Schorndorf

Verkehrsversuch Weiler: Einbahnstraßenring für OB Klopfer „alternativlos“

Verkehrsversuchs Weiler
Bürgermeister Hemmerich, OB Klopfer, Jessica Pulzer von der Straßenverkehrsbehörde und der Weilermer Ortsvorsteher Beck (v. r.) haben in der Künkelinhalle über den Verkehrsversuch informiert. © Gabriel Habermann

Der Verkehrsversuch Weiler ist auf ein Jahr angelegt und wird auch erst im Mai 2021 beendet. Tatsächlich ist er für Oberbürgermeister Matthias Klopfer und Ersten Bürgermeister Edgar Hemmerich aber schon jetzt „alternativlos“. Auch Ortsvorsteher Klaus Beck, der sich seit Jahren mit dem Thema befasst, sieht keine andere Möglichkeit: Da es um die Verkehrssicherheit im Ort geht, gibt es für sie keine bessere Lösung und kein milderes Mittel, als den Verkehr über einen Einbahnstraßenzwilling zu leiten. Das freilich sehen Anwohner der stark belasteten Stettiner Straße anders.

Am Montag, einen Tag vor der lange versprochenen Bürgerinformationsveranstaltung in der Künkelinhalle, haben drei von ihnen bei der Stadtverwaltung Widerspruch gegen die Verkehrsführung eingelegt. Sollte dieser abgewiesen werden, wollen sie sich an das Regierungspräsidium, gegebenenfalls sogar an das Verwaltungsgericht wenden. Für sie hat nicht nur die Verkehrsbelastung in der Wohnstraße enorm zugenommen, sie sehen deutlich mehr Gefahrenpotenzial: Haben sich laut Zählungen der Stadt vor dem Verkehrsversuch täglich 6000 Fahrzeuge durch die Winterbacher Straße gedrückt, sind’s aktuell gerade noch 1000. In der Stettiner Straße ist die Zahl dafür von 850 Fahrzeugen auf 3200 gestiegen. Und wurde vorher immer beklagt, dass in der engen Ortsdurchfahrt Busse und Lastwagen im Begegnungsverkehr auf die Gehwege ausweichen, beobachten die Anwohner in der Stettiner Straße jetzt bei sich vor der Haustür genau das gleiche Problem: Immer wieder werde auf die abgesenkten Gehwege ausgewichen, vor allem im Begegnungsverkehr zur Schorndorfer Straße hin.

85 Prozent fahren 38 km/h auf der Stettiner Straße

An dieser Stelle, versprach OB Klopfer, wolle die Stadt nachbessern, womöglich sogar ein Halteverbot aussprechen. Wie überhaupt noch nachjustiert werden soll: Doch die Idee, gegenläufige Radschutzstreifen anzubringen, hat die Verkehrsbehörde bereits fallengelassen, da die Straße sich, wenn man auf die Parkplätze am Rand verzichte, optisch verbreitern würde. Der V85-Wert, also die Geschwindigkeit, an die sich 85 Prozent der Verkehrsteilnehmer halten und der in der Stettiner Straße aktuell bei 38 Stundenkilometern (und in der Winterbacher Straße bei 32 Stundenkilometern) liegt, würde sich nach Einschätzung der Stadt erhöhen. Stattdessen soll die Straße für den gegenläufigen Radverkehr geöffnet werden. In der Winterbacher Straße sei das angesichts der Engstellen und der schlechten Übersicht nicht möglich. Außerdem sollen Einfahrtsverbotsschilder, Pfeilmarkierungen und halbseitige Straßen-Einengungen die geänderte Verkehrsführung stärker verdeutlichen. Aus Verkehrssicherheitsgründen wird gegenüber den Einmündungen Bahnhof- und Brünner Straße eine Sperrfläche angebracht. Die ausgebleichte Markierung des Fußgängerüberwegs am Remsgässle soll erneuert werden.

Nicht berücksichtigt wurden indes die Kompromissvorschläge der Bürgerinitiative Stettiner Straße, die nur den Schwerlastverkehr und die Busse im Einbahnstraßenring kreisen lassen wollte, und der Lokalen Agenda, die Radfahrern auf dem Remstalradweg, der von der Pfarrgasse über das Remsgässle auf die Stettiner Straße und weiter führt, an der Kreuzung mit den beiden Durchfahrtstraße Vorfahrt einräumen wollte.

Tatsächlich fragt sich Siegfried Lasch, Sprecher der Bürgerinitiative, am Tag nach der Informationsveranstaltung, ob die Zahlen, mit denen die Stadt argumentiert, überhaupt stimmen können: Bisher sei man von täglich 7500 Fahrzeugen in Weiler ausgegangen, jetzt soll sich die Belastung in der Winterbacher Straße von 6000 auf 1000 verringert und in der Stettiner Straße von 850 auf 3200 erhöht haben – bleibt eine Differenz von 3300 Fahrzeugen und die Frage: Wo sind die hin?

"Schulkinder in höchstem Maße gefährdet"

Weil ihn das Thema mittlerweile zu sehr aufregt, hat Lasch sich in der Künkelinhalle nicht geäußert und hat seinem Anwalt die Sache übergeben. Doch kritische Wortmeldungen gab es: Regina Siller-Alsleben, ebenfalls aus der Stettiner Straße, findet die Einbahnstraßenregelung gar nicht gut – und klagt über deutlich mehr Verkehr, eine höhere Lärmbelastung und Autofahrer, die „über die Gehwege rasen“. Vor allem im Begegnungsverkehr zwischen der Einmündung Bahnhof- und Schorndorfer Straße sind nach ihrer Beobachtung „Schulkinder in höchstem Maße gefährdet“. Aus ihrer Sicht müsse die Ortsdurchfahrt – vor allem für den Ausweichverkehr von der B 29 – „ungemütlicher“ werden.

Auch Ingo Sombrutzki, bis Mai 2019 CDU-Stadtrat, plädierte dafür, die Strecke unattraktiver zu machen. In der aktuellen Verkehrsführung sieht er eine „Verschlimmbesserung“: Es gebe jetzt zwar weniger Engstellen auf der Ortsdurchfahrt, nach seiner Beobachtung werde aber schneller gefahren. Und der Einzelhandel, der auch vom Durchfahrtsverkehr lebe und in der Corona-Krise leide, müsse gestärkt und nicht zusätzlich geschwächt werden. Aus seiner Sicht wäre eine Umgehungsstraße – vielleicht auch als Teillösung – sinnvoll, außerdem Tempo 20 auf der Ortsdurchfahrt und ein Ausbau des Tuscaloosa-Kreisels in Schorndorf, hinter dem sich täglich im Feierabendverkehr ein langer, gefährlicher Rückstau auf die B 29 bildet.

Die Situation des Handels ist auch für Klopfer „kommunalpolitisch bedeutsam“, doch Tempo 20 sei rechtlich nicht durchzusetzen und für eine Ortsumfahrung fehle nicht nur der Platz, sondern auch das Geld. Doch der Umbau des Tuscaloosa-Kreisels soll angegangen werden – allerdings muss dafür nach Auskunft von Pressesprecherin Nicole Amolsch noch eine Verkehrsprognose für 2035 in Auftrag und beim Regierungspräsidium eingereicht werden. Denkbar sind für Klopfer, auch wenn er keine Zusagen machen will, stationäre Geschwindigkeitsmessungen und weitere Fußgängerüberwege.

Verständnis für den Prostest in der Stettiner Straße

Dass die Anwohner der Stettiner Straße protestieren, dafür haben OB Klopfer, Bürgermeister Hemmerich und Ortsvorsteher Beck durchaus Verständnis. Gleichzeitig machte Klopfer aber auch klar: Es werde keine Bürgerbeteiligung geben und der Verkehrsversuch wird auch nicht Sache des Gemeinderats sein, sondern ist die Entscheidung der Straßenverkehrsbehörde. Die halte sich an Recht und Ordnung – und orientiere sich an der rechtlichen Würdigung des Regierungspräsidiums als übergeordneter Behörde. Ausschlaggebend ist für Klopfer auch die Begründung, mit der der Petitionsausschuss des Landtags vor zwei Jahren Einwände aus Weiler abgeschmettert hat – weil keine andere Lösung zur Verbesserung der Verkehrssicherheit in Weiler „zur Verfügung steht“.

Doch es gibt natürlich auch die zufriedenen Weilermer: Für einen Anwohner, der an der Winterbacher Straße direkt gegenüber der Metzgerei Fritz wohnt, hat sich die Sicherheit deutlich erhöht. Doch eine Unfallhäufungsstelle, also eine Stelle, an der zwischen fünf und zehn gleichartige Unfälle passiert sind, erläuterte Hemmerich, war die Winterbacher Straße nie – und ist auch die Stettiner Straße nicht. Bleibt zu hoffen, dass sich Klopfers Wunsch erfüllt, „dass man in Weiler ab Sommer 2021 nach vorne schaut“.

Der Verkehrsversuch Weiler ist auf ein Jahr angelegt und wird auch erst im Mai 2021 beendet. Tatsächlich ist er für Oberbürgermeister Matthias Klopfer und Ersten Bürgermeister Edgar Hemmerich aber schon jetzt „alternativlos“. Auch Ortsvorsteher Klaus Beck, der sich seit Jahren mit dem Thema befasst, sieht keine andere Möglichkeit: Da es um die Verkehrssicherheit im Ort geht, gibt es für sie keine bessere Lösung und kein milderes Mittel, als den Verkehr über einen Einbahnstraßenzwilling zu

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