Schorndorf

Warum Syrien nie wieder so sein wird wie es mal war

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Der Islamwissenschaftler und Leiter der VHS Aalen, Dr. Jürgen Wasella, im Schorndorfer Zentrum für Internationale Begegnung. © Büttner / ZVW

Schorndorf. Viele Bürgerinnen und Bürger haben sich in der Flüchtlingshilfe besonders auch für syrische Asylbewerber engagiert. Um besser verstehen zu können, woher diese Menschen kommen, fand nun innerhalb der neuen Ehrenamtsreihe ein von der VHS und der Stadt Schorndorf angebotener Vortrag über das kriegsgeschüttelte Land statt. Fazit: Das bisherige Syrien wird es so wohl nicht mehr geben.

„Was hat die Konflikte ausgelöst, die heute so blutig ausgetragen werden?“ Dr. Jürgen Wasella, Islamwissenschaftler und Leiter der VHS Aalen, gab den gut 30 interessierten ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern im Schorndorfer Zentrum für Internationale Begegnung (ZIB) auf diese Frage so klare wie der Sache gemäß komplexe Erklärungen. Um die 250 000 Menschenleben hat der Syrienkrieg seit 2013 gekostet und soll über vier Millionen der Bevölkerung zu Flüchtlingen gemacht haben.

Ende des multikulturellen Erbes religiöser Vielfalt nach I. Weltkrieg

Das Gebiet des heutigen Syrien gehörte von 1299 bis 1916 zum Osmanischen Reich. Ein Vielvölkerstaat des „Nebeneinanders von Minderheiten und Volksgruppen, die zwar Bürger zweiter Klasse waren, aber nicht in ihrer Existenz bedroht wurden“. Nach dem Ersten Weltkrieg aber, erklärte Wasella, „begann dieses multikulturelle Erbe und die religiöse Vielfalt zu zerbrechen“. Am Beginn der nun folgenden Staatenbildungen im Nahen Osten nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches standen die europäischen Kolonialmächte wie Frankreich und Großbritannien, die im geheimen Sykes-Picot-Abkommen von 1916 ihre Interessensphären aufteilten.

Es entstanden Staatengebilde wie Irak oder eben Syrien mit künstlich gezogenen Grenzen, „heterogenen Bevölkerungsteilen“ und, wie in Syrien, „einem Mosaik aus verschiedenen Religionsgemeinschaften“. Nach der Unabhängigkeit Syriens (1946) fand dort von 1952 bis 1967, wie in anderen arabischen Ländern auch, „der Siegeszug säkularer Ideologien“ statt. „Ein Triumph des arabischen Sozialismus“, wie Wasella sagte, „in Abgrenzung zu den liberalen und royalistischen Eliten“.

Unter Assad: Religiöse Toleranz bei gleichzeitig politischer Repression

Eine Besonderheit Syriens war dabei der Aufstieg der alawitischen Minderheit. Diese Bevölkerungsgruppe hatte als einzige Aufstiegsmöglichkeit das Militär und ergriff mit dem religionsübergreifenden Nationalismus der Baath-Partei die Macht und war attraktiv auch für andere Minoritäten, was langfristig zur Benachteiligung der sunnitischen Mehrheit führte. Es entstanden, so Wasella, „antizionistische, anti-kolonialistische Militärdiktaturen als Entwicklungsagenturen“.

Dafür standen etwa Namen wie Nasser in Ägypten oder Gaddafi in Libyen. Auch in Syrien bildete sich mit den Assads (seit dem Jahr 1971) eine „Diktatur als Familiendynastie“. Sie gewährte, so Jürgen Wasella mit Nachdruck, „religiöse Toleranz bei gleichzeitig extremer politischer Repression“. Bashar Assad, Präsident Syriens seit 2000, „hatte zu Beginn seiner Amtszeit ein hohes Ansehen und wurde als Reformer gesehen“.

Doch die grundlegenden Aufgaben eines Staates, wie Sicherheit, Wohlfahrt und Repräsentation, konnte die Diktatur nicht gewährleisten. Es gab weder eine Identitätsstiftung noch eine Solidargemeinschaft noch eine ausreichende Legitimation der Staatsgewalt. „Die ethnischen und konfessionellen Identitäten blieben überall stärker als die künstliche nationalstaatliche Identität.“ Mit der krachenden Niederlage der arabischen Militärmächte im Sechstagekrieg 1967 gegen Israel brachen auch deren säkulare Ideologien zusammen. Ein Vakuum entstand, das nun von islamistischen Bewegungen besetzt wurde.

„Aus dieser Situation des Staatsversagens“, auch im Sog des sich auflösenden Irak, „entstand der syrische Bürgerkrieg“. Wasella gab ein komplexes Bild von der verwickelten Gemengelage der Konfliktparteien, zu denen schnell auch Akteure wie die libanesische Hisbollah, der Iran, Irak, Saudi-Arabien, die USA, die EU, die Türkei und Russland dazukamen.

Der Westen kann nach Einschätzung des Referenten nicht viel machen

Nach dem Eingreifen Russlands vor einem Jahr sieht Wasella „die Entwicklung zugunsten Assads gehen“ und meinte, dass „die Alternativen zu diesem Regime alle noch viel schlimmer aussehen“. Der Westen könne nach seiner Einschätzung nicht viel machen. Dennoch kritisierte der Referent „die zu zögerliche Unterstützung der Kurden, die jede Unterstützung bekommen sollten, die sie brauchen könnten“. Gleichzeitig verurteilte er „die destruktive Rolle der Türkei und Saudi-Arabiens“ in diesem Konflikt. Zur Zukunft der Region sagte er voraus: „Es wird nicht mehr ein Syrien geben.“ Er sieht eine Teilung des Landes in verschiedene ethnisch-religiöse Gebilde voraus, was kein Schaden sein müsste. Mit aller Schärfe aber wandte er sich gegen „die Gefahr des Islamismus“, die er ausdrücklich mit der des Faschismus der 30er Jahre verglich. Zum praktischen Verfahren bei der Flüchtlingsintegration forderte er, „ganz stark die religiöse Neutralität unseres Staates zu betonen“. Die Einrichtung von Gebetshäusern in Flüchtlingsunterkünften lehne er deshalb ab: „Religion hat in der Flüchtlingsarbeit nichts verloren!“