Schorndorf

Weihnachtswelt im Lockdown: Schaustellerfamilie Krecksch - mit Karussell und Co ausgebremst

Krecksch
Rainer und Roswitha Krecksch, die sonst auf der Weihnachtswelt mit ihrem historischen Kinderkarussell zu Gast waren, wollen keinesfalls aufgeben – sie vertrauen auf künftige, bessere Zeiten fürs Schaustellergewerbe. © Benjamin Büttner

Wenn die Familie Krecksch eines kann, dann ist das Improvisieren. Und dabei bleiben sie auch noch gelassen. Die Schaustellerfamilie, deren Großeltern schon auf den Festen in der Umgebung für Unterhaltung gesorgt hatten, musste schon öfter durch harte Zeiten – unterkriegen lassen haben sie sich aber nie. Vor 100 Jahren, da tingelte die Familie mit kleinen Büdchen über die Festchen im Welzheimer Wald und im Remstal: Dosenwerfen, Ringwerfen, solche Dinge. Damals war’s eine Attraktion, bot willkommene Zerstreuung zwischen all der harten Arbeit.

Jede Schausteller-Generation hat schon schlimme Zeiten erlebt

Später dann nach dem Krieg waren die Zeiten hart. Reichte das Geld nicht zum Auskommen, ging der Vater auch mal vors Neckarstadion, verkaufte Zigaretten. „Was halt möglich war“, berichtet Rainer Krecksch aus dem abwechslungsreichen Schaustellerleben. Später wurde es einfacher, überall wurde gefeiert und gefestet, Großveranstaltungen schossen wie Pilze aus dem Boden. Die Familie hielt eine Losbude und einen Schießwagen, war auch eine Zeit lang mit einen großen Lollipop-Twister unterwegs. Inzwischen gehören auch ein Imbisswagen und Catering zum Geschäftsmodell.

Die Kreckschs haben auch sonst alles am Start, was man für ein gelungenes Fest so braucht: Hüpfburgen, Toilettenwagen, Karussells, gebrannte Mandeln, Schwenkgrill und Kinderzügle. Was sie leisten können, das leisten sie. „Aber wir können nicht mehr als schaffen“, konstatiert Rainer Krecksch. Ab und an wurden sie auch von außerhalb gebucht, waren schon in Berlin und Trier mit ihren Wagen. Allerdings, der Aufwand ist zu groß, Aufträge in der Region sind lukrativer. Gern richten sie aber Betriebsfeste größerer Firmen der Region aus, bespielen „Tage der offenen Tür“.

Kinder der Region kennen Frau Krecksch vom Kinderkarussell schon von weitem

Auf dem Schorndorfer Weihnachtsmarkt steht ihr Kinderkarussell stets vor dem Spielwarenladen, auf dem Stadtmarkt bespielen sie den Archivplatz. „Manche Leute kenn’ ich schon, seit sie im Kinderwagen saßen“, erzählt Roswitha Krecksch. Wobei - vielmehr kennen die ehemaligen Kinder die Karussell-Chefin. Inzwischen sind sie nämlich dem Kinderwagen-Alter entwachsen und setzen schon ihre eigenen Sprösslinge in den kleinen bunt lackierten Fisch oder in die rot leuchtende Kutsche. Roswitha Krecksch liebt die Zeit auf dem Weihnachtsmarkt. Wie die Kinder sich freuen, die Eltern sich kurz erschöpft zurücknehmen, während der Nachwuchs glücklich seine Runden auf dem Karussell dreht.

Banken fordern ihr Recht

Und jetzt? Vielleicht 20 Prozent ihres Jahresumsatzes konnte die Familie machen. Immerhin kann der Sohn jetzt mit einem Süßigkeiten-Wagen auf dem Parkplatz des Schorndorfer Marktkaufes stehen. Das ist besser als nichts. Aber allein die Verbindlichkeiten, die normalerweise monatlich anfallen würden, können so nicht gedeckt werden. Etliche der rund 45 angemeldeten Fahrzeuge haben sie daher abgemeldet. So manche Rentenversicherung liegt auf Eis. Aber auch die Banken fordern ihr Recht. Und das ist angesichts des zuletzt erwirkten Dieselfahrverbotes kein geringes. Immerhin mussten die Kreckschs eine neue Zugmaschine anschaffen, um überhaupt die Märkte in der Region anfahren zu können, auf denen sie ja hauptsächlich ihren Lebensunterhalt verdienen. Und was das Haus betrifft: Endlich, im Mai 2022, wären sie fertig gewesen, wäre alles abbezahlt gewesen. Auch das zögert sich aber nun heraus und die Zinsen kommen obendrauf. Einfach ärgerlich, findet Krecksch. Und die Soforthilfe, die gar nicht mal so richtig „sofort“ auf dem Konto landete, sei schnell aufgebraucht gewesen. „Das normale Leben läuft ja auch weiter.“ Wasser, Strom, Steuer, Benzin, Reparaturen, der Steuerberater - zu begleichende Rechnungen gibt’s genug.

Online-Shop bringt zusätzlichen Ertrag

Zum Glück haben sie schon vor längerem einen kleinen Online-Shop etabliert, über den sie gebrannte Mandeln und seit der Corona-Zeit hochwertige FFP2-Masken verkaufen. Über Zwischenhändler in China hatten sie schon frühzeitig solche erhalten, als sie sonst in Deutschland noch recht knapp waren. Immerhin konnten sie im Sommer kleinere Feste mit Karussell und Süßigkeitenwagen bespielen – natürlich unter Corona-Auflagen, mit einem Bruchteil des üblichen Verdienstes. Schließlich wurden die Besucher stets nur in kontrollierter Anzahl aufs jeweilige Festgelände gelassen. Und: Investitionen waren dafür auch nötig: Masken, Desinfektionsmittel, Schutzvisiere, all das.

Trotzdem: Die Kreckschs machen es wie ihre Vorfahren: Sie geben nicht auf. „Wir lassen uns nicht unterkriegen. Es muss ja irgendwie weitergehen.“ Dass einmal so etwas Einschneidendes passiert - Rainer Krecksch ist nicht sonderlich überrascht darüber. „Wir wären ja die erste Generation gewesen, die nie was Schlimmes erlebt hätte. Das ist der ganz normale Gang.“ Und außerdem gibt’s Hoffnung: Etliche neue Verträge fürs kommende Jahr wurden schon geschlossen. Die Familie ist in der Region so gut etabliert, dass die Städte und Gemeinden inzwischen schon von ganz alleine auf sie zukommen. „Groß Bewerbungen rausschicken muss ich gar nicht“, berichtet Krecksch. Und fürs Jahr 2022 rechnet die Familie wieder mit richtiger Normalität mit Volksfesten, Karneval und Großveranstaltungen. Und so lange wollen sie einfach weitermachen, so gut es geht. „Lamentieren bringt nix, da müssen wir jetzt alle durch“, findet der Chef.

Wenn die Familie Krecksch eines kann, dann ist das Improvisieren. Und dabei bleiben sie auch noch gelassen. Die Schaustellerfamilie, deren Großeltern schon auf den Festen in der Umgebung für Unterhaltung gesorgt hatten, musste schon öfter durch harte Zeiten – unterkriegen lassen haben sie sich aber nie. Vor 100 Jahren, da tingelte die Familie mit kleinen Büdchen über die Festchen im Welzheimer Wald und im Remstal: Dosenwerfen, Ringwerfen, solche Dinge. Damals war’s eine Attraktion, bot

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