Schorndorf

Warum die Corona-Krise Sonderschulen vor besondere Herausforderungen stellt

albert schweitzer schule
Zum ersten Mal wieder in der Schule: Antonia Pecoroni erklärt ihrer zweiten Klasse, worauf es beim Händewaschen ankommt und macht, damit sich’s bei den Schülerinnen und Schülern verfestigt, Trockenübungen. © Benjamin Büttner

Schule in Corona-Zeiten ist eine Herausforderung, die deutlich größer wird, wenn auch noch Beratung und Förderung nötig sind. So werden an der Albert-Schweitzer-Schule nicht nur 95 Schülerinnen und Schüler von der ersten bis zur neunten Klasse unterrichtet, das Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum hat weitere Aufgaben, die seit Beginn der Corona-Krise stark eingeschränkt sind: So kann der Sonderpädagogische Dienst, der von Regelschulen hinzugezogen wird, noch immer nur in begründeten Ausnahmefällen mit Kindern arbeiten. Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, dürfen Sonderpädagogen in der Regel nur an einer und nicht, wie sonst üblich, an zwei verschiedenen Schulen arbeiten. Beratungen finden derzeit nicht statt und wurden in den Herbst verlegt. Berufspraktika, die für die Achtklässler eigentlich im März hätten stattfinden sollen, mussten verschoben werden. Die Mathe-Lern-Bar an der Albert-Schweitzer-Schule, die für Kinder aus dem ganzen Rems-Murr-Kreis Diagnose und Förderung bei Rechenschwäche übernimmt und Lehrerfortbildungen anbietet, ist geschlossen. Der Förderunterricht, von zehn an die Mathe-Lern-Bar angeschlossenen Grundschullehrerinnen, findet im Moment nicht statt. Die Warteliste wird immer länger – und die Frage ist für Schulleiter Augustin und Konrektor Siegfried Wengert, wie’s nach den Sommerferien überhaupt weitergehen kann. Eines ist aber jetzt schon klar: Kinder mit Förderbedarf bekommen im Moment nicht das, „worauf sie Anspruch haben“, sagt Augustin. Und Konrektor Siegfried Wengert ergänzt: „Es sind die schwachen Kinder, die jetzt wieder benachteiligt werden.“

Familien ohne Internetzugang und E-Mail-Adresse

Fernunterricht, schon in der Regelschule für Kinder und Eltern eine große Leistung, ist an der Sonderschule eine Riesenherausforderung: Dass die Schülerinnen und Schüler sich neue Lerninhalte selbstständig erarbeiten, ist nicht vorstellbar. Und so ging’s, als die Schule komplett und für alle geschlossen war, vor allem ums Verfestigen und Wiederholen. Dabei kommt erschwerend hinzu, sagt Konrektor Siegfried Wengert, dass es einige Eltern gibt, die ihre Kinder alleine zu Hause lassen, weil sie arbeiten müssen, andere verstehen die kompliziert formulierten Verordnungen nicht, und es gibt Familien, die kein Internet zu Hause haben, keinen Drucker, ja nicht mal eine E-Mail-Adresse; manche Familien wohnen ihn so schwierigen Verhältnissen, dass Aufgaben, die mit der Post verschickt wurden, nie ankommen.

Also haben die Lehrerinnen und Lehrer die Lernpakete selbst ausgefahren und immer wieder Aufgaben am Telefon besprochen. Die Ausnahme, sagt Augustin, war nur eine Klasse, die von ihrer Lehrerin jeden Morgen in der Videokonferenz begrüßt werden konnte. Unterricht kann das freilich nicht ersetzen: In der Sonderschule werden Inhalte oft mit praktischem Tun vermittelt. Darum sind zwei besonders bedürftige Schülerinnen und Schüler – auch auf Initiative der Schule – weiterhin in der Notbetreuung.

Auswirkungen hat die Corona-Krise natürlich auch auf den Präsenzunterricht: Damit Abstände beim Unterrichten eingehalten werden können, hat die Schule vier Dokumentenkameras und Laptops für die Lehrkräfte organisiert. Liegt der Fokus eigentlich auf Gruppenarbeit und Einzelbetreuung, gibt es jetzt vermehrt Frontalunterricht. Liedersingen ist tabu, der Sportunterricht fehlt vor allem Kindern mit starkem Bewegungsdrang. Selbst Fußballspielen, in Vor-Corona-Zeiten ein beliebter Pausensport, ist verboten: Mehr als locker hin- und herkicken ist nicht drin.

Doppelter Organisationsaufwand für die Schulleitung

Eine Herausforderung sind nicht zuletzt auch die sich ständig ändernden ministeriellen Anweisungen und Vorschriften. Kaum war der Schulbetrieb organisiert – nach den Osterferien für die Abschlussklassen, von Anfang Mai an für die Viertklässler – mussten Augustin und Wengert alle ihre schönen Pläne über den Haufen werfen: Seit Ende der Pfingstferien dürfen auch die Fünft- bis Siebtklässler in einem rollierenden System und im wöchentlichen Wechsel wieder in die Schule kommen. Und von 29. Juni an haben zumindest die Grundschüler alle Präsenzunterricht. Wie dann allerdings die Abstände eingehalten werden sollen, ist fraglich.

Und dabei ist die Albert-Schweitzer-Schule in dem Gebäude aus den 1950er Jahren besser gewappnet als manche moderne Schule: Die Gänge sind so breit, dass Abstände locker eingehalten werden können, die Fenster lassen sich zum Stoßlüften weit öffnen, in jedem Klassenzimmer gibt es ein Waschbecken und Seife, da die Albert-Schweitzer-Schule zwei Eingänge hat, können Grund- und Hauptstufenschüler das Schulhaus von zwei Seiten betreten. Ständig überarbeitet werden muss allerdings der Plan für den Taxitransport, den zehn Kinder in Anspruch nehmen. Und nicht nur, weil zeitweise nicht mehr vier Kinder im Fahrzeug sitzen durften, sondern nur zwei. Schulbeginn ist im Moment an der Albert-Schweitzer-Schule zu vier verschiedenen Zeiten.

Mindestens doppelt so viel Organisationsarbeit, schätzen Augustin und Wengert, haben sie seit Beginn der Corona-Krise. Zum ersten Mal in ihrem Lehrerdasein waren sie auch in den Ferien gefordert. Mitten im Schuljahr mussten sie neue Stundenpläne machen. Dazu kommt, dass Stadt, Regierungspräsidium und Schulamt immer wieder abfragen, wie viele Lehrer im Präsenzunterricht sind: Von den 20 Kolleginnen und Kollegen gehören fünf zur Risikogruppe, zwei sind schwanger und dürfen darum nicht unterrichten. Tatsächlich bleiben aber nur zwei der Risikogruppe zu Hause – alle anderen unterrichten trotzdem, so wie Augustin und Wengert auch. Doch sie rechnen nicht damit, dass Regelunterricht nach den Sommerferien nicht möglich sein wird.

Fröbelschule im Spannungsfeld zwischen stark belasteten Eltern und der Angst, die Schule im Corona-Fall schließen zu müssen

Das Spannungsfeld ist enorm: Auf der einen Seite stehen stark belastete Eltern von Kindern, die nicht unbeaufsichtigt bleiben können, und auf der anderen Seite die Infektionsgefahr – die Corona-Krise stellt Katja Haßpacher und ihr Kollegium vor besondere Herausforderungen. Obwohl die Fröbelschule, was die Vorgaben des Kultusministeriums und die Rückkehr der 99 Schülerinnen und Schüler angeht, an die Regelschulen gekoppelt ist, am Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum ist doch vieles anders: Abstandsregeln, an die sich Kinder und Jugendliche sowieso kaum halten, können hier, sagt Schulleiterin Haßpacher, nur „so gut wie möglich“ umgesetzt werden, da die Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen die neue Situation kognitiv kaum erfassen. Obwohl es eine Mundschutzpflicht im Schulbus und in der Pflege gibt, nicht alle halten’s aus, wenn Mund und Nase über längere Zeit von einem Stück Stoff bedeckt sind. Da in der Pflege aber auch vorher schon mit Handschuhen und Flächendesinfektionsmittel gearbeitet wurde, ist zumindest diese Hygienevorschrift keine große Umstellung. Und Stoffmasken gibt es in der Fröbelschule auch zuhauf – nachdem Kolleginnen im Home-Office fleißig genäht haben.

Anfang Mai durften mit der Berufsschulstufe zunächst die Abschlussklassen wieder in die Schule kommen, Mitte Mai folgten die Viertklässler, für alle anderen gilt seit den Pfingstferien: In einem rollierenden System wird die eine Hälfte der Klasse in der Schule unterrichtet, die andere zu Hause betreut. So geht’s, mit Ausnahme der Grundschüler, die von 29. Juni an wieder Präsenzunterricht im Ganztag haben, weiter. 14 Schülerinnen und Schüler sind – in wechselnder Besetzung – in der Notgruppe. Alle anderen werden weiterhin mit Lernpaketen versorgt, haben in Videokonferenzen oder übers Telefon Kontakt mit den Lehrerinnen und Lehrern, die seit Mitte März ebenfalls besonders belastet sind.

Für Schulleiterin Katja Haßpacher und Konrektorin Anne-Christin Meffle hat sich der Organisationsaufwand mindestens verdoppelt. In den Pfingstferien hat das Kollegium eine Woche lang eine Notbetreuung angeboten, um die Eltern zu entlasten. Und mag Haßpacher die Digitalisierung als Chance auch für die Zukunft sehen, die Umstellung lief im Hauruckverfahren: Jetzt finden Teambesprechungen über Video statt, kommuniziert wird auch über den Messengerdienst Threema. Erschwerend kommt hinzu: Von den 54 Lehrerinnen und Lehrern standen zwischenzeitlich 14 für den Präsenzunterricht nicht zur Verfügung, weil sie sich zur Risikogruppe zählten. Gilt ab dem 29. Juni eine Attestpflicht, werden aber voraussichtlich bis auf fünf, sechs Kolleginnen und Kollegen, wieder alle da sein. Eins aber steht für Schulleiterin Katja Haßpacher über allem: „Wir wollen auf keinen Fall, dass die Schule wegen Corona geschlossen wird.“

Schule in Corona-Zeiten ist eine Herausforderung, die deutlich größer wird, wenn auch noch Beratung und Förderung nötig sind. So werden an der Albert-Schweitzer-Schule nicht nur 95 Schülerinnen und Schüler von der ersten bis zur neunten Klasse unterrichtet, das Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum hat weitere Aufgaben, die seit Beginn der Corona-Krise stark eingeschränkt sind: So kann der Sonderpädagogische Dienst, der von Regelschulen hinzugezogen wird, noch immer nur in

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