Schorndorf

Weihnachten fern der Heimat: Wie Lydia Chumarna aus der Ukraine das Fest feiert

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Lydia Chumarna
Viktorias selbst gebackene Plätzchen schmecken köstlich. Die Mama freut sich darüber. © Gabriel Habermann
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TITEL Weihnachtsausgabe
Weihnachtsschmuck ziert das Wohnzimmer von Lydia Chumarna und ihrer Tochter. © Gabriel Habermann

Schokoladennikoläuse stehen auf dem kleinen Tisch im Wohnzimmer von Lydia Chumarna. Einen kleinen Weihnachtsstrauch hat die 43-jährige Ukrainerin liebevoll mit silbernen Kugeln, Tannenzapfen und einfachen Holzsternen geschmückt. Ein weißes Lamettaband ziert die Äste. Sie freut sich auf ihr Weihnachtsfest, das sie mit ihren beiden Töchtern „so feiern wird, wie man es hierzulande macht“. Denn eigentlich feiern Ukrainer erst im Januar: am 6. Januar Heiligabend und am 7. Januar Weihnachten.

Berufsbedingt jüngste Tochter in der Ukraine bei einer Freundin gelassen

Für Lydia Chumarna, die aus der Region Ivano-Frankiwsk stammt, ist es ein sehr besonderes Fest: Endlich ist die Mutter wieder mit ihrer jüngsten Tochter beisammen. Chumarna selbst ist seit 2017 in Deutschland als Pflegekraft tätig, wird über eine polnische Agentur an hilfesuchende Familien vermittelt und war in der Vergangenheit nach gewissen Zeitabständen immer mal wieder in der Heimat. Die Corona-Pandemie und der Krieg haben alles verändert.

Aufgrund der Arbeitssituation und des persönlichen Schicksals hat sie ihre zehnjährige Tochter Viktoria in der Ukraine bei einer Freundin zurückgelassen. Warum das so war, und wie das Weihnachtsfest 2022 in Schorndorf aussehen wird, hat sie in einem bewegenden Gespräch erzählt: „Mein Mann starb vor zwei Jahren an einem Herzinfarkt, kurz nachdem Corona zum Thema auf der Welt wurde. Meine Mutter verlor ich ebenfalls. Ich stand da, alleine mit meiner kleinen Tochter“, fängt die 43-Jährige an.

Die ältere Tochter Irena, 25 Jahre, sei aus dem Gröbsten raus gewesen: Studierte an der Uni in Polen Jura und arbeitet aktuell in München beim Landratsamt. Auch sie kommt an Heiligabend nach Schorndorf zu ihrer Mama. Vor dem Krieg sei es nicht einfach gewesen, in ihrer Heimat Geld zu verdienen, so die 43-Jährige weiter, die gerne anderen zur Seite steht und hilft, wo sie nur kann. Deshalb sei sie dankbar gewesen, als Pflegekraft eingesetzt zu werden.

Als Lydia Chumarna am 24. Februar den Anruf erhielt – sie war gerade in Backnang bei einer Familie tätig –, dass der Krieg in der Ukraine begonnen hat, war für sie klar, dass sie ihre Tochter Viktoria zu sich nach Deutschland holt.

Blutig gebissene Lippen vor Sorge

„Es war eine Katastrophe, das zu hören“, erzählt die besorgte Mutter. In den Augen sammeln sich Tränen. „Ich habe nicht schlafen können. Hatte blutige Lippen, weil ich auf ihnen herumgebissen habe vor Sorge um meine Tochter.“ Die Abholaktion der Tochter wurde schnell organisiert und abgewickelt – glücklicherweise. Lydia Chumarna habe viel Hilfe vor allem von der Backnanger Familie erhalten, bei der sie gerade arbeitete, um ihre Kleine an der polnischen Grenze abholen zu können. Ihre Nichte, die in Polen studiert, hatte Viktoria mitgenommen. Ende Februar sei das Mädchen dann in Deutschland gewesen. „Man kann nicht ausdrücken, was in den Kindern vorgeht, die flüchten müssen.“ Panik konnte sie bei ihrer Tochter beobachten: andere Sprache, anderes Land, andere Menschen. „Alles war fremd.“ Nur einen Koffer habe sie gehabt. „Den Anorak, den sie getragen hat, möchte sie hier nicht anziehen. Sie sagt, er ist ihre Erinnerung an die Ukraine.“

Während Lydia Chumarna erzählt, stellt sie Weihnachtsplätzchen auf den Tisch: „Hat Viktoria gebacken.“ Die Zehnjährige, die in der Schorndorfer Künkelinschule die Vorbereitungsklasse besucht, lächelt. Schüchtern blickt sie zu Boden. „Deutsch spricht sie noch wenig. Aber sie besucht zweimal in der Woche einen Sprachkurs“, sagt die Mama, die sich ihre Deutschkenntnisse größtenteils selbst beigebracht hat, ebenfalls noch den einen oder anderen Sprachkurs macht und vor allem ukrainischen Flüchtlingen in Schorndorf geholfen hat – sei es bei Arztbesuchen oder bei Behördengängen. „In Schornbach in der Brühlhalle habe ich gedolmetscht, wenn es nötig war“, berichtet sie. Die Ukrainerin spricht offen über das, was sie bewegt: „Ich sage immer alles frei von der Seele weg.“

Weihnachtsessen eher Deutsch als Ukrainisch 

Die gebackenen Weihnachtsplätzchen schmecken köstlich. Viktorias Augen leuchten, als sie sieht, wie herzhaft in die Keksdose gegriffen wird und die Redakteurin und der Fotograf sich bedanken. „Bitteschön“, sagt sie und lächelt wieder.

Was es zum Weihnachtsfest zum Essen geben wird, steht längst fest. Auch wenn es „eher deutsch als ukrainisch zugehen wird“, darf eine ukrainische Leckerei und Tradition nicht fehlen: Kutja. Die 43-Jährige nennt die Zutaten: Weizenkorn (geschälter und gekochter Weizen), Honig, gehackte Nüsse, gemahlener Mohn und warmes Wasser. „Diese Getreidespeise gibt es an Heiligabend in jeder ukrainischen Familie.“ Ansonsten werde es Fisch (Hering) und Kartoffeln geben. „Und für Viktoria Pommes – das muss sein“, sagt Lydia Chumarna und lacht herzhaft. Sie fügt an: „Normalerweise kommen zwölf Speisen bei ukrainischen Familien – auch bei polnischen – an Heiligabend auf den Tisch, in der Erinnerung an die zwölf Apostel. Aber wer soll das alles essen?!“, wieder muss sie lachen. Zudem dürfe es an Heiligabend beispielsweise kein Fleisch geben und auf tierische Fette müsse verzichtet werden.

Vater und Bruder leben in der Westukraine

Ob in ihrer Heimat überhaupt jemand Weihnachten feiert? Sie weiß es nicht. Ihr Vater, 90 Jahre alt, und ihr Bruder, der an der Uni Professor ist, leben nach wie vor in der Westukraine. „Mein Bruder wohnt etwa 70 Kilometer von meinem Vater entfernt, er besucht ihn, so oft er kann.“ Im Moment sei der Kontakt schwierig, weil es keinen Strom gebe. „Aber zum Glück gibt es bei meinem Vater in seinem Wohnort keinen Alarm und keine Bomben.“

Was für die 43-Jährige wichtig ist zu Weihnachten: Gebete. Kerzen werden angezündet und kleine Weihnachtsgeschenke gebe es auch. „Am Ende stellen wir die Essensreste auf die Fensterbank für die Verstorbenen – ein Brauch." In die Kirche wird Lydia Chumarna gehen. „In der Ukraine dauert ein Gottesdienst an Weihnachten fünf Stunden – da steht man nur. Ich bin froh, dass es hier nicht so ist.“

Dankbar für die Unterstützung

Ob sie in die Ukraine zurück möchte? „Ehrlich gesagt – keine Ahnung. Man weiß nicht, wie alles wird.“ Wenn ihrem Vater etwas passiere, ja, dann wahrscheinlich schon. Aber für immer dort bleiben? „Keine Ahnung“, wiederholt sie. In Schorndorf habe sie ein Zuhause gefunden. Dass sie von so vielen lieben Menschen umgeben sei, Kontakt zu den Familien habe, bei denen sie gearbeitet hat, und viel Unterstützung erhalte, wiederholt sie mehrmals. „Ich bin so dankbar dafür.“ Auf ihre Töchter ist sie stolz: „Sie sind mein Leben. Ich würde alles für sie tun.“ Ihr Wunsch für 2023? „Dass meine Kinder gesund und glücklich sind. Ich danke Gott jeden Tag dafür, dass sie keine Bomben sehen und keinen Alarm hören.“

Schokoladennikoläuse stehen auf dem kleinen Tisch im Wohnzimmer von Lydia Chumarna. Einen kleinen Weihnachtsstrauch hat die 43-jährige Ukrainerin liebevoll mit silbernen Kugeln, Tannenzapfen und einfachen Holzsternen geschmückt. Ein weißes Lamettaband ziert die Äste. Sie freut sich auf ihr Weihnachtsfest, das sie mit ihren beiden Töchtern „so feiern wird, wie man es hierzulande macht“. Denn eigentlich feiern Ukrainer erst im Januar: am 6. Januar Heiligabend und am 7. Januar

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