Schorndorf

Was stationäre und ambulate Pflege in Corona-Zeiten leisten, ist „großes Kino“

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KSP-Pflegekraft Miriam Wirth macht sich auf ihre Runde zu ambulant zu betreuenden Menschen, die ihren Besuch schon erwarten. Foto: Schneider © Gaby Schneider

„Wir werden alle irgendwann Corona-Fälle haben“, sagt der Leiter des privaten Kranken- und Seniorenpflegedienstes KSP Mobil, Martin Kleinschmidt, dessen im Schorndorfer Gesundheitszentrum beheimatete Einrichtung stationär 47 alte Menschen und ambulant etwa 200 auf pflegerische und hauswirtschaftliche Hilfe angewiesene Personen betreut. Mit „wir“ meint Kleinschmidt alle seine Kolleginnen und Kollegen, die in Alten- und Pflegeheimen Verantwortung tragen und die allesamt wissen, dass es gegen das Virus, das in aller Regel von außen in die Einrichtungen hineingetragen wird, keinen 100-prozentigen Schutz gibt. Weshalb er auch über keine der aktuell besonders stark von Corona-Erkrankungen und -Todesfällen betroffenen Einrichtungen wie etwa das Haus Röder den Stab brechen würde. Schon gar nicht, weil er weiß, dass es einen Unterschied macht, ob es sich im stationären Bereich um eine modern aufgestellte Einrichtung mit überwiegend Einzelzimmern und mit kognitiv noch zugänglichen Bewohnern handelt wie die Seine oder um eine, die sowohl räumlich und von der Ausstattung her als auch von der kognitiven Verfassung der Bewohner unter sehr viel schwierigeren und eingeschränkteren Bedingungen arbeiten muss wie etwa das Haus Röder. „Da hast du, wenn das Virus mal drin ist, gar keine Chance“, sagt Martin Kleinschmidt, der aber aus eigener Erfahrung mit bislang nur einem Corona-Fall weiß, dass es vor allem auf eines ankommt: „Wichtig ist, schnell zu reagieren.“ Und wie in seinem Fall allein schon durch den unmittelbaren Kontakt zur Rems-Murr-Klinik und zum dort eingerichteten Corona-Testzentrum die Möglichkeit zu haben, vor allem auch das Personal schnell und umfassend testen zu lassen. Mittlerweile ist Martin Kleinschmidt sogar in der Lage, selber Testabstriche zu machen und sie in einem Labor untersuchen zu lassen.

Feldbetten für die, die daheim auf gepackten Koffern sitzen

Im konkreten Fall sei es so gewesen, dass sich – ganz davon abgesehen, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im stationären Bereich schon vorher nur noch mit Masken und Schutzanzügen gearbeitet hätten –, ganz genau nachvollziehen hat lassen, wer wann, wie oft und in welcher Form Kontakt erstens zur infizierten Person und zweitens, zu den wenigen Pflegekräften, die unmittelbar mit ihrer Betreuung befasst gewesen seien, gehabt habe. „Wir haben nachvollzogen, was auch eine App leisten könnte“, sagt Kleinschmidt, der in diesem Fall nur den Ausfall von zwei Pflegekräften, die samt ihrer jeweiligen Familie in 14-tägige Quarantäne geschickt werden mussten, verkraften musste, während alle anderen zwar ebenfalls getestet wurden, aber weiterarbeiten konnten. Es könnte aber auch einmal schlimmer kommen, und für diesen Fall hat sich der Leiter des Kranken- und Seniorenpflegedienstes vom Gesundsamt schon vorsorglich attestieren lassen, dass eigentlich zur Quarantäne verpflichtete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, solange keine Corona-Symptome auftreten, aus der häuslichen Quarantäne heraus ihren Dienst weiter ausüben dürfen, wenn sie in der Einrichtung nur mit positiv getesteten Covid-19-Patienten in Kontakt kommen. „Das System würde sonst im schlimmsten Fall nicht mehr funktionieren“, sagt Martin Kleinschmidt, der weiß, dass er sich bei allen berechtigten Sorgen und Ängsten, die es natürlich auch gibt, auf sein Team verlassen kann. Und weil einige seiner Mitarbeiter schon einmal bekundet haben, das sie notfalls ihre Quarantäne-Zeit auch in den Räumen des KSP verbringen würden, um die Bewohner weiter versorgen zu können, werden für diesen Fall schon mal 14 Feldbetten vorgehalten. „Ich weiß, dass einige daheim auf gepackten Koffern sitzen“, sagt Kleinschmidt, der in seinem derzeit nicht genutzten Seminarraum auch schon eine kleine improvisierte Kita eingerichtet hat, in der zwischen einem Kind und vier Kindern von Mitarbeiterinnen durch ehrenamtliche Kräfte betreut werden.

Hauswirtschaftlicher Bereich ist vorübergehend eingebrochen

Was den ambulanten Bereich angeht, in dem rund 20 KSP-Mitarbeiterinnen hauswirtschaftlich und pflegerisch tätig sind, so ist mit Ausbruch der Corona-Krise vor allem die hauswirtschaftliche Versorgung, bei der es schwerpunktmäßig um solche Verrichtungen wie Waschen, Putzen, Einkaufen und Essen geht, zunächst einmal nahezu komplett weggebrochen, weil es die verunsicherten Angehörigen vorgezogen haben, auf Dienste von außen fürs Erste zu verzichten. „Das sind furchtgetriebene Entscheidungen“, sagt Martin Kleinschmidt, der mittlerweile aber feststellt, dass sich die erste und grundsätzlich nicht ganz unbegründete Angst, dass das Coronavirus von außen ins Haus getragen werden könnte, gelegt hat und dass auch die An- und Nachfragen bezüglich der hauswirtschaftlichen Angebote im Zusammenhang mit den ersten Lockerungen wieder gestiegen sind. Wobei natürlich auch bei der ambulanten Betreuung gilt, dass die Hygienevorschriften wie etwa das Tragen von Mundschutz und Handschuhen generell und die Abstandsregel soweit als irgend möglich eingehalten werden. Die Zeit, während der es ambulant etwas ruhiger zuging – die finanziellen Ausfälle werden im Übrigen auf Basis des Referenzmonats Januar erstattet –, habe er genutzt, um die Mitarbeiterinnen noch einmal zu sensibilisieren und ihnen etwaige eigene Ängste zu nehmen, sagt Kleinschmidt und stellt fest: „Wenn ein Mitarbeiter unruhig und ängstlich ist, überträgt sich das auf unsere Klientel.“

Bewohner und Angehörige begegnen sich in einem verglasten Bereich

Das gelte im Übrigen genauso für den stationären Bereich, in dem in den vergangenen Wochen versucht worden sei, so etwas wie Normalität dadurch aufrechtzuerhalten, dass Angebote, die es schon vorher gegeben habe, teilweise weitergeführt worden seien – „aber mit Abstand“. Und auf die Einschränkung der Besuchszeiten beziehungsweise auf das Besuchsverbot sei dadurch reagiert worden, dass ein kleiner verglaster Bereich geschaffen worden sei, in dem es zu bestimmten Zeiten möglich sei, dass sich Bewohner und Angehörige nach vorheriger Anmeldung zumindest kurz sehen, sich zuwinken und durch einen kleinen Spalt auch ein paar Worte miteinander wechseln können. Außerdem können jederzeit frische Blumen, aktuelle Bilder von Familienangehörigen und Basteleien von Enkel- und Urenkelkindern in der Einrichtung abgegeben werden.

„Schlimmer als das Virus selber ist das Panikvirus“

Was den Umgang mit der Corona-Krise ganz grundsätzlich angeht, so tut sich Martin Kleinschmidt vor allem mit den Zahlen und ganz speziell mit der Zahl der Todesfälle schwer, die nicht nur seiner Meinung nach keinen Aufschluss darüber geben, wie viele Menschen nun tatsächlich an Corona oder mit Corona gestorben sind. Und er warnt auch davor, in Corona so etwas wie die Pest des 21. Jahrhunderts zu sehen. „Schlimmer als das Virus selber ist das Panikvirus“, meint Martin Kleinschmidt, der überzeugt ist, dass Deutschland aus der Krise einigermaßen gut herauskommen wird. Zumal sich in den letzten Wochen gezeigt habe, was alles möglich sei, wenn es ernsthaft darauf ankomme – „von den Gesundheitsämtern angefangen bis zur großen Politik“. „Die Menschen wachsen an ihren Aufgaben“, sagt Kleinschmidt und findet es in diesem Zusammenhang am beeindruckendsten, was in der Pflege selber geleistet wird. Wie unter diesen auch körperlich belastenden Bedingungen Pflege geleistet werde, das sei ganz einfach „großes Kino“, sagt der Leiter des Kranken- und Pflegedienstes und hofft, dass Pflege in dieser Gesellschaft auch dauerhaft wieder einen Wert bekommt – und zwar nicht nur finanziell. „Pflege, das kann nicht jeder Depp“, betont Kleinschmidt.

„Wir werden alle irgendwann Corona-Fälle haben“, sagt der Leiter des privaten Kranken- und Seniorenpflegedienstes KSP Mobil, Martin Kleinschmidt, dessen im Schorndorfer Gesundheitszentrum beheimatete Einrichtung stationär 47 alte Menschen und ambulant etwa 200 auf pflegerische und hauswirtschaftliche Hilfe angewiesene Personen betreut. Mit „wir“ meint Kleinschmidt alle seine Kolleginnen und Kollegen, die in Alten- und Pflegeheimen Verantwortung tragen und die allesamt wissen, dass es gegen

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