Schorndorf

Urbach: angetrunkene Frau mit einer Pistole bedroht

Frau wird bedroht
Das Opfer leidet unter den Folgen der Tat. © Adobestock/Serghei

„Ihr Problem ist der Alkohol. Wenn Sie getrunken haben, dann machen Sie Quatsch. Lassen Sie die Finger ganz weg. Und probieren Sie auch nicht aus, ob Ihnen ein Feierabendbier schmeckt, und wie viel Sie trinken können, ohne die Kontrolle zu verlieren. Das funktioniert nämlich nicht“, gab Richterin Petra Freier dem Angeklagten als gut gemeinte Empfehlung mit auf den Weg, als er am Donnerstag im Schorndorfer Amtsgericht vor ihr stand.

Mit Alkohol aufgewachsen

Das Urteil, das Richterin Freier im Anschluss an die Plädoyers verkündete, lautete: fünf Monate Freiheitsentzug wegen Körperverletzung in Tateinheit mit Bedrohung und Beleidigung. Die Strafe wird auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, gegen Zahlung einer Geldauflage von 1000 Euro an das SOS-Kinderdorf Oberberken. Der Verurteilte hat mindestens sechs Beratungsgespräche bei der Suchtberatung Schorndorf zu absolvieren und wird einem Bewährungshelfer unterstellt. Zudem muss er die Kosten des Verfahrens übernehmen.

Doch von vorn: Der Angeklagte ist mit Alkohol aufgewachsen. Bereits mit fünfzehn Jahren trank er Most, Bier und Wein, später kam der Schnaps dazu. Vor knapp zehn Jahren, als die pflegebedürftigen Eltern starben und seine Ehe in die Brüche ging, hatte er alkoholbedingt den Führerschein abgeben und sich einer medizinisch-psychologischen Untersuchung unterwerfen müssen, um ihn wiederzubekommen.

Lebenskrise durch Corona-Pandemie

Nun stürzte die Corona-Pandemie den Angeklagten in eine neue Lebenskrise. Aus Angst vor der Krankheit und möglicher Ansteckung habe er in seiner Wohnung das Bett so gut wie nicht mehr verlassen, erzählte der 51-Jährige der gleichermaßen zielstrebig wie einfühlsam fragenden Richterin. Über das Internet versorgte er sich mit Schnaps, Whisky und Wodka. Die Branntweinflaschen, Rotwein und Bierkästen standen neben seinem Bett, der Fernseher war im Dauerbetrieb. Er sei nur mit Nachrichten über Corona bombardiert worden, habe sein Leben Revue passieren lassen, sich Gedanken über Gott und die Welt gemacht. Unter anderem auch über das Ehepaar, das von ihm eine Wohnung gemietet hatte. Der Ehemann sei ihm sympathisch, die Ehefrau nicht.

Mit Nachrichten bombardiert

Sie beschwert sich, dass er die Musik zu laut aufgedreht hat, mit Freunden feiert oder einfach nur zu viel Lärm verursacht. Es sei schon mal die Polizei angerückt und habe eine Party, die er mit Freunden nächtens feierte, aufgelöst. Ihm erscheint sie abweisend, arrogant. Also hat er angefangen, das Ehepaar mit Whatsapp-Nachrichten zu bombardieren, wirre, konfuse Botschaften.

Er habe schon immer Alkohol getrunken und dann Unsinn von sich gegeben, aber mit dem Schnaps habe sich sein Verhalten verändert. Als die Corona-Zeit begann, wurde es extrem, er habe sich „eingeigelt“, sei „geradezu panisch“ geworden. Im volltrunkenen Zustand sei er „wirr im Kopf“ gewesen, „komische Dinge“ seien geschehen: Er zerschnitt dem Mieter zum Beispiel einen Autoreifen.

An Schreckschusspistole erinnert

An und für sich sei ihr Vermieter ein umgänglicher Mensch, erzählt der Ehemann, anfangs seien sie auch ab und zu zusammengesessen und hätten gegrillt. „Dann hatte er eben eine schlechte Phase, das gestehe ich jedem Menschen zu.“

Angetrunken, mit einer Atemluftalkoholkonzentration von 1,01 Milligramm pro Liter, aber nicht volltrunken, betonte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft bei der Verlesung der Anklage, sei ihm an einem Tag im März nachmittags der „blödsinnige Einfall“ gekommen, erklärte der Angeklagte, sich gegenüber der Ehefrau Respekt zu verschaffen. Er erinnerte sich an eine Schreckschusspistole, die er vor ein paar Jahren einem Bekannten abgekauft hatte. „Wofür ist so eine Pistole gut? Wer braucht so etwas?“, habe er sich gefragt. Was sonst könne er damit anfangen, als seine Mieterin zu erschrecken? Also schnappte er sich die ungeladene Pistole, klingelte bei seiner Mieterin, und als sie die Wohnungstür öffnete, hielt er ihr mit ausgestreckten Armen auf Kopf-BrustHöhe die Pistole entgegen und kündigte an: „Ich erschieße dich!“

Panikattacke erlitten

Reflexartig schlug sie die Tür wieder zu. Dadurch, dass sie die Tür „zubatschte“, habe sie ihm die Möglichkeit genommen, mit ihr zu reden und „die Situation wieder einzufangen“. Während die Frau in Panik ins Badezimmer flüchtete und die Polizei alarmierte, trat er gegen die Tür, schrie und beleidigte sie.

Bis zum Eintreffen der Polizei seien es die längsten zwanzig Minuten ihres Lebens gewesen, erzählte die Frau, die eine Panikattacke erlitt und seither an einer Angststörung leidet. „Fix und alle war sie nach diesem Vorfall, sie zitterte und heulte“, beschrieb der Ehemann den Zustand des Opfers.

Der an diesem Nachmittag massiv in Urbach aufmarschierten Polizei gegenüber erwies sich der Täter als entgegenkommend und hilfsbereit. Widerstandslos ließ er sich festnehmen. Er erklärte den Beamten sogar, wo sich die Schreckschusspistole befand, „damit sie nicht suchen müssen und eine Unordnung anrichten,“ so seine Erklärung.

Auf der Suche nach einer Wohnung

Die Unordnung in seinem Leben wird allerdings noch eine Weile andauern: Nachdem er auf Grundlage des Gewaltschutzgesetzes zunächst für zwei Wochen aus seiner Wohnung gewiesen wurde, kam es im März in Lorch zu einem weiteren Zwischenfall, bei dem ihm ein tätlicher Angriff auf eine Frau vorgeworfen wird. Im April verstieß er gegen das gegen ihn verhängte Annäherungsverbot, indem er mit 1,43 Promille bei seinen Mietern erneut an der Tür klingelte und mitteilte, dass an diesem Tag Heizöl angeliefert werde. Im Juni wurden ihm der Führerschein und die Fahrerlaubnis entzogen.

Seine Mieter sind ebenfalls auf der Suche nach einer anderen Wohnung, wobei allerdings die Gesundheit seiner Frau das vordringlichste Problem sei, so der Ehemann.

„Ich kaufe garantiert keine Pistole mehr und wünschte mir, dass ich nicht auf die blöde Idee gekommen wäre. Die Konsequenzen waren mir nicht bewusst“, so der abschließende Kommentar des Sünders.

„Ihr Problem ist der Alkohol. Wenn Sie getrunken haben, dann machen Sie Quatsch. Lassen Sie die Finger ganz weg. Und probieren Sie auch nicht aus, ob Ihnen ein Feierabendbier schmeckt, und wie viel Sie trinken können, ohne die Kontrolle zu verlieren. Das funktioniert nämlich nicht“, gab Richterin Petra Freier dem Angeklagten als gut gemeinte Empfehlung mit auf den Weg, als er am Donnerstag im Schorndorfer Amtsgericht vor ihr stand.

Mit Alkohol aufgewachsen

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