Schorndorf

Viele alte Öfen: Ist die Klimawende in Schorndorf bis 2035 zu schaffen?

Frau am Kamin
Auch die Heizungen wirken sich auf den Klimawandel aus. Die Stadt erarbeitet deshalb einen Wärmeplan. © Alexandr Podvalny/Pixabay

Es war eine echte Aufbruchstimmung im März 2021. Damals hatte der Gemeinderat mit überwältigender Mehrheit dafür gestimmt, dass Schorndorf bis 2035 klimaneutral werden soll. 15 Monate später ist von dieser Stimmung nicht mehr viel zu spüren. „Mir kommen Zweifel, ob wir unser Ziel je erreichen“, so CDU-Chef Hermann Beutel im Technischen Ausschuss. Stadtrat Gerald Junginger (FDP/FW) forderte, bei der Realität zu bleiben, und bezeichnete das Ziel bis 2035 als nicht machbar. Andreas Schneider wiederum nutzte das etwas sperrig klingende Thema „Kommunale Wärmeplanung“ einmal mehr dafür, mit seinem Lieblingshass-Stück, der Stadtbücherei, abzurechnen. Was war geschehen? Warum war die ehemals gute Stimmung angesichts der Schorndorfer Heizungen derart gekippt? Frostige Stimmung wegen alter Öfen?

Erhebliche Anstrengungen in umweltgerechte Heizungen

Um die Klimaneutralität zu erreichen, wird es ohne städtische Wärmeplanung nicht gehen: Das war ein Fazit in der jüngsten Sitzung des Technischen Ausschusses, in der ein Zwischenstand der vom Land geforderten Planung vorgestellt wurde. Erhebliche Anstrengungen in umweltgerechte Heizsysteme sind nötig, um das gesteckte Ziel der Klimaneutralität zu schaffen. Ein paar Fakten vorweg: Der überwiegende Anteil am gesamten Wärme-Endenergiebedarf wird in Schorndorf mit rund 75 Prozent von den Privathaushalten abgerufen. Rund 14 Prozent des Energiebedarfs werden von Gewerbe, Handel und Dienstleistung verbraucht. Der restliche Energieverbrauch in Schorndorf verteilt sich auf die Industrie (rund zehn Prozent) und die kommunale Verwaltung (zwei Prozent). Untersucht wurden auf Basis der Daten von Kaminfegern 10 000 Gebäude in der Stadt. Diese werden von Heizungen gewärmt, bei denen mehr als die Hälfte älter als 15 Jahre ist, 17 Prozent der Heizsysteme sind sogar mehr als 30 Jahre alt. Besonders in den letzten zehn Jahren wurden überwiegend Gas-Heizungen verbaut, während mit Öl immer weniger geheizt wird.

Alte Heizungen sind ein Vorteil für die Energiewende

Dass die Heizungen überwiegend alt sind, interpretieren die Macher des Beratungsunternehmens Endura Kommunal übrigens als Pluspunkt, weil die Heizungen über kurz oder lang sowieso ausgetauscht werden müssten. Im nächsten Schritt soll das Potenzial zur Erzeugung klimaneutraler Wärme untersucht, ein Wärmeplan erstellt werden. Dieser soll als informelle Planungsgrundlage zur Verfügung stehen.

Schon jetzt meldete Hermann Beutel (CDU) angesichts von 10.000 Gebäuden mit zahlreichen veralteten Heizungen allerdings Zweifel an. „Wo kriegen wir Handwerker her, woher nehmen wir die Anlagen?“, fragte er angesichts der derzeitigen Flaute auf dem Markt. Und: „Sind wir auf einem realistischen Weg?“ Gleichzeitig warnte Beutel vor der Konkurrenz zwischen Klimaschutz und Landwirtschaft, wenn aus Feldern Flächen für Solarthermie werden würden. „Da sollten wir uns ehrlich machen“, forderte er. Und warnte davor, zufrieden auf den Terrassen zu sitzen, während keine Nahrungsmittel mehr produziert werden und die Leute woanders verhungern. Beutel forderte er auf, über Kompensationszahlungen nachzudenken: „Wir brauchen Zeit.“

Dass die Sanierung von Gebäuden ein „spannendes Thema“ und die Klimaziele der Stadt ambitioniert sind, räumte auch Maximilian Schmid von Endura ein. „Die kommunale Wärmeplanung zeigt, dass eine riesige Aufgabe vor uns liegt“, sagte er. Oberbürgermeister Bernd Hornikel erinnerte dagegen daran, dass es aktuell nur um die möglichen Heizpotenziale gehe, die Lösungen aber erst erarbeitet werden müssten. „Diese Analyse soll die Basis sein“, sagte er. Die Marke 2035 sei indes schon deshalb wichtig, um ein klares Ziel vor Augen zu haben. Potenziale sieht Werner Neher (GLS) etwa in den vielen freien Flächen in den Industriegebieten, die sich aus seiner Sicht zur Installation von Fotovoltaik- und Solarthermieanlagen eignen würden: unter anderem das Gebäude der Manufaktur und die Südseite der Stadtwerke. Zudem erinnerte er an einen Antrag der GLS, auf Parkplätzen Fotovoltaik-Faltdächer aufzustellen. Ein Antrag, zu dem die Stadtverwaltung noch nicht Stellung genommen habe.

Jetzt anfangen: Es gibt kein Entweder-oder“

„Wir hatten schon einen Eindruck im Klimaschutzausschuss“, erinnerte Marcel Kühnert (SPD) an eine Beratung, die bedauerlicherweise nichtöffentlich stattgefunden hatte. „Wir kriegen das nur hin, wenn viele private Haushalte mitziehen“, sagte Kühnert. Einfach werde dies nicht, doch der Gemeinderat habe sich Klimaneutralität zum Ziel gesetzt. Und: „Wir müssen so schnell wie möglich anfangen. Es gibt kein Entweder-oder.“ Wobei für Kühnert bei Sanierungen in der Innenstadt auch die Abwägung zwischen Denkmalschutz und Klimaschutz ein wesentlicher Punkt war. Seine Überzeugung: „Da muss der Denkmalschutz hinten anstehen. Wir müssen so viel wie möglich machen.“

Andreas Schneider rügt den "Betonklotz"

Angesichts der Förderprogramme zeigte sich Erster Bürgermeister Thorsten Englert in diesem Punkt indes pessimistisch. Die Programme seien nicht geeignet, dass jeder Privathaushalt schlucken werde, was er finanzieren müsse. „Das wird eine Megaaufgabe, die ohne den Staat nicht funktioniert.“ Lars Haise (AfD) forderte, „die Realität anzuerkennen“, und Andreas Schneider prophezeite schon jetzt, dass die Stadt das Ziel bis 2035 nicht erreichen werde, aber kleine Schritte gehen könne. Im Übrigen sei die Stadt kein gutes Vorbild, da sie das Geld für den Gebäudeunterhalt gekürzt habe, der doch ein einfaches Mittel gewesen wäre, um zur Klimaneutralität zu kommen. Der Gemeinderat wolle sich alles leisten, rügte er mit Blick auf den Beschluss zur Stadtbücherei, bei der „ein Betonklotz“ gebaut und Schulden gemacht werden. „Es ist ungut, an Privathaushalte zu appellieren“, so Schneider. „Die öffentliche Hand muss anfangen, wir müssen glaubwürdig bleiben.“

Sabine Reichle: „Bitte keine Kleinkrämerei“

Thorsten Englert konterte damit, dass die Schulden für die Stadtbücherei in 20 Jahren abbezahlt seien, und verwies darauf, dass das Konzept zur Wärmeleitplanung noch gar nicht erstellt sei. „Jetzt sind Sie dran“, sagte er: „Sie können Vorschläge machen zur Pflicht und Kür.“ Sabine Reichle appellierte an ihre Kollegen, jetzt nicht in Kleinkrämerei zu verfallen: „Wir sind alle gefordert.“

Es war eine echte Aufbruchstimmung im März 2021. Damals hatte der Gemeinderat mit überwältigender Mehrheit dafür gestimmt, dass Schorndorf bis 2035 klimaneutral werden soll. 15 Monate später ist von dieser Stimmung nicht mehr viel zu spüren. „Mir kommen Zweifel, ob wir unser Ziel je erreichen“, so CDU-Chef Hermann Beutel im Technischen Ausschuss. Stadtrat Gerald Junginger (FDP/FW) forderte, bei der Realität zu bleiben, und bezeichnete das Ziel bis 2035 als nicht machbar. Andreas Schneider

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