Schorndorf

Vergewaltigung, Schläge – Liebe

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf. Der Angeklagte kommt zwar mit rund 45-minütiger Verspätung in den Gerichtssaal, zeigt sich aber schon kurz nach Verlesung der Anklage geständig. Ja, er habe seine Freundin vergewaltigt, ja, er habe sie geschlagen und gewürgt. Das wird ihm knapp drei Stunden später beim Urteil helfen. Er bekommt zwei Jahre Gefängnis. Auf Bewährung. Das war knapp.

Denn wäre das Schöffengericht unter Vorsitz von Richterin Doris Greiner dem Antrag der Staatsanwältin Marie Fischer gefolgt (zwei Jahre und sechs Monate), wäre eine Bewährung nicht mehr möglich gewesen. Dem Angeklagten hätte der Weg schnurstracks ins Gefängnis nicht erspart werden können, obwohl er sich bis auf einen Strafbefehl wegen Trunkenheit im Verkehr vor mehr als vier Jahren nichts zuschulden hat kommen lassen. Wer’s nicht weiß: Eine Bewährung kann nur bei Strafen bis maximal zwei Jahre Gefängnis ausgesprochen werden.

Der Angeklagte räumt die Vergewaltigung freiweg ein

Um Verkehr, allerdings in einem gänzlich anderen Sinne, ging’s auch jetzt in der Verhandlung. Hung V. (alle Namen geändert) wurde vorgeworfen, irgendwann Ende April/Anfang Mai dieses Jahres (der genaue Zeitpunkt war nicht zu ermitteln, dazu später mehr) seine Freundin Bian V. – sie trägt zufällig den gleichen Nachnamen, die beiden sind aber weder verheiratet noch verwandt – vergewaltigt zu haben. Ans Licht kam diese Tat, die der 25-jährige Hung wie gesagt freiweg einräumte, weil es am 30. Juni 2016 einen „unschönen körperlichen Streit in einer Beziehung“ (Doris Greiner) gab. In der Beziehung zwischen Hung und Bian nämlich, wobei es nach den Worten der Richterin „in der Tat verwirrend und schwierig ist, den Tathergang zu rekonstruieren“. Für Verteidiger Dr. Max Klinger „liegt hier eine sehr spezifische Beziehungstat vor, da hat man sich wohl nichts geschenkt“.

Mit Aktbildern erpresst

Was ist an besagtem 30. Juni geschehen? Bian, die offenbar gerne als Aktmodell agiert und sich von verschiedenen Leuten fotografieren lässt, hat entdeckt, dass entsprechende Bilder von ihr auf Hungs Handy beziehungsweise Laptop sind. Er hat sie von ihrem Mobiltelefon abfotografiert. Etwa gleichzeitig erhält sie die erpresserische Nachricht von einer unbekannten Person, dass diese Bilder ins Netz gestellt werden. Die 26-jährige Studentin glaubt, dass ihr Freund, mit dem sie seit fünf Monaten zusammenlebt, der Übeltäter ist. Sie schreibt ihm eine SMS („Du kannst dich verpissen, nimm deine Sachen mit“). Die Nachricht erreicht Hung während der Arbeit, die er nach Absprache mit seinem Chef sofort abbricht und nach Hause geht. „Um die Sache zu klären“, wie er sagt.

Angst, aber keine Todesangst

Daheim angekommen, wird er von seiner Freundin zur Rede gestellt. Er entschuldigt sich fürs Fotografieren der Bilder, sie ist weiterhin sauer, sagt aber, sie habe Hunger. Hung geht einkaufen, kommt zurück, kocht. Zur Beruhigung der Situation trägt das alles nicht bei. Bian packt ihre Sachen, will gehen, nimmt seinen Laptop mit, weil da die Bilder von ihr drauf sind. Hung will das nicht zulassen, es kommt zu Handgreiflichkeiten. Ob die junge Frau ihrem Freund den Laptop auf den Kopf geschlagen hat, lässt sich nicht genau klären. Sicher ist aber, dass sich die zwei geschlagen haben. Hung räumt auch ein, seine Freundin gewürgt zu haben („Das hab ich getan, damit ich ihre Stimme nicht mehr höre“) – das bringt ihm vor Gericht eine Strafe wegen Körperverletzung ein. „Er hat sie gewürgt, das ist der entscheidende Punkt“, stellt Richterin Greiner klar. Da spiele es auch keine Rolle, dass Bian im Zeugenstand sagte, sie habe Angst, aber keine Todesangst verspürt (bei der Polizei hatte das noch anders geklungen).

Mit dem Lockenstab an der Stirn verletzt

Apropos Polizei: Sie kommt an diesem 30. Juni 2016 logischerweise auch ins Spiel, weil sonst der Fall nie vor dem Kadi gelandet wäre. Denn Bian will zur Wohnungstür raus, Hung (er war zwischendurch mal auf dem Dach ausgesperrt, drückte aber ein Fenster ein und gelangte so wieder in die Wohnung) holt sie zurück, wirft sie erneut auf den Boden, sie schnappt sich einen Lockenstab, haut ihn ihm so auf den Kopf, dass er an der Stirn verletzt wird. Dieser Teil der Geschichte endet so, dass es der 26-Jährigen gelingt, eine Nachbarin auf die Situation aufmerksam zu machen. Sie holt die Polizei, der Angeklagte flüchtet aus der Wohnung, fährt zu seinen Eltern, ebenfalls in Schorndorf; und gibt sich offenbar die Kante: „Ich wollte mir die Birne abschießen nach dem ganzen Theater.“ Als Hung etwa zwei Stunden später festgenommen wird, hat er knapp ein Promille. Der Alkohol spielt bei diesem Vergehen keine Rolle, denn er wurde hinterher getrunken.

Bei der Vergewaltigung war Alkohol im Spiel

Anders bei der Vergewaltigung. Hier war vorher Alkohol im Spiel – sowohl beim Täter als auch beim Opfer. Die zwei waren auf einer Geburtstagsfeier, gingen nach Hause, Hung wollte Sex („ich musste immer den ersten Schritt machen, damit wir Sex hatten“), Bian nicht („Ich bin müde, ich will schlafen“). Die junge Frau versuchte, sich den Annäherungsversuchen ihres Freundes zu entziehen, stand auf, zog sich einen Bademantel an. Hung ging hinterher, riss ihr das Kleidungsstück vom Leib, warf sie aufs Bett, hielt ihre Arme fest, sie wehrte sich, er drang gewaltsam in sie ein. Nicht lange offenbar („Es macht keinen Spaß, wenn’s ihr keinen Spaß macht“), zum Samenerguss kam es jedenfalls nicht.

„Wenn du das noch einmal machst, bringe ich dich um.“

Es stand auch noch der Vorwurf im Raum, der Angeklagte habe die Frau zum Analverkehr zwingen wollen. Daran kann sich Hung „nicht erinnern“, seine Freundin erwähnt es im Zeugenstand auch nicht mehr. Sie spricht vielmehr davon, dass es eine „sexuelle Nötigung war, aber keine Vergewaltigung“. Worauf sie sich von Richterin Doris Greiner allerdings sagen lassen muss, die Würdigung des Geschehens sei einzig und allein Sache des Gerichts. Bian ist aber, das räumt sie ein, nach dem Vorfall in die Küche gegangen, hat ein Messer geholt und zu ihrem Freund gesagt: „Wenn du das noch einmal machst, bringe ich dich um.“

Das Opfer: „Ich habe Gefühle für ihn“ – nach wie vor

Hung und Bian haben nach dem von ihm erzwungenen Sex weiter zusammengelebt, als sei nichts geschehen. Vielleicht auch, weil die Studentin das Geld für die Wohnung nicht allein aufbringen kann. Getrennt waren sie dann nach der Streiterei am 30. Juni, weil die Polizei dem Angeklagten eine Annäherung untersagt hat. Etwa zwei Wochen später lebten sie aber wieder unter einem Dach. Die junge Frau sagt: „Ich habe Gefühle für ihn und kann nicht abstreiten, dass ich ihn liebe.“ Sie brauche „seine Zuneigung, seine Nähe“. Für ihren Freund ist „die Beziehung so, als ob der Vorfall nie geschehen wäre“. Den freilich „bereue ich, es tut mir leid“. Und „die Strafe, die ich bekomme, muss ich hinnehmen, um meine Reue zu zeigen“.

Zwei Jahre Haft auf drei Jahre Bewährung

Die Strafe sind insgesamt zwei Jahre Haft auf drei Jahre Bewährung. Den Großteil macht die Vergewaltigung aus. Hung V. muss zudem 2000 Euro in Raten an den „Weißen Ring“ zahlen und die Kosten des Verfahrens tragen.

Der junge Mann ist einverstanden. Er nimmt das Urteil an. Wenig später verlässt er den Gerichtssaal als freier Mann. An seiner Seite: die Freundin.

Das Zitat

„Vergewaltigung ist auch in einer Beziehung zu verfolgen, wenn sie bekannt wird. Das muss die Überschrift sein.“ – Richterin Doris Greiner in der Urteilsverkündung.