Schorndorf

Warum Blut aus dem Kongo in den Handys steckt: Workshop in Schorndorf

Lambert Mousseka
Der kongolesische Künstler Lambert Mousseka mit seinen Keramik-Kaurimuscheln „Moneta/Kauris“. © Gabriel Habermann

Der Kongo ist so reich, dass es sein Ruin ist. So jedenfalls konnte man die Klage von Lambert Mousseka über den Zustand seines Landes verstehen. Im äußersten Osten ist die Region Ituri so reich an Bodenschätzen, vor allem an seltenen Erze, wie Kobalt oder Koltan, dass ein schmutziger internationaler Krieg um sie geführt wird. Deren Nutznießer sind wir.

"Die Leute werden gezwungen, in den Minen zu arbeiten"

„Ruckedigu, Blut ist im Schuh!“ So hieß es im Märchen Aschenputtel. Heute, in der neoliberalen Wirklichkeit, klebt Blut vor allem an jedem Handy. Blut aus dem Kongo. Blut auch aus Kinderarbeit. Oft in illegalen Minen, unter unbeschreiblichen Arbeitsbedingungen. Drastisch berichtet der in Kananga/Südkongo geborene Mousseka: „Die Leute werden gezwungen, in den Minen zu arbeiten. Wer nicht genug bringt, verliert seinen Arm.“

Der sogenannte Bürgerkrieg ist ein Verteilungskampf um Rohstoffe

Für solche Schrecken sorgen die unterschiedlichsten bewaffneten Rebellen, die massiv von den Nachbarländern Ruanda und Uganda unterstützt werden, wohin auch die meisten Bodenschätze, so Lambert Mousseka, abfließen. Im Mai dieses Jahres hat die Demokratische Republik Kongo für das Gebiet nun das Kriegsrecht ausgerufen.

Die Nachfrage der Technologiekonzerne auf dem Weltmarkt ist riesig 

Das hat die Lage für die Bevölkerung nicht besser oder gar sicherer gemacht. Im Gegenteil. Mousseka sagt über die Korruption in seinem Heimatland: „70 bis 80 Prozent der Politiker haben ihre Milizen.“ Zwei Millionen von den 5,7 Millionen Einwohnern der Region Ituri sollen inzwischen Vertriebene sein. Doch der sogenannte Bürgerkrieg ist vor allem ein Verteilungskampf um die Rohstoffe. Die Nachfrage der Technologiekonzerne auf dem Weltmarkt ist riesig. Diese Erze, das muss man wissen, dienen auch zur Umstellung auf E-Mobilität!

„Die Probleme sind entstanden durch die großen Firmen“, meint der 44-Jährige. „Es gab vorher nie Krieg von Stämmen gegeneinander“. Ist es Verklärung der Vergangenheit? Aber wir müssen ernst nehmen, wenn er sagt: „Ich bin aufgewachsen in einem Land von Bodenschätzen ohne Geld. In meiner Kindheit war das Land ein Paradies mit viel Wasser und Wald.“

„Congo is calling.“ Der Kongo ruft an, aber niemand will rangehen.

Mousseka weist auch Ruandas autokratischem Präsident Paul Kagame eine Schuld zu. „Der Ausbeuter unserer Rohstoffe ist Ruanda. Aber Kagane ist nicht das Problem, er hat sich Freunde gesucht, die das ermöglichen.“ Und wer dann ein bisschen weiter recherchiert, stößt etwa auf „Glencore“, den medienscheuen Schweizer Rohstoffgiganten mit seinen fragwürdigen Geschäftspraktiken und Milliardengewinnen.

Der Workshop zum Thema war eine Veranstaltung des Weltladens El Mundo im Rahmen des Kulturprojekts „Gemeinschaft. Jetzt!“ von Stadtkirche, Kulturform und Stadt Schorndorf.

"Man könnte vielleicht die Welt anders gestalten, ohne Politik"

Zusammen mit der Bildungsreferentin des Weltladens, Theresa Fritz, wurde versucht, mit den sechs eingeladenen Künstlern über die Kunst hinaus zu gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Fragen ins Gespräch zu kommen.

„Congo is calling!“ Schöner Titel. Nur, der Kongo ruft an, aber niemand geht ran. Man war leider unter sich. Der Kongo scheint weit weg - und steckt doch, wie zu lernen war, in unser aller Hosentaschen.

Lambert Mousseka, eigentlich ein lebensfroher, optimistischer Mensch, bekennt: „Manchmal sehe und höre ich keine Medien mehr. Ich gehe in mein Atelier und mache etwas anderes.“ Dann denkt er, „man könnte vielleicht die Welt anders gestalten, ohne Politik“.

Das „Herz der Finsternis“ in den versteinerten Metropolen des Konsums

1899 erschien Joseph Conrads großartiger, antikolonialer Roman „Herz der Finsternis“. Diese Finsternis liegt aber nicht im damaligen Belgisch-Kongo, sondern wie der Roman andeutet: Die wirklich finsteren Herzen sind in Brüssel und London zu finden. In den versteinerten Metropolen des Konsums. Was dem Erzähler an Ausbeutung und Mord begegnet, mündet in dem Ausruf: „Das Grauen! Das Grauen!“

Aber niemand will es sehen.

Der Kongo ist so reich, dass es sein Ruin ist. So jedenfalls konnte man die Klage von Lambert Mousseka über den Zustand seines Landes verstehen. Im äußersten Osten ist die Region Ituri so reich an Bodenschätzen, vor allem an seltenen Erze, wie Kobalt oder Koltan, dass ein schmutziger internationaler Krieg um sie geführt wird. Deren Nutznießer sind wir.

"Die Leute werden gezwungen, in den Minen zu arbeiten"

„Ruckedigu, Blut ist im Schuh!“ So hieß es im Märchen

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