Schorndorf

Was ein gutes Geschenk ausmacht: Im Gespräch mit der Schorndorfer Tafelladen-Fachfrau

Tafelladen Schorndorf
Renate Frank vor dem Tafelladen. Sie leitet ihn gemeinsam mit Helmut Topfstedt, der beim Gespräch nicht dabei sein konnte. Zum Leitungsteam gehört auch Brigitte Bühler. © Benjamin Büttner

Pandemie, Lockdown, Kurzarbeit, und manchmal gar die Frage: Wohin mit mir am Arbeitsmarkt? Die nähere Zukunft ist unsicher geworden. Und mancher wird zu diesem Weihnachtsfest bei den Geschenken weniger ausgeben können oder selbst zurückstecken, damit die Lieben bekommen, was sie sich wünschen. Muss sich das auf Weihnachten auswirken, die Freude verkleinern, das Fest trüben? Wer mit Renate Frank, Mit-Leiterin der Schorndorfer Tafel, spricht, kommt schnell zu der Erkenntnis: Nein. Die Kunst des Schenkens und des Freudebereitens rührt aus anderen Quellen.

Renate Frank weiß, was knappe Mittel bedeuten. Im Tafelladen steht sie ihre „Frau“. 500 bis 600 Ausweise gibt es für den Laden, der Lebensmittel mit gültigem oder kurz überschrittenem Haltbarkeitsdatum günstig abgibt. Pro Familie wird ein Ausweis ausgestellt. Doch der Kreis derer, die profitieren, ist größer. „Da hängen sicher 1500 Leute dran“, so die 75-Jährige. Krankheit, Sucht, Flüchtlingsschicksale, Rentner, Alte, Alleinerziehende, junge Familien: Die Tafel verbindet die verschiedensten Menschen. Corona tut ein Übriges: „Die ersten Arbeitslosen haben wir auch hier.“ Menschen, so Frank, „die nie gedacht haben, in so eine Situation zu kommen“.

Man muss robust, mehr Macher als Philosoph sein, um diese Arbeit zu tun. Doch hat Renate Frank ein feines Gespür für die Gefühlslage ihrer Kunden behalten. Im Tafelladen werden etwa keine fertigen Tüten gepackt. „Das ist eine Frage der Würde. Es sind immer Dinge drin, die einer nicht mag. Ich will keinem etwas aufzwingen.“

Der Gang zum Tafelladen kostet Kraft, nicht nur in der Pandemie mit den Abstandsvorschriften. „Für viele ist es sehr, sehr schwer, draußen auf der Straße zu stehen in der Schlange. Die Autos fahren vorbei, man sieht sie“, fühlt Renate Frank mit.

Dass der Tafelladen durch Corona vier Wochen geschlossen war,„trifft unsere Kunden schon hart“. In der vergangenen Woche hatte die Tafel geöffnet, trotz Lockdown, um gespendete Lebensmittel auszugeben. Vor Weihnachten sind sehr viele Spenden eingegangen, freut sich Renate Frank. Und hat sie mit Freude weitergegeben. „Das war einfach schön.“

Die Grundnahrungsmittel gibt’s im Tafelladen. Doch auch eine Schachtel Pralinen oder Nachtcreme bietet Renate Frank gern an, wenn sie kann. „Das sind die kleinen Freuden. Für die Kunden und für uns.“

Überhaupt, die Freude, gerade in der Zeit von Weihnachten mit vielen Geschenken. Dass die wahre Freude ganz ohne Geld auskommen muss, so einfach macht es sich Renate Frank nicht. Natürlich richtet sich die Möglichkeit des Schenkens auch nach dem Geldbeutel. Doch hat ein gutes Geschenk nichts mit der Höhe des Preises zu tun, findet sie. Auch nicht mit der Menge. Vom Überschütten mit Geschenken, besonders bei Kindern, hält sie nichts. Zu viel auf einmal überfordert Kinder, beobachtet Renate Frank auch bei Kleinen der Tafel-Kunden.

Was also macht ein gutes Geschenk aus? Dass der Beschenkte sich damit beschäftigen kann, es als sinnvoll erachtet, dass zum Beispiel ein Kind damit spielen, basteln, kreativ werden kann, sinniert Frank.

So etwas zu finden macht ein wenig Mühe, gilt es doch, Fähigkeiten, Neigungen, Interessen zu kennen, sich Gedanken zu machen, nicht nur kurz vor dem Fest. Renate Frank etwa passt das ganze Jahr auf, was die Enkel anklingen lassen. Der Wert eines Geschenks macht sich daran fest, dass man Freude schenkt, führt sie aus. Da braucht’s nicht den dicken Geldbeutel. „Ein kleiner Malblock und Buntstifte können mehr sein als eine teure Technikausrüstung.“

Natürlich spielen in die Weihnachtsfreude weit mehr als Geschenke hinein. Zum Beispiel Erinnerungen. An die Weihnachtsfeste der Kindheit denkt Renate Frank gern zurück. „Es war sehr spannend, weil die Eltern auch sehr geheimnisvoll waren.“ Dem Weihnachtsabend sah sie mit einer solchen Vorfreude entgegen, „das war gar nicht zu übertreffen“. Geschichten erzählen, lesen, Aktivitäten in der Schule: „Es gab so viele Vorbereitungen auf das Christfest.“

Der Vater hat den Weihnachtsbaum erst am Heiligen Abend geschnitten und aufgestellt, während Mutter und Tochter in die Kirche gingen. „Auch der Weihnachtsbaum war etwas ganz Besonderes.“ Der Kirchgang war nochmals mit viel Geduld verbunden. „Das hat sich richtig gesteigert.“

So hat die Weihnachtsfreude auch mit der Vorfreude zu tun, damit, etwas auszuhalten, geduldig zu sein, für das Warten belohnt zu werden. Sowie mit Traditionen. Sich Mühe geben, basteln, backen, singen: „Das gehört zum Spannungsaufbau dazu.“ Und sich insbesondere mit den Kindern beschäftigen: „Das ist eigentlich der Punkt, auf den man immer wieder kommen muss“, ist Renate Frank überzeugt.

Sie hat die Tradition weitergegeben an ihre Familie. Es ist wiederum ein Geschenk, „wenn man aus einem Erfahrungsschatz schöpfen kann“.

Was wünscht sich die rührige Macherin für die Kunden des Tafelladens? Da muss sie nicht überlegen. Sie wünscht „jedem Einzelnen, dass es ihm gut geht, dass jeder seinen Weg findet“. Und irgendwann die Tafel nicht mehr braucht.

Pandemie, Lockdown, Kurzarbeit, und manchmal gar die Frage: Wohin mit mir am Arbeitsmarkt? Die nähere Zukunft ist unsicher geworden. Und mancher wird zu diesem Weihnachtsfest bei den Geschenken weniger ausgeben können oder selbst zurückstecken, damit die Lieben bekommen, was sie sich wünschen. Muss sich das auf Weihnachten auswirken, die Freude verkleinern, das Fest trüben? Wer mit Renate Frank, Mit-Leiterin der Schorndorfer Tafel, spricht, kommt schnell zu der Erkenntnis: Nein. Die Kunst

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