Schorndorf

Welche Spuren Jakob Rösler, Leiter der bekannten Schorndorfer Lateinschule, hinterließ

JuntVHS
Der ehemalige Dekan Waldemar Junt zeigt ein Bild von Jakob Rösler vor dem Museum. © Gaby Schneider

Eigentlich müsste Waldemar Junt ein Buch schreiben. Denn was Jakob Rösler, der im Mittelpunkt seines Vortrags an der Volkshochschule stand, geleistet hat, welche Verbindungen sich durch sein Wirken für die Schorndorfer Stadtgeschichte und die Historie Württembergs ergeben, das sprengt fast den Rahmen des Abends. Dem früheren Dekan gelang’s gleichwohl, über den bedeutenden früheren Lateinschullehrer zu informieren und die Neugier zu wecken. Auf das Leben eines Mannes, der sich durch einen Hunger nach Wissen und unermüdlichen Einsatz für seine Mitmenschen auszeichnete und dessen Arbeit fortwirkt.

Doch von vorn und hinein ins Schorndorf des 19. Jahrhunderts. Die Stadt zählte weniger als 4000 Einwohner. Der Ausbruch des Vulkans Tambora und die Folgen prägten jene Jahre mit Missernten, Hungersnöten und einer Welle von Auswanderungen. „Man legte trotzdem großen Wert auf die Schulbildung.“ Insbesondere auch um diese machte sich Jakob Rösler verdient.

Exzellenter Aufsatz trotz des falschen Themas

Dass aus ihm etwas werden würde, zeigte sich früh durch klaren Verstand, eine gute Auffassungsgabe und seinen Ausdruck. Der Stadtkirchenpfarrer und Ortsschulinspektor setzte sich dafür ein, dass der Junge Lehrer werden möge. So geschah’s. Rösler ging bei einem Schulmeister in die Lehre, wurde Schulgehilfe und Provisor. Er bestand die Prüfung zu letzterem Abschluss trotz einer kuriosen Verwechslung. Für das Fach Deutsch stand ein Aufsatz zum Thema „Entbehren ist die Schule des Lebens“ an. Durch Geraschel verstand Rösler „Im Bären ist die Schule des Lebens“ und ging von einem Wirtshaus aus. Das Thema hatte er zwar verfehlt, aber so exzellent geschrieben, dass er eine sehr gute Note bekam. Er bestand die Prüfungen und unterrichtete in Allmersbach, Schorndorf und Beutelsbach.

Und bildete sich und andere. Einem Schüler brachte er Latein bei, obwohl er zunächst diesbezüglich keine Kenntnisse hatte. Er lief nach Stuttgart, kaufte Grammatik-, Wörter- und Lehrbuch, arbeitete sich ein. So gut, dass der Schüler mit Erfolg Latein lernte. „Der Rösler war eigentlich ein Autodidakt“, unterstrich Waldemar Junt. „Er hat keine Universität besucht.“

Als eine Art Volksschullehrer fühlte sich Rösler unterfordert. Er wollte Lateinschullehrer werden. Fünf Jahre studierte er Bücher, eignete sich das nötige Wissen an. Dann meldete er sich zur Prüfung an, durfte sie trotz skeptischer Behörden mit den Universitätsabsolventen ablegen - und bestand. Er bekam eine Anstellung in Schorndorf.

„Die Lateinschule hatte einen sehr guten Ruf“

Privat war Rösler das Glück weniger hold. Seine erste Frau starb im Wochenbett, die kleine Tochter kurz darauf. „Es war eine schwere Zeit“, so Junt. Doch Rösler war in der Kirchengemeinde eingebettet, wurde Kirchengemeinderat, gehörte dem CVJM und den Altpietisten an. Dort engagierte sich auch Christian Breuninger, Gründer der gleichnamigen Lederfabrik. Beide verstanden sich. Im Haus Breuninger lernte Jakob Rösler seine zweite Frau, die Schwester Breuningers, Karoline Breuninger, kennen. Mit ihr zog er ins Schulhaus der Lateinschule, ins heutige Stadtmuseum. „Die Lateinschule hatte einen sehr guten Ruf.“

Die Altpietisten spielten eine große Rolle in Schorndorf. 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung gehörten zu ihnen und zum CVJM, schätzt Waldemar Junt. Jakob Rösler wurde 1851 Pfarrgemeinderat und später Kirchengemeinderat, insgesamt übte er das Amt 53 Jahre lang aus.

Rösler setzte sich vielfältig für die Bürger ein. Er gründete eine Kleinkinderschule, einen Kindergarten, weil er Eltern, die den Nachwuchs mit aufs Feld nehmen mussten, den Rücken freihalten und die Kinder fördern wollte. Er kümmerte sich um alles, was nötig war. Auch rief er Leseabende für junge Leute im CVJM ins Leben.

Der „Jugendfreund“ erscheint heute noch für die Kinderkirchkinder

Den Alten und Schwerkranken galt ebenso Röslers Fürsorge: 1875 gründete er den Krankenpflegeverein und nahm sich auch der organisatorischen Aufgaben an.

Der Lateinschullehrer begründete die Kinderkirche, damit die Kinder, wenn die Eltern zum Gottesdienst gingen, auch ein Programm hatten. Biblische Geschichten wurden erzählt, es wurde gebetet und gesungen. 200 Kinder kamen. Rösler hatte ein großes Erzähltalent. Den Kleinen gefiel’s, sie berichteten daheim, es gab viele Rückmeldungen. Schließlich wurden die Geschichten für Kinder aufgeschrieben, gedruckt und ihnen nach der Kinderkirche mitgegeben. Das fand viel Anklang und schließlich ein weites Echo. „Den sogenannten ‘Jugendfreund’ gibt es heute noch“, weiß Junt. Ihn bekommen die Kinderkirchkinder in Württemberg.

Die Schüler erinnerten sich später an einen sehr engagierten Lehrer, der sehr wohl züchtigte, aber auch an eine glückliche „Vereinigung von Ernst und Milde“ und viele Anekdoten. Funken der Begeisterung sprangen besonders bei Uhlands Gedichten oder in Gesangsstunden über. „Rösler war der geborene Musiker“, sagt Junt.

Dass der Lateinschulleiter bei den Schülern beliebt war, zeigte sich nicht zuletzt zum 50-jährigen Dienstjubiläum. Die Ehemaligen widmeten ihrem Lehrer ein Gedenkblatt. Mehr als 170 Dankeskarten trafen aus allen Teilen der Welt ein. Öffentliche Auszeichnungen erhielt Rösler zudem.

Nach Jahrzehnten im Schuldienst baute er an der Ecke Schlichtener Straße/Burgstraße im Alter ein Haus, schrieb zwei Bücher, übernahm mit stolzen 81 Jahren Krankheitsvertretungen. Der spätere Ministerpräsident Baden-Württembergs, Dr. Reinhold Maier, erlebte Rösler noch als Lehrer. Mit 88 Jahren gab er noch Klavierunterricht. Auch besuchte er täglich Kranke, brachte ihnen ein gutes Wort und eine Flasche Wein. „Er war ein frommer Mann“, sagte Waldemar Junt, mit Toleranz in Glaubensfragen. Kurz vor dem 90. Geburtstag verstarb Jakob Rösler. Sein Lebensmotto lautete: „Immer mäßig, nie müßig“.

Eigentlich müsste Waldemar Junt ein Buch schreiben. Denn was Jakob Rösler, der im Mittelpunkt seines Vortrags an der Volkshochschule stand, geleistet hat, welche Verbindungen sich durch sein Wirken für die Schorndorfer Stadtgeschichte und die Historie Württembergs ergeben, das sprengt fast den Rahmen des Abends. Dem früheren Dekan gelang’s gleichwohl, über den bedeutenden früheren Lateinschullehrer zu informieren und die Neugier zu wecken. Auf das Leben eines Mannes, der sich durch einen

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