Schorndorf

Warum das neue Farbenverbot bei Tätowierern für Unmut sorgt

Bernd Dilger und die Tattoofarben
Tätowierer Bernd Dilger hat seit Anfang 2021 sein Atelier im eigenen Haus in Weiler. Nach Lockdown und finanziellen Einbußen kommt nun auch noch das Verbot bestimmer Tattoofarben hinzu. © Alexandra Palmizi

Eine rote Rose, ein Herz, ein bunter Schmetterling oder doch lieber das Wappen des Lieblingsclubs: Bunte Tattoos sind beliebt – aber werden zumindest in ihrer jetzigen Art künftig verboten sein. Das liegt an einem EU-weiten neuen Farbenverbot. Seit Anfang Januar schränkt die neue Reach-Verordnung (kurz für „Registrierung, Evaluierung, Autorisierung und Restriktion von Chemikalien“) die Nutzung bestimmter Pigmente stark ein und Tattoo-Künstler dürfen die gewohnten Tinten nicht mehr verwenden. Der Grund für das Verbot, das Tätowierer ärgert und für „Nonsens“ angesehen wird: Die Farben enthalten Pigmente und Konservierungsmittel, die in der EU-Chemikalienverordnung Reach auf der roten Liste stehen und allergische Reaktionen auslösen könnten. Diese Regeln sind so streng, dass bei ihrem Inkrafttreten so gut wie keine der gängigen Farben für bunte Tätowierungen mehr verwendet werden dürfen: Die Tätowiererschaft kann ihre bisher verwendeten Farben sozusagen in die Tonne kloppen. Ein weiteres Ärgernis für die Berufsbranche: Ab 2023 werden zudem zwei Pigmente untersagt, die im Verdacht stehen, krebserregend zu sein – Blau 15:3 und Grün 7.

Keine Studien, die Krankheiten durch die Farben belegen

Viele Tätowierer sind fassungslos. Dass ihre Farben plötzlich gesundheitsgefährdend sein sollen, können sie nicht nachvollziehen. Auch der erfahrene Tätowierer Bernd Dilger von „Deep Roots Tattoo“ in Schorndorf-Weiler schüttelt den Kopf: „Es gibt keinerlei Beweise, keinerlei Studien, die Auffälligkeiten belegen.“

Es mache überhaupt keinen Sinn, jetzt neue Farben auf den Markt zu bringen, die potenziell neue Gefahren bergen. Das sieht das Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin (BfR) ähnlich. Die Behörde hat an der neuen EU-Verordnung mitgearbeitet. Doch aufgrund mangelnder Studien und der spärlichen Datenlage sah sie das Verbot, insbesondere der beiden Pigmente Blau 15:3 und Grün 7, kritisch. Das BfR empfahl, zunächst die Datenlage zu verbessern. In einem Statement heißt es: „Weil die derzeit verfügbaren Daten nur auf eine vergleichsweise geringe Toxizität hindeuten, sieht das BfR darüber hinaus aktuell keinen weiteren akuten Handlungsbedarf.“ Es sei schon eine  mittlere Katastrophe, sagt Bernd Dilger. Er hatte noch im Dezember zwei Rückentattoos fertig zu gestalten und musste „umdisponieren“: Zum Kunden habe er gesagt, dass man erst die einzelnen Farben noch „abarbeiten“ müsse, um fertig zu werden, weil sie ab Januar dann verboten sind.

Aliena Roos vom Atelier L. Rose in Schorndorf trifft das Verbot „nicht wirklich“, wie sie sagt, denn sie tätowiert meist nur in Schwarz und ist deshalb nicht so vom Problem betroffen. „Es ist schon so, dass auch ich meine schwarze Farbe umstellen musste, aber das ist für mich nach ausgiebiger Testphase der neuen Farbe auch überhaupt kein Problem.“ Dennoch sei es für die Künstler, die auf Farben angewiesen sind, ärgerlich und komme eigentlich einem Berufsverbot gleich. Aliena Roos: „Ich glaube, wenn man seine gesamte Zeit darauf verwendet hat, das bunte Tätowieren zu perfektionieren und wird dann vor solch vollendete Tatsachen gestellt, dann rutscht einem erstmal der Boden unter den Füßen weg. Ich hoffe, dass die Kunden nun ihre Künstler weiterhin unterstützen und vielleicht schaffen diese ja, sich Alternativkonzepte zu überlegen.“

Verunsicherung bei den Kunden

Tatsächlich gibt es bereits einige Farbhersteller, die konforme Farben entwickelt haben. Meist sind die jetzt um das Doppelte teurer. „Wenn man sich eine Farbgrundausstattung anschafft, kann man normalerweise locker mal 1500 bis 2000 Euro hinlegen – und dann gibt es ja noch Farben, die man selbst gerne möchte“, fügt Dilger an und lacht. Das Verbot von Tattoofarben führt teilweise zu Verunsicherung bei den Kunden. „80 bis 90 Prozent meiner Kunden sind Stammkunden“, sagt Dilger. Neukunden habe er wenig – vermutlich auch „corona- und lockdownbedingt“. Dennoch käme er sich manchmal wie ein „Auskunftsbüro“ vor, weil er Fragen am Telefon oder per Mail beantworte, „was das nun mit dem Farbenverbot auf sich hat“. Für Schwarz, Weiß und Grau gebe es bereits „Reach-konformen“ Ersatz, sie erfüllen die erforderlichen Kriterien. Einige Hersteller haben angekündigt, entsprechende Linien auf den Markt zu bringen.

Eine Online-Petition hat nichts gebracht

Selbst wenn man verordnungskonforme Farben bekäme, wäre noch lange nicht klar, ob sie qualitativ den herkömmlichen gleichwertig sind. Dilger: „Von der Farbe, die ich jetzt nutze, weiß ich: Nach zwei Jahren guter Pflege ist die Farbbrillanz noch immer da.“ Wie die neuen Farben aussehen und sich halten, sei völlig unklar. „Wenn der Kunde dann nach zwei Jahren kommt, und sagt, die Farbe lässt nach, dann sind wir Tätowierer die Dummen.“

Eine Online-Petition gegen das geplante Verbot, bei der mehr als 140.000 Unterschriften zusammengekommen waren, endete erfolglos. Das Verbot ist in Kraft. Für die meisten Tätowierer komme dies zu Unzeit. Die Branche habe jetzt in der Corona-Pandemie ein „Sonderopfer bringen und mehr als andere Bereiche unter dem Lockdown leiden müssen“, heißt es seitens des Bundesverbands Tattoo (BVT).

Was die Tätorwierbranche in den kommenden Monaten noch erwartet, kann auch Bernd Dilger nicht voraussagen. Vor seiner Zeit als Tätowierer hat der 52-Jährige im Außendienst gearbeitet. Da es vor mehr als 20 Jahren noch lange nicht so viele Studios gab wie heute, war es nicht ganz so einfach, diese Kunst zu erlernen. Durch das Zeichnen von Plattencovern für befreundete Musiker stellte er aber sein Können unter Beweis und wurde von einem Tätowierer eingelernt. Das Piercen hat ihm später eine Kollegin beigebracht. Kurz darauf begann er, mit einem kleinen Bus drei Jahre lang durch Europa zu fahren. Sein rollendes Tattoostudio machte unter anderem Halt in Berlin, Hamburg und Zürich. Auch in Madrid und Barcelona tätowierte er. Seine Reiselust führte ihn sogar bis nach Neuseeland, doch aufgrund einer Krebsdiagnose seines Vaters kehrte er nach Schorndorf zurück und eröffnete sein eigenes Studio in Schorndorfs Innenstadt. Ende 2020 entschied er sich dazu, mit seinem Atelier aus der Vorstadtstraße in die Schorndorfer Straße nach Weiler umzuziehen. Dort hatte er, zusammen mit seinem Bruder, kurz zuvor das Haus seiner Mutter geerbt.

Da er für sein neues Studio einiges renovieren und umbauen musste, konnte er auch während der kurzen Lockerungsphase nicht öffnen. Zudem hatte er einen Lehrling eingestellt: Tia, die Bernd Dilger von Kindesbeinen an kennt und „die ein wahnsinns künstlerisches Talent hat“.

Studio ist geöffnet

Die heute 21-Jährige traf der Lockdown besonders hart – sie hatte ihre Ausbildung gerade fertig und hätte als Tätowiererin loslegen können: „Ich hatte gerade mal eine Kundin, die ich tätowiert habe“, sagt die Mitarbeiterin des „Deep Roots Tattoo“-Studios. Sie hofft, genauso wie Dilger, dass sich im Arbeiten bald eine „Normalität einfindet“. Derzeit kann der Tätowierer sein Studio öffnen – mit der aktuell bestehenden Corona-Verordnung und der damit verbunden Regel.

Eine rote Rose, ein Herz, ein bunter Schmetterling oder doch lieber das Wappen des Lieblingsclubs: Bunte Tattoos sind beliebt – aber werden zumindest in ihrer jetzigen Art künftig verboten sein. Das liegt an einem EU-weiten neuen Farbenverbot. Seit Anfang Januar schränkt die neue Reach-Verordnung (kurz für „Registrierung, Evaluierung, Autorisierung und Restriktion von Chemikalien“) die Nutzung bestimmter Pigmente stark ein und Tattoo-Künstler dürfen die gewohnten Tinten nicht mehr verwenden.

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