Schorndorf

Warum es nur im Spittler-Stift Corona-Schnelltests auch für Besucher gibt

Coronatest
Altenpflegerin Adelheid Müller macht in voller Schutzmontur Schnelltests bei den Besucherinnen und Besuchern des Spittler-Stifts. © Gabriel Habermann

Angenehm ist anders: Monika Schlegel treibt’s die Tränen in die Augen, als ihr das lange Wattestäbchen erst in beide Nasenlöcher und dann auch noch hinten in den Rachen gesteckt wird. Doch sie erträgt die Prozedur: Mit dem Corona-Schnelltest, der Besuchern des Spittler-Stifts seit vergangener Woche angeboten wird und der in 15 Minuten ein Ergebnis liefert, kann sie ihre 85-jährige Mutter beruhigter besuchen. Beim ersten Lockdown im Frühjahr konnten sie sich nur über den Balkon sehen. Jetzt sind die beiden froh, dass die Tochter einmal die Woche herkommen kann. Als einzige Abgeordnete der Familie: Mit ihren Brüdern hat sie sich geeinigt, dass in diesen Zeiten nur noch sie ins Pflegeheim kommt – aus Rücksicht auf die anderen. Ein Alptraum wär’s, sagt Monika Schlegel, wenn sie das Coronavirus ins Spittler-Stift bringen würde.

Auch Christina Marschner ist froh, dass es die Möglichkeit gibt, sich vor dem Besuch im Pflegeheim auf das Coronavirus testen zu lassen. Seit März ist ihre 97-jährige Mutter im Spittler-Stift. Kurz darauf durfte die Demenzkranke, die die Situation bis heute nicht versteht und sich noch immer bei ihrer Tochter am Mund-Nasen-Schutz stört, nicht mehr besucht werden: „Das war eine harte Zeit.“

Nach 72 Ehejahren: Kontakt nur durch die Fensterscheibe

Schrecklich war’s auch für Eva Szaszi, als sie ihren Ehemann, mit dem sie seit 72 Jahren verheiratet ist, im Frühjahr nur noch durch die Fensterscheibe sehen durfte. Das möchte die 93-Jährige nicht mehr mitmachen. Um ihren Mann jeden Tag besuchen zu können, lässt sie sich so oft wie möglich testen: „Ich tu alles“, das hat sie gleich zu Heimleiterin Michaela Salenbauch gesagt. Und die ist froh, dass sie nicht nur den Mitarbeitern und Bewohnern, sondern jetzt auch den Gästen an drei Terminen in der Woche Antigen-Schnelltests anbieten kann. Freiwillig, gezwungen wird niemand.

Doch auch Dorothea Fischer, die im Ehrenamt regelmäßig eine Bewohnerin im Demenzbereich besucht, ist froh, dass es die Möglichkeit gibt, sich jede Woche testen zu lassen. Dank der Evangelischen Heimstiftung, der es als Träger des Spittler-Stifts gelungen ist, für ihre insgesamt 90 Heime so viele Schnelltests zu besorgen, dass es für alle Bewohner im Monat 20 Tests gibt – damit also auch für die Pflegekräfte und für die Gäste. Und bei konkreten Verdachtsfällen gibt’s dann einen noch zuverlässigeren PCR-Test.

Oberstes Ziel ist für Heimleiterin Michaela Salenbauch, dass alle Bewohner, Mitarbeiter und Gäste gesund bleiben und das Spittler-Stift nicht geschlossen werden muss. Und bisher ging’s auch gut: Im Mai war eine Bewohnerin infiziert, vergangene Woche ist ein Mitarbeiter positiv getestet worden. Ausgebreitet hat sich das Virus in beiden Fällen nicht. Und Michaela Salenbauch klopft auf Holz, dass das auch so bleibt. Sie ist froh, dass es die Schnelltests gibt: „Damit werden wir das Virus vielleicht eindämmen können.“ Dazu kommt das Hygienekonzept, das die Evangelische Heimstiftung in allen Einrichtungen eingeführt hat: Ganz grundsätzlich gelten die AHA-Regeln, das heißt: Während des gesamten Aufenthaltes herrscht Maskenpflicht, die Hände müssen regelmäßig desinfiziert und ein Mindestabstand von eineinhalb Metern muss eingehalten werden. Wer sich daran nicht hält, bekommt ein Hausverbot erteilt. Außerdem müssen sich Besucher, die in zweistündigen Zeitfenstern zwischen 10 und 19 Uhr ins Haus dürfen, vorab anmelden. Im Eingangsbereich muss ein Selbstauskunftsbogen ausgefüllt und an einer Fiebermessstation die Stirn-Temperatur gemessen werden. Alle Bewohnerinnen und Bewohner, die die Einrichtung verlassen, müssen sich vorher und nach Rückkehr beim Personal aktiv melden.

Keine Gruppenbesuche von Kindergärten mehr

Gruppenbesuche aus Kindergärten oder von Chören wurden allesamt abgesagt: Ins Spittler-Stift dürfen nur noch An- und Zugehörige sowie notwendige Dienstleister kommen. Veranstaltungen und Gottesdienste finden nur noch in den einzelnen Wohngruppen statt und nicht mehr für das ganze Haus. Alle einrichtungsübergreifenden Fortbildungen und Veranstaltungen wurden abgesagt, notwendige Schulungen finden digital statt, um die Kontakte auch unter den Mitarbeitern zu beschränken.

Dabei haben die Antigen-Schnelltests den Vorteil, dass es für sie keinen Arzt braucht. Damit Besucher dienstags und donnerstags von 14 bis 16 Uhr und samstags von 10 bis 12 Uhr getestet werden können, wurde eine ganze Reihe von Pflegekräften unterwiesen. So wie Adelheid Müller, die am Dienstagnachmittag in Schutzkittel, mit Einweg-Handschuhen, FFP2-Maske und Gesichtsschild in einem abgegrenzten Bereich mit Wattestäbchen Nasen- und Rachenabstriche macht.

Deutlich verbessert hat sich auch die Situation in Sachen Schutzausrüstung: Zu Beginn des Lockdowns im Frühjahr, erzählt Michaela Salenbauch, mussten die Pflegekräfte zum Teil mit selbst genähten Masken arbeiten. Dabei findet sie’s bemerkenswert, wie diszipliniert die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind, die ja seit einem Dreivierteljahr nonstop Mund-Nasen-Schutz tragen müssen. Alle lassen sich einmal die Woche freiwillig auf das Coronavirus testen. „Der Zusammenhalt der Mitarbeiter ist beeindruckend“, sagt Salenbauch und weiß, wie anstrengend die Arbeit im Pflegeheim seit Ausbruch der Pandemie geworden ist.

Und einfach ist’s auch für die Bewohnerinnen und Bewohner nicht, auch wenn die Wohngruppen wie eine Familie gesehen werden: „Es wird niemand isoliert“, sagt Michaela Salenbauch. In palliativen Situationen durften selbst im Frühjahr Angehörige ins Haus kommen, für die anderen gab es Kontakte am Fenster, immer wieder haben Angehörige Geschenke und Karten vorbeigebracht. „Man muss die menschliche Seite sehen“, sagt Salenbauch und findet die Situation vor allem im beschützten Wohnbereich schwierig: Demenzkranke kommen mit der Situation schlecht zurecht. Regelmäßige Tests, alles andere als eine angenehme Prozedur, seien dort besonders schwierig. Corona lässt manche Bewohner verzweifeln. Auch, dass alle Mitarbeiter und Besucher Maske tragen, ist ein Problem: „Der ältere Mensch“, weiß Michaela Salenbauch, „lebt von der Mimik.“

Risikogruppe isolieren: „Das ist Diskriminierung“

Von der Idee, die auch der Tübinger OB Palmer propagiert hat, die Risikogruppe zu isolieren, damit alle anderen in der Corona-Pandemie normal weiterleben können, hält Michaela Salenbauch verständlicherweise nichts. Alte Menschen, die ein arbeitsreiches, bewegtes Leben hinter sich haben, sind für sie Teil der Gesellschaft: „Das ist Diskriminierung.“

Angenehm ist anders: Monika Schlegel treibt’s die Tränen in die Augen, als ihr das lange Wattestäbchen erst in beide Nasenlöcher und dann auch noch hinten in den Rachen gesteckt wird. Doch sie erträgt die Prozedur: Mit dem Corona-Schnelltest, der Besuchern des Spittler-Stifts seit vergangener Woche angeboten wird und der in 15 Minuten ein Ergebnis liefert, kann sie ihre 85-jährige Mutter beruhigter besuchen. Beim ersten Lockdown im Frühjahr konnten sie sich nur über den Balkon sehen. Jetzt

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