Schorndorf

Wenn Anrufe ins Leere führen: Carmen Benz aus Haubersbronn berichtet über die Corona-Infektion ihrer Kinder bis hin zur Quarantäne

Carmen Benz
Carmen Benz und ihr Sohn Lucas: Mittlerweile haben sie wieder gut lachen. © Gabriel Habermann

Als „unglaublich“ beschreibt Carmen Benz ihre Geschichte. Erst im Zweifel, ob sich ihr Schicksal und das ihrer Kinder als Artikel für die Zeitung eignet, dann aber sicher, dass „dieser Erfahrungsbericht von der Corona-Ansteckung bis hin zur Quarantäne vielen Lesern zugänglich gemacht werden sollte“.

Die 54-Jährige blickt ins vergangene Jahr, als sie im Frühjahr 2020 die Schlagzeilen rund um Corona verfolgte. „Richtig bewusst, dass das was Ernstes sein könnte, wurde es mir, als man dem Ganzen einen Namen gab: Pandemie.“ Verhalten habe sich die Mutter mit ihren drei Kindern dann die Monate über, wie es eben nötig war und die Regeln vorgaben. Sogar der 18. Geburtstag der Zwillinge Hannah und Lucas im August konnte noch geplant und im großen Garten mit einigen Verwandten, Bekannten und Freunden gefeiert werden. „Dafür sind wir dankbar, dass das noch so ablaufen konnte.“

Rote Augen waren alarmierend

Mit Corona konfrontiert sah sich die Familie im Oktober 2020. Lucas klagte über etwas Halskratzen. „Ich dachte erst, es steht wieder ein Test in der Schule an, und mein Sohn möchte sich drücken“, erzählt die Mutter mit einem Zwinkern. Aber weit gefehlt. „Seine roten Augen waren alarmierend, die heiße Stirn ebenfalls.“ Carmen Benz kontaktierte den Hausarzt. Der an jenem Dienstagabend im Oktober noch einen Coronatest anordnete. Zwei Tage später bekam Lucas einen Anruf aus der Arztpraxis: positiv.

Wie vor den Kopf gestoßen waren die Mutter und die Geschwister von Lucas. Was war jetzt zu tun? Die nächsten Schritte wurden besprochen: Welche Ämter und Kontaktpersonen müssen verständigt werden, wer muss in Quarantäne und wie läuft das überhaupt ab? Carmen Benz erzählt von den vielen erfolglosen Anrufen: „Bis ich da mal einen am Apparat hatte …“ Am schnellsten haben die Verantwortlichen im Schorndorfer Burggymnasium reagiert: Die Schüler, die mit Lucas in einem Kurs unterrichtet werden, sowie die zuständigen Lehrer wurden umgehend in Quarantäne geschickt. Das war ein Tag, bevor die Herbstferien starteten.

„Das Gesundheitsamt erreichte ich erst am späten Freitagvormittag, um mir sagen zu lassen, dass das Ordnungsamt für die Kontaktverfolgung zuständig sei und die Quarantäne anordnen müsse.“ Doch beim Ordnungsamt sei niemand ans Telefon gegangen. „Ich verzweifelte beinahe. Wie kann so was sein?!“, fragt sich Carmen Benz heute noch. Erst gegen Mittag hatte die 54-Jährige eine Mitarbeiterin des Ordnungsamtes am Apparat. Die besorgte Mutter schilderte die Situation und bekam von der Mitarbeiterin gesagt, dass die Schule schon den Fall gemeldet hatte und die Kontaktdaten übermittelt wurden. „Das konnte ich nicht wissen, dass das so läuft.“

Beim Ordnungsamt der Stadt Schorndorf betreut eine Mitarbeiterin die Corona-Hotline, ebenso können die Bürger per Mail ihr Anliegen senden. „Wir verstehen, dass es ärgerlich ist, wenn man nicht durchkommt, weil die Nummer überlastet ist. Das ist nicht sonderlich vorteilhaft“, gibt Jessica Pulzer vom Ordnungsamt zu. Dennoch stehe auch das E-Mail-Postfach zur Verfügung, das von mehreren Kollegen gesichtet und bearbeitet werde. „Die Telefonhotline läuft auf Volldampf“, sagt auch Pressesprecherin Nicole Amolsch, versteht aber auch den Unmut der Bürger, „wenn mal etwas schiefläuft“. Die Hotline sei während der normalen Öffnungszeiten des Ordnungsamtes erreichbar, am Wochenende nur teilweise: „Es ist auch ganz klar eine Frage der Personalkapazität.“

Die Quarantäne anordnen könne das Ordnungsamt erst, wenn die Bestätigung des Gesundheitsamtes vorliege, dass es einen positiven Fall gibt, erläutert Pulzer den Ablauf.

Corona-App schlug nicht an

So ist es auch zu erklären, dass die Quarantäne für die Familie offiziell erst am Wochenende angeordnet wurde. Natürlich habe man sich, sagt Carmen Benz, sofort in Quarantäne begeben, als das positive Testergebnis vorlag – so ist es auch rechtlich vorgesehen.

Worüber sich die Familie wundert: Alle haben die Corona-App auf dem Handy. Nicht ein einziges Mal schlug sie an. Nicht, als Lucas offensichtlich Kontakt zu einer infizierten Person hatte, und auch nicht, als der 18-Jährige sich innerhalb der Familie bewegte. „Weder bei mir noch bei meinen Töchtern zeigte die App den Kontakt an“, so Carmen Benz. Selbst als Lucas längst positiv getestet war, ließ die App wissen: „Testergebnis nicht verfügbar.“

Für die Mutter stand fest: Sie und ihre Töchter lassen sich testen, um auf Nummer sicher zu gehen. Sie rief bei der Schorndorfer Fieberambulanz an: „Nach 105 Anrufversuchen bin ich dann mal durchgekommen.“ Dann sagte man ihr, wenn sie keine Symptome habe, dann werde nicht getestet – außer sie zahle den Test selbst. Die 54-Jährige entschied sich für den Test, ihre beiden Töchter auch – zu zahlen waren rund 125 Euro pro Person.

Beruhigend das Ergebnis: Alle drei wurden negativ getestet. Aufatmen bei Mutter und Töchtern, während Lucas mit allen Symptomen einer Corona-Infektion zu kämpfen hatte: Atembeschwerden, Husten, Fieber, Halsweh. Noch heute merke er, dass das Atmen schwerfalle, wenn er in den ersten Stock in sein Zimmer gehe, sagt der 18-Jährige. Übliche Medikamente, die man auch bei einem grippalen Infekt einnehme, habe er genommen. Wo sich Lucas angesteckt haben könnte? Schulterzucken. „Wir wissen es nicht.“ Aus dem Umfeld sei kein Fall bekannt. „Ich hatte erst vermutet, dass ich mich beim Fußballspielen angesteckt habe“, berichtet Lucas, der in der A-Jugend spielt. Aber da dort keine Infektion bekannt war, schloss er dies aus. „Wissentlich hat mein Sohn niemanden angesteckt“, fügt Carmen Benz hinzu. Die Symptome ließen nach gut einer Woche nach.

Ärger und Frust sammelten sich an, das gibt die 54-Jährige zu. Hinzu kommt: Es blieb nicht bei dem einen Fall. Das Rad drehte sich nochmals von vorne: Im Februar dieses Jahres infizierte sich Tochter Lea-Sophie. Die 21-Jährige befindet sich im Anerkennungsjahr einer Ausbildung zur Erzieherin und arbeitet in einem Kindergarten in Waiblingen-Neustadt.

Ein „bissle Schnupfen“ habe Lea-Sophie gehabt, sonst nichts Auffälliges. Aber in diesen Pandemie-Zeiten sei der erste Gedanke natürlich gewesen: vielleicht Corona? Vom Kindergarten angeordnet, wurde die angehende Erzieherin getestet. Und bekam an einem Samstag von der Fieberambulanz das positive Ergebnis. Wieder Quarantäne für die ganze Familie.

Ärgerlich vor allem für Bruder Lucas. „Er hatte für die Schule eine Präsentation vorbereitet. Wir wussten nicht, ob er auch in Quarantäne muss, weil er ja im Oktober schon Corona gehabt hat“, berichtet Benz. Sie rief die Corona-Hotline des Ordnungsamtes am Montagmorgen an und bekam die Ansage: „Diese Nummer ist zurzeit nicht erreichbar, oder Sie rufen außerhalb der Gesprächszeiten an.“ Carmen Benz traute ihren Ohren nicht. Wie kann so was sein? Sie rief bei der Bußgeldstelle an, weil „da erreicht man immer jemanden“. Tatsächlich wurde sie mit ihrem Anliegen mit einer Mitarbeiterin des Ordnungsamtes verbunden und stellte nach der Schilderung der Lage ihre Frage: „Kann mein Sohn in die Schule gehen?“ Die Antwort sei schlichtweg „unfassbar“ gewesen: „Die Mitarbeiterin sagte, das wüsste sie nicht, da kenne sie sich nicht aus.“ Erst an jenem Montagnachmittag bekam Lucas Bescheid, dass er am Dienstag in die Schule darf. „Da war die Präsentation natürlich rum.“

„Schön wäre es, mal wieder Fußball zu spielen“

Noch mal alle zum Test? „Nein“, betont Carmen Benz. Denn: „Wir hatten ja wieder keine Symptome und wieder hätte ich selbst zahlen müssen. Mittlerweile kosten die Tests mehr als 200 Euro, weil man auch auf die Mutationen testet.“

Lea-Sophie hat die Erkrankung „nur mit ein bisschen Schnupfen“ gut überstanden – merkt jetzt allerdings die Nachwirkungen: Atemprobleme beim Treppenlaufen. Die 21-Jährige hat längst wieder ihr negatives Ergebnis ihrem Arbeitgeber vorlegen können. Was Lea-Sophie belastet: Wissentlich eine Person aus dem Verwandtenkreis habe sie angesteckt, der es „wirklich schlecht geht mit den Nachwirkungen“. Die 21-Jährige macht sich Vorwürfe, hat aber den Rückhalt der Familie.

Wünsche für die Zukunft in dieser Pandemie: „Wir sollten uns noch mal ein paar Wochen zusammenreißen, die Füße still halten, sonst sitzen wir im September immer noch da und sind so weit wie jetzt“, sagen Mutter und Sohn. Das Impfen sollte schneller vorangetrieben werden, ohne großartige Priorisierungen. Es nerve, sagt Benz: „Die Regierung reagiert nur, agiert aber nicht.“ Man fühle sich ohnmächtig und machtlos, weil man als kleiner Bürger auf nichts Einfluss nehmen kann. „Und schön wäre es auch mal wieder, Fußball zu spielen und ins Kino gehen zu können“, fügt Lucas hinzu.

Als „unglaublich“ beschreibt Carmen Benz ihre Geschichte. Erst im Zweifel, ob sich ihr Schicksal und das ihrer Kinder als Artikel für die Zeitung eignet, dann aber sicher, dass „dieser Erfahrungsbericht von der Corona-Ansteckung bis hin zur Quarantäne vielen Lesern zugänglich gemacht werden sollte“.

Die 54-Jährige blickt ins vergangene Jahr, als sie im Frühjahr 2020 die Schlagzeilen rund um Corona verfolgte. „Richtig bewusst, dass das was Ernstes sein könnte, wurde es mir, als man dem

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