen Räume hingewiesen haben.

Oder der Gutachter Hartwig Wehrstein, der den Geruch in den Räumen zwar als auffällig, aber eher gummibärchenartig beschreibt, bei einer einmaligen Beprobung Schimmelsporen in zwei Klassenzimmern entdeckt hat, aber kein gravierendes Problem sieht, sondern von einem „geringen bis mittleren Befall“ sowie „geringen Hinweisen auf Feuchteschäden“ spricht, mit Sicherungsmaßnahmen in den Griff zu bekommen.

Signal der Stadt: Kinder können bedenkenlos zur Schule gehen

Auf dieses Gutachten stützt sich die Stadt. In den Herbstferien sollen die Decken, in denen die Schimmelsporen entdeckt wurden, mit einer Folie zu den Klassenzimmern abgedichtet werden. Die Wirksamkeit dieser Maßnahme soll durch jährliche, vom Gesundheitsamt begleitete Luftraummessungen überprüft werden, wie überhaupt auch die anderen Klassenzimmer in der Grundschule untersucht werden sollen.

Maßnahmen, mit denen Finanzbürgermeister Thorsten Englert den Eltern signalisieren wollte: Ein sicherer Schulbetrieb wird ermöglicht, in der Grundschule können sich alle mit einem guten Gefühl aufhalten, die Kinder bedenkenlos zur Schule geschickt werden. Und auch Steffen Schultheiß, zuständiger Leiter des Fachbereichs Gebäudemanagement, wollte die Eltern mit dieser Botschaft nach Hause schicken: „Das ist eine wichtige Themenstellung, die Stadt bemüht sich um gute Lösungen.“

Das sagen Experten:

Doch diese Botschaft ist nicht angekommen: Die Eltern (und anwesenden Großeltern) halten von einer Abdichtung des Daches nichts –„damit fördert man Schimmel erst recht“, so die Aussage eines Chemikers aus der Elternschaft. Für ihn ist die Messung eine wenig aussagekräftige Momentaufnahme und der Schimmelbefall eine ernstzunehmende Sache – nicht zu tolerieren und schon gar nicht, wie von Schultheiß empfohlen, „wegzulüften“.

In der Infoveranstaltung meldete sich mit Dr. Sonja Schützenauer dann auch die Mutter eines betroffenen Viertklässlers – und Ärztin – zu Wort und legte mit Nachdruck in einer Folienpräsentation dar, dass von Schimmelpilzen erhebliche Gesundheitsgefahren ausgehen: von Sensibilisierung über Allergien bis zu Asthma und chronischer Bronchitis. Der in der Rainbrunnenschule entdeckte Schimmelpilz könne sich sogar über die Lungen in anderen Organen ausbreiten und Infektionen bei Kindern verschlimmern, warnte sie und bezog sich damit auf Aussagen des Robert-Koch-Instituts. Die Forderung der Eltern ist klar: Die Kinder und Lehrerinnen sollen raus aus dem Flachdachgebäude, „raus aus der Gefahrenzone“. Jeder weitere Tag in den Räumen „ist ein Tag zu viel“.

Das kann länger dauern ...

Ganz so schnell wird’s nicht gehen, auch wenn sich die Stadt doch noch für eine Containerlösung entscheiden sollte. Container, erklärte Steffen Schultheiß, sind im Moment äußerst rar auf dem Markt. Schon für die Sanierung der Gottlieb-Daimler-Realschule waren sie zu einen akzeptablen Preis nicht zu bekommen. Ausweichmöglichkeiten innerhalb der Schule gibt es nicht. Dazu kommt aus Englerts Sicht: Schulsanierungen sind nur in den Ferien möglich. Und: Der zuständige Fachbereich „muss das auch alles wuppen“.

Überhaupt spielt die Zeit für die Stadt eine entscheidende Rolle. Dass der Grundschulanbau, der vor 46 Jahren als Provisorium gebaut wurde, in die Jahre gekommen ist, will Bürgermeister Englert bei der Infoveranstaltung gar nicht kleinreden: „Das Gebäude ist am Ende seines Lebenszyklus angekommen.“ Doch eine Sanierung, die gleich auf eine Generalsanierung rauslaufen würde, ist für ihn zum jetzigen Zeitpunkt nicht drin: Immerhin stecke die Stadt zwischen 2016 und 2022 schon 65 Millionen Euro in Bildungseinrichtungen. Nach dem Neubau des Burg-Gymnasiums und den bereits beschlossenen Sanierungen von Gottlieb-Daimler-Realschule und Max-Planck-Gymnasium und der unklaren Zukunft der zum Kulturdenkmal ernannten Fuchshofschule, steht die Grundschule im Rainbrunnen für Englert noch nicht auf der Agenda, sondern soll bis zur nächsten Sanierungswelle ab dem Jahr 2030 fit gemacht werden. Mit der Sicherungsmaßnahme möchte Englert Zeit für ein Konzept gewinnen: „Ich brauche noch ein paar Monate Zeit mit meinem Team.“

"Das ist doch keine Offenheit"

Aus den Monaten sind im Laufe der Veranstaltung zwei Wochen geworden: Von der Vehemenz der Eltern und der Lehrerinnen, die ihm einen eigenen Brandbrief überreichten, offenbar überrascht und auch genervt, sicherte Englert zu, dass er sich sofort mit seinen Mitarbeitern und Rektorin Karola Gross, die sich in der Veranstaltung auf eine Moderatorinnenrolle zurückgezogen hatte, zusammensetzen will.

Auf eine zeitnahe Lösung legen die Eltern großen Wert, die schon nicht verstanden haben, dass die Ergebnisse des Gutachtens, das im Juli vorlag, den Eltern und über die Zeitung der Öffentlichkeit erst im Oktober mitgeteilt wurde: „Das hat drei Monate gedauert“, beklagte auch eine Lehrerin: „Das ist doch keine Offenheit.“

Dass sich die Stadt nicht gekümmert hat, das wollte Englert indes nicht auf sich sitzenlassen: Selbst erst Ende September vom Schimmelbefall unterrichtet, ist es für ihn seither ein Topthema. „Wir haben nichts zu verbergen“, versicherte Englert – und trotzdem blieb bei der Veranstaltung unklar, warum das Gesundheitsamt aus der Presse vom Schimmelproblem an der Rainbrunnenschule erfahren hat und nicht von der Stadt, die es mit einschalten wollte.