Schorndorf

Vor fünf Jahren, sind sie aus Syrien nach Schorndorf geflohen: Heute wollen sie etwas zurückgeben

Mayar Thlijan
Mais (l.) und Mayar Thlijan (2. v. l.) sind glücklich darüber, dass sie im deutschen Schulsystem Fuß fassen konnten. Ihr Vater Eissa Thlijan ist stolz auf seine erfolgreichen Töchter. © Gabriel Habermann

Mayar Thlijan weiß, wo sie hinwill. Ihr Ziel: ein Krankenhaus, ein weißer Kittel, richtig viel Wissen im Kopf. Menschen helfen. Sie will Ärztin werden. Und sie will allen zeigen, dass das möglich ist. Für das Mädchen, dessen Vater 2015 aus Syrien nach Deutschland floh.

Damals, vor fünf Jahren, da lag die Welt ihrer Familie in Syrien in Scherben. Der Ernährer und Vater arbeitete in zwei Jobs, um die Familie gut über die Runden zu bringen: in einem Restaurant und in einem Lebensmittelgeschäft. Manchmal, wenn er früher nach Hause kam, wussten die heute 18-Jährige und ihre fünf Geschwister schon, dass es eine unruhige Nacht werden würde. Wie oft war die Nacht dann erhellt, von explodierenden Bomben, von wütendem Grollen einschlagender Brandsätze.

Bombennächte: Kalt, laut und ungewiss

Die Fenster hielten sie in solchen Nächten offen, damit die Druckwellen links und rechts niederfallender Bomben nicht die eigenen Fenster zerbersten ließen. Und so waren solche Nächte noch lauter, noch heller - und dazu kalt. Viel zu gut können ihre Schwester Mais und sie sich noch an eine besonders helle und unruhige Nacht erinnern. Was an Süßigkeiten im Haus war, aß die Familie auf. „Wir haben nicht geglaubt, dass wir den nächsten Tag noch erleben.“ Sie haben überlebt. Aber als dann, kurz darauf, der Onkel 18-jährig im Gefängnis starb, einfach nur, weil er an einer Demonstration teilgenommen hatte, seine Meinung geäußert hatte, war endgültig klar: Sie müssen weg aus diesem Land.

Zuerst der Vater. Er brach auf, sollte den Weg bereiten für den Rest der Familie mit sechs Kindern: Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien. Mit dem Zug, mit dem Bus, zu Fuß. Irgendwann nach etwa einem Monat der Reise hieß es schließlich: Karlsruhe. Dann Schorndorf. Die Halle im Berufsschulzentrum. Immerhin, es gab Sicherheit und den ein oder anderen Hoffnungsschimmer. Allerdings auch Streit zwischen den Bewohnern der Halle. Die Gründe: kulturelle Unterschiede, kaum Ruhe, bei etlichen der 100 Mitbewohner war viel zu viel Alkohol im Spiel. Eissa Thlijan erinnert sich heute nur noch kopfschüttelnd an diese erstaunliche Zeit. Aber er hatte Glück. Engagierte aus dem Mühlbachhaus kümmerten sich um ihn, halfen ihm bei den Behörden, sie vermittelten, motivierten, übersetzten.

Zielstrebig wie der Vater

Und so gelang ihm nach drei Monaten in der Halle schon, wovon manche bis heute träumen: Er fand einen Job. Bis heute arbeitet er als Koch im Bistro des Oskar-Frech-Seebades. Dann schließlich wurde klar, dass er die Familie nachholen durfte, er bekam eine große Wohnung vermittelt, in der alle Platz haben würden. Und dann kam sie, die Familie. Endlich waren sie alle wieder zusammen, unter einem Dach. Und die Kinder? Allesamt zielstrebig wie der Vater. „Ich wäre am liebsten gleich am ersten Morgen in die Schule gegangen“; erinnert sich Mayar Thlijan heute. Ein wenig länger dauerte es schon. Aber als sie dann endlich die Schulbank drücken durfte, war sie glücklich.

Ehrenamt und Minijob neben der Schule

Sie hängte sich rein, lernte, begriff, verstand und sog begierig alles auf, was ihr in der Vorbereitungsklasse an der Gottlieb-Daimler-Realschule vermittelt wurde. Schnell konnte sie in eine Regelklasse gehen. Die siebte Klasse Realschule sollte es sein. Sie absolvierte ihr erstes deutsches Schuljahr mit einem Schnitt von 1,9. Sie schaffte es zur 8. und 9. Klasse aufs Gymnasium. Jetzt ist sie auf dem ernährungswissenschaftlichen Gymnasium in Waiblingen angekommen, hat auf dem Weg dorthin mal eben die zehnte Klasse übersprungen. Sie hängt sich rein, lernt, so viel sie kann. Denn ihr Wunsch, Medizin zu studieren, ist für sie klar. „Am liebsten würde ich Kinderärztin werden“, berichtet sie. Nebenher arbeiten Mayar Thlijan und ihre Schwester Mais ehrenamtlich beim Dolmetscherdienst. Vor Gericht, im Rathaus, beim Jobcenter konnten die beiden schon etliche Male helfen. Außerdem haben beide junge Frauen einen Minijob, durch den sie am Wochenende Geld verdienen können. Für Mayar Thlijan ist klar: „Ich will nicht einfach leben, ohne Eindruck zu machen.“ Natürlich seien sie als Flüchtlinge wegen des Krieges hergekommen.

„Aber wir haben unsere Ziele und unseren Erfolg mitgebracht und zumindest wollen wir Steuern zahlen für die Stadt, die uns Sicherheit gegeben hat, die Sicherheit, die wir in unserer Heimat nicht mehr gefunden haben.“

Mayar Thlijan weiß, wo sie hinwill. Ihr Ziel: ein Krankenhaus, ein weißer Kittel, richtig viel Wissen im Kopf. Menschen helfen. Sie will Ärztin werden. Und sie will allen zeigen, dass das möglich ist. Für das Mädchen, dessen Vater 2015 aus Syrien nach Deutschland floh.

Damals, vor fünf Jahren, da lag die Welt ihrer Familie in Syrien in Scherben. Der Ernährer und Vater arbeitete in zwei Jobs, um die Familie gut über die Runden zu bringen: in einem Restaurant und in einem

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper