Schorndorf

Weitere Euthanasie-Opfer in Schorndorf bekanntgeworden: Warum erinnern?

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Euthanasie
Thomas Stöckle, Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, in der Stadtkirche zur Erinnerungsgeschichte der NS-„Euthanasie“-Verbrechen. © Benjamin Büttner
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Euthanasie
18 Terracotta-Figuren des Künstlers Jochen Meyder erinnern in der aktuellen Ausstellung über die „Aktion T4“ im Stadtmuseum an die bisher bekannten 18 Schorndorfer Opfer. © Benjamin Büttner

Wenn in Deutschland geschichtspolitisch von „Erinnerung“ und „Nicht vergessen!“ die Rede ist, dann sind damit zuallererst die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands von 1933 bis 1945 gemeint: der Genozid an sechs Millionen Juden, der Vernichtungskrieg in Osteuropa, die Ermordung von Sinti und Roma. Und vieles mehr. Warum sich an diese Untaten erinnern? Unablässig?

Ein Blick auf die Trümmer von Mariupol müsste genügen. Zur Erschütterung über den Angriff Russlands auf die Ukraine gehört, wie in diesem Krieg die völlig unaufgearbeitete Vernichtungsgeschichte eines Staates, besonders des Stalinismus, in einer neuen, mörderischen Aggressivität aufgeht. Und dies vor dem Hintergrund eines heillos verstrickten Täter/Opfer-Phantasmas. Eine „Erinnerung“ ohne historischen Wirklichkeitsbezug, die aber gerade deshalb Gewalt allemal zu rechtfertigen scheint, wird in diesem neuerlichen Schlachten zu einer ideologisiert einsetzbaren Waffe. Nie wieder? Doch: wieder!

Noch einmal. Warum also Erinnerung? Und was für eine?

Wir sprachen darüber aus aktuellem Anlass mit Dr. Andrea Bergler und Eberhard Abele. Die Leiterin des Stadtmuseums zeigt noch bis zum Ostermontag besonders eine von Schulen nachgefragte Wanderausstellung zum Thema der NS-„Euthanasie“-Morde) und eine mit ihrem Team erarbeitete Sonderausstellung über die bisher bekannten Schorndorfer Opfer dieses Verbrechens. „Aus dem Publikum, das wir hatten“, sagt sie, „kamen viele aus einem persönlichen Bezug.“

Eberhard Abele war Geschichtslehrer an Schorndorfer Gemeinschaftsschulen, Leiter des „Kompetenzzentrums für Geschichtliche Landeskunde im Unterricht“ des Kultusministeriums in Stuttgart, führt Stadtführungen zur lokalen NS-Geschichte durch und arbeitet derzeit an einem Buch über das Nazi-Opfer Ludwig Guttenberger aus der Schorndorfer Sinti-Familie der Guttenberger, die in der Römmelgasse lebte und von der die meisten 1943 von hier nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden.

Es geht nicht um Schuld, sondern um Verantwortung

Abele: „Vielleicht pädagogisch gesagt: Wir erinnern uns für die Zukunft. Das ist das große Leitthema. Da sind ja die Schlagwörter „Nie wieder!“ und „Wehret den Anfängen!“, die es ganz gut treffen. Es gibt die Gegensätze Diktatur/Demokratie, Ausgrenzung/Vielfalt oder Rassismus/Menschenrechte. Als Lehrer muss man, wenn wir übers Dritte Reich reden, immer einen Gegenwartsbezug haben: Dass wir in einer Demokratie leben, die wir verteidigen sollten, muss uns bewusst werden.“

Bergler: „Als ich nach Schorndorf kam, gab es 2013 eine Veranstaltungsreihe zum NS. Das war für mich der Startpunkt, mich hier damit zu befassen. Es gab damals Kontakte mit den Opfern und deren Nachfahren aus den Familien Guttenberger und der jüdischen Familie Ansbach. Das war für mich stark motivierend, wie wichtig es ist, diese Themen aufzugreifen und weiter zu erforschen.“

Abele: „Vom Opfergedenken führt der Weg zur Auseinandersetzung. Erinnern, Orientieren, Handeln. Dass man als Lehrer den Impuls auslöst, ich muss mich im Alltag einsetzen. Besonders ‘Gerechtigkeit’ ist ein wichtiges Thema, was Gedenken angeht. Dazu gehört die Stolpersteinverlegung vor der Wohnung der Guttenberger in der Römmelgasse, zu der dann viele angehörige Nachfahren gekommen sind.“

Bergler: „Es ist aber auch so, dass sich manche Themen fortgesetzt haben, etwa was den Umgang mit Sinti und Roma nach 1945 anging.“

Abele: „Ja, da geht es dann um Anerkennung. Das sind wichtige Gesten und Zeichen, die sagen, wir bekennen uns zu diesem Unrecht. Und ich glaube auch, solange man den Opfern einen Namen gibt, sind sie nicht vergessen.“

Bergler: „Da durch den Lockdown unsere 2020 geplante Ausstellung verschoben wurde, haben wir geforscht und festgestellt, dass es viel mehr Opfer gab, als damals bekannt war. Wir haben dann zwei Jahre verbracht, die Geschichten der ermordeten Patienten zu erforschen. Wir haben festgestellt, dass es ganz viele Themen gibt, wo wir noch gar nicht wissen, was passiert ist. Erst seit Öffnung der Archive nach dem Mauerfall in Ost-Berlin sind Akten zur Aktion T4 mit 30 000 Namen aufgetaucht. Man denkt, der NS ist lang her, aber wir können erst seit kurzem über manches forschen. Die Namen der Opfer sind über viele Jahrzehnte zusammengetragen worden.“

Abele: „Dabei geht es nicht um Schuld. Man muss sagen, ihr seid verantwortlich dafür, dass es nicht wieder passiert.“

Bergler: Nein, keine Schuld. Aber Verantwortung dafür, dass wir nicht vergessen, was geschehen ist.“

Kerzen in der Kirche als erinnernde Geste

Die Erinnerungsveranstaltung zum Ende der Ausstellung im Stadtmuseum an die Opfer einer Ideologie des „unwerten“ Lebens fand in der Stadtkirche statt. Thomas Stöckle, der Leiter der Gedenkstätte Grafeneck rekapitulierte in seinem Vortrag die deutsche Erinnerungsgeschichte der Morde, die von einigen Prozessen kurz nach dem Krieg, einer langen Sprachlosigkeit bis zur allmählichen Aufarbeitung ab den 70er Jahren, hin zur gut besuchten Gedenkstätte und ihrer Aufklärungsarbeit reichte.

Es waren nicht die Regierungen oder Stadtoberhäupter, die die Erinnerung vorantrieben. Auch nicht in Schorndorf, wo etwa die Naturfreunde die Gedenkaktion der Stolpersteine initiierten.

Berührend war an diesem Abend des Gedenkens dann die Geste der Verlesung der Opfer von Pfarrerin Dorothee Eisrich und das Anzünden einer Kerze für jeden Namen.

Wenn in Deutschland geschichtspolitisch von „Erinnerung“ und „Nicht vergessen!“ die Rede ist, dann sind damit zuallererst die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands von 1933 bis 1945 gemeint: der Genozid an sechs Millionen Juden, der Vernichtungskrieg in Osteuropa, die Ermordung von Sinti und Roma. Und vieles mehr. Warum sich an diese Untaten erinnern? Unablässig?

Ein Blick auf die Trümmer von Mariupol müsste genügen. Zur Erschütterung über den Angriff Russlands auf die

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