Schorndorf

Warum auch Männer vom Feminismus profitieren

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Annika Bohn, Ethnologin und systemische Familientherapeutin aus Mannheim, sprach auf Einladung von Bündnis 90/Die Grünen im Familienzentrum über die positiven Seiten des Feminismus. © Büttner/ZVW

Schorndorf. Feminismus hat einen schlechten Ruf und wird von Männern oft als Angriff verstanden. Dabei kann Feminismus auch als Haltung begriffen werden, mit der Frauen und Männer gemeinsam zu einem besseren, entspannteren Leben finden.

In einer kleinen Diskussionsrunde, veranstaltet von Bündnis 90/Die Grünen im Familienzentrum, kristallisierte sich heraus: Sehen sich Mütter und Väter als Team, das sich Erwerbs- und Familienarbeit gleichberechtigt teilt, profitieren alle.

Väter, die sich in Vollzeit fürs Familieneinkommen abrackern, und Mütter, die sich zwischen Teilzeitjob, Kinderbetreuung und unbezahlter Hausarbeit zerreiben. Glücklich macht das klassische Rollenmodell nach Beobachtung von Annika Bohn nicht: Als Referentin zur Feminismus-Diskussion in der Veranstaltungsreihe „100 Jahre Frauenwahlrecht“ nach Schorndorf geladen, leitete die Mannheimer Ethnologin und systemische Familientherapeutin ihre wissenschaftlichen und therapeutischen Überlegungen mit der Geschichte einer Freundin ein, die ihr vergangene Woche im Auto von ihrem anstrengenden Leben berichtet hat: Von Haushalt, Kinderbetreuung, Teilzeitjob und hohen Ansprüchen belastet, „erzählt sie nicht, sie klagt an, wie viele Mütter“.

Männer: „So viel mehr als erwerbstätiges Familienmitglied“

Um sich das Leben einfacher zu machen, ist Bohn überzeugt, müsste sie aktiv werden und es schaffen, den Partner mehr einzubinden. Denn: „Die Bewältigung des Alltags setzt enorme Kräfte voraus.“ Gerade darum ist es der Therapeutin schleierhaft, wie es vielen Männern gelingt, „ihren Partnerinnen zuzusehen, wie sie sich abstrampeln“. Ich habe ein Kind, zu dem ich eine Beziehung aufbauen möchte, und eigene Interessen in der Partnerschaft – diese Haltung auch dem Arbeitgeber gegenüber zum Ausdruck zu bringen, das möchte sie Männern mit auf den Weg geben.

Und sie könnten von einer solchen feministischen Einstellung, die es nicht beim Gleichberechtigungsgerede belässt, ja auch profitieren: Allein fürs Familieneinkommen verantwortlich sein und aus Zeitmangel keine Beziehung zum eigenen Kind aufbauen zu können, ist belastend. „Männer können entdecken, dass sie so viel mehr sind als erwerbstätiges Familienmitglied.“ Den Feminismus müssen sie also gar nicht fürchten, „sie profitieren davon“, ist auch Andrea Sieber, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Gemeinderat, überzeugt.

Männer bleiben immer öfter zuhause

Und es gibt Nachholbedarf: Gerade mal drei Paare kann Sieber aus ihrem Bekanntenkreis aufzählen, die sich gleichberechtigt Erwerbs- und Familienarbeit teilen und – beide in 80-Prozent-Jobs – viel Qualitätszeit mit ihren Kindern genießen. Mehr Engagement für die Familie, das wünschen sich auch die anderen Frauen in der Diskussionsrunde von den Männern – auch wenn sich schon manches verändert hat: Vor 20 Jahren, erinnert FDP/FW-Stadträtin Sabine Brennenstuhl, habe sie mangels geeigneter Kinderbetreuungsmöglichkeiten nur mit Hilfe der Oma berufstätig sein können.

Heute ist eine 50-Wochenstunden-Betreuung „kein Problem“. Dazu komme, ergänzt Beate Härer vom CDU-Stadtverband, das Elterngeld: „Es werden immer mehr Männer, die auch mal ein halbes Jahr zu Hause bleiben.“ Veränderungspotenzial liegt für sie auch in der Erziehung, die Söhne nicht zu Paschas macht, sondern ihnen (und den Vätern) Hausarbeit auch zutraut.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit

Doch Annika Bohn sieht auch strukturellen Veränderungsbedarf: Nicht jedes Einkommen lasse es zu, dass beide Partner in Teilzeit arbeiten. In manchen Berufen sei Teilzeit (noch) nicht möglich, der Karriereknick, der damit oft verbunden ist, in Männerkreisen nicht akzeptiert. Womit die Diskussionsrunde mitten in einer gesellschaftlichen Debatte war: Wie wird Leistung eigentlich bemessen? Was ist so schlecht an Teilzeitstellen? Warum sind produzierende Berufe stets besser bezahlt als sorgende? Die Gesellschaft profitiert von Ehrenamtlichen, die unbezahlte Arbeit machen – auch damit andere arbeiten gehen können. Die Staffelung des Elterngelds und die Steuerklassen, die für Frauen oft mit noch weniger Einkommenserlösen einhergehen – ebenfalls kritikwürdig.



Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, das hingegen ist ein politischer Ansatz, der Frauen und Männern helfen würde. Und dieser hat schon geholfen: Seitdem es die von der grün-roten Landesregierung eingeführte praxisorientierte Ausbildung mit Azubi-Gehalt gibt, strömen junge Männer in den Erzieherberuf. „Mit dem Geld kommt das andere Geschlecht“, ist Andrea Sieber überzeugt.

Das von der Bundesregierung gerade beschlossene Rückkehrrecht auf Vollzeit hingegen wird nach ihrem Dafürhalten vermutlich verpuffen: Von den 5,1 Millionen in Teilzeit arbeitenden Müttern sind zwei Drittel in kleineren Betrieben beschäftigt. Die sogenannte Brückenteilzeit gilt aber nur für Beschäftigte in Firmen ab 45 Mitarbeitern. Sprich: Die große Mehrheit der Frauen kommt gar nicht in den Genuss „einer eigentlich guten Idee“. Und verändern sollte sich auch die seit Jahren auf 25 Prozent stagnierende Frauenquote im Schorndorfer Gemeinderat. Doch da hilft eigentlich nur eines: Frauen wählt Frauen!

Männer-Manifest für Gleichberechtigung

Aus dem Jahr 2010 stammt ein von Grünen-Politikern unterzeichnetes „Männer-Manifest für Gleichberechtigung und männlichen Feminismus“, das den Geist der geschlechtlichen Polarität in unserer Gesellschaft kritisiert, der Frauen auf Weiblichkeit und Männer auf Männlichkeit reduziert: „Damit muss endlich Schluss sein. Wir wollen nicht länger Machos sein müssen, wir wollen Menschen sein!“

Gefordert werden darin nicht nur andere Wochen- und Lebensarbeitsmodelle mit Teilzeitphasen und Sabbatjahren, sondern auch die paritätische Aufteilung der Elternzeit: „Dies würde nicht nur Männern mehr Verantwortung abverlangen, sondern auch die Unternehmen und Arbeiteber zum Umdenken zwingen.“

Am Ende des Manifestes heißt es: „Wir sind keine Dinosaurier mehr. Wir wollen auch keine Alleinernährer sein. Wir wollen weniger Leistungsdruck, bessere gesundheitliche Prävention und mehr wertvolle Zeit. Wir wollen keine Helden der Arbeit sein, wir wollen leben. Wir wollen Macht, Verantwortung und Pflichten teilen und das Korsett alter Geschlechterrollen von uns reißen.“