Schorndorf

Wenn der Ukraine-Krieg stark belastet: Chefarzt für Alterspsychiatrie gibt Tipps

Andreas Raehter
Wie das Gehirn Informationen aufnimmt, ist Ursache dafür, warum aktuelle Kriegsbilder vor allem ältere Menschen so stark belasten. Andreas Raether, Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie und -psychotherapie am Klinikum Schloss Winnenden, erklärt die Zusammenhänge. © Büttner

Bombenangriffe, Hunger, Flucht und Vertreibung. Wer zwischen 1935 und 1943 geboren ist und die Schrecken des Zweiten Weltkrieges als Kind hautnah miterlebt hat, vielleicht sogar an der Hand der Mutter oder Großmutter etwa im Stuttgarter Wagenburgtunnel Schutz suchen musste, für den können die Bilder aus dem Ukraine-Krieg äußerst belastend sein.

Warum das so ist, kann Andreas Raether, Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie und
-psychotherapie am Klinikum Schloss Winnenden, erklären. Am Mittwoch, 4. Mai, 17 Uhr, spricht er im Schorndorfer Familienzentrum über „Krisen und Kriege: Wenn uns die Bilder nicht verlassen wollen“. Vorab gibt er einige Ratschläge, wie man einer solchen Traumareaktivierung entgegenwirken kann.

Wer den Krieg als Kind miterlebt hat, dessen Stressverhalten ist erhöht

Die einen sind eher ruhig, andere geraten in Panik – warum aber gerade die Kriegsbilder aus der Ukraine zu Stressreaktionen führen, den Puls beschleunigen und den Schlaf rauben können, das hängt letztendlich damit zusammen, wie das Gehirn Informationen aufnimmt, aber auch, mit welcher inneren Haltung neue Nachrichten aufgenommen werden.

Bei den Jahrgängen, die den Krieg in ihrer Kindheit bewusst miterlebt haben, hängt die Verletzlichkeit unmittelbar mit dem eigenen Erleben zusammen. Es kommt, sagt Andreas Raether, zu einer Traumareaktivierung, zu einem Wiederhochholen alter Erinnerungen. Wer in jungen Jahren in Heilbronn oder Stuttgart schreckensstarr im Luftschutzbunker saß, „dessen Stressverhalten ist lebenslang erhöht“, sagt Raether und weiß: Kindheitserlebnisse hinterlassen nicht nur auf lange Sicht Spuren, frühe Erinnerungen sind auch stärker abgespeichert und verknüpft als neuere.

In der Ambulanz und den Stationen der Klinik für Alterspsychiatrie und -psychotherapie hat Raether es seit Ausbruch des Krieges Ende Februar verstärkt mit diesem Thema zu tun, manche seiner Patienten können an nichts anderes mehr denken, brechen mitten im Therapiegespräch in Tränen aus. „Bei den Älteren ist das ein Riesenthema“, sagt Raether, der überrascht ist, wie viele Menschen es heute gibt, die das erlebt haben. Immer wieder bekommt er von den 79- bis 87-Jährigen diesen Satz zu hören: „Ich verstehe gar nicht, warum das jetzt wieder hochkommt.“

Doch für den Psychiater ist das durchaus erklärbar: Viele ältere Menschen sind nach zwei Jahren Corona-Pandemie angespannt und sensibler, durch das ungewohnte Masketragen und die Kontaktbeschränkungen psychisch wenig widerstandsfähig.

Weil eigene Kriegserlebnisse im Laufe des Lebens oft nicht aufgearbeitet wurden, viele immer noch nicht in der Lage sind, darüber zu sprechen, wecken die Berichte über die Flüchtlingsströme aus der Ukraine Assoziationen: „Das ist wie damals.“ Dass dieser Gedanke bei den Kriegen in Syrien oder im Jemen kaum eine Rolle gespielt hat, hängt für Andreas Raether letztendlich damit zusammen, dass die Ukraine im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen überfallen wurde, also schon deshalb in den Köpfen mehr präsent ist.

Auch den Jüngeren kommt der Gedanke: Das könnte ich auch sein

Da der Mensch „ein zutiefst soziales Wesen“ ist, sucht das Gehirn automatisch nach Ähnlichkeiten und Vergleichen – „und das gelingt durch die Bilder aus der Ukraine besser“. Die Kleidung der Menschen ist ähnlich, die Hautfarbe, die bombardierten Gebäude, die Landschaft. Darum kommt auch Jüngeren unweigerlich der Gedanke: Das könnte auch hier sein. Für Andreas Raether ist es also „sehr nachvollziehbar, dass das Gehirn sehr stark reagiert“.

Um nicht in einen Strudel negativer Emotionen und Gedanken zu geraten, empfiehlt Raether dringend, den Informationsfluss zu steuern, Fernsehen und Computer immer wieder auszuschalten und stattdessen lieber Zeitung zu lesen, um den Nachrichtenstrom auch mal unterbrechen und kontrollieren zu können. Bis spät am Abend im Fernseher oder am Computer Schreckensbilder auf sich einströmen zu lassen, das ist aus seiner Sicht wenig empfehlenswert. Wichtig sei vielmehr, zur Ruhe zu kommen.

Das könne bei einem Spaziergang gelingen, mit Achtsamkeitsübungen, einer bewussten Atmung, einem Entspannungskurs bei der Volkshochschule, aber auch mit dem Pflegen sozialer Kontakte. Singen, sagt Andreas Raether, „ist ein wunderbares Mittel“. Manchen hilft es auch, Gedichte zu lesen. Ein geregelter Tagesablauf kann entlasten, ebenso Bewegung oder mit einer Freundin einen Kaffee zu trinken. Letztendlich geht es darum, sich abzulenken und sich den schönen Dingen des Lebens zu widmen.

Hilfe beim Hausarzt, Psychiater oder in der Psychotherapie

Wenn diese Strategien nicht helfen, sollte der Hausarzt oder vielleicht auch ein Psychiater um Rat gefragt werden. Vielleicht helfen für kurze Zeit auch Beruhigungsmittel, womöglich auch eine Psychotherapie, um aus der Hilflosigkeit herauszukommen und wieder Kontrolle über die eigenen Vorstellungen zu erlangen. Das Problem ist das Kopfkino – eine objektive Bedrohung ist hierzulande ja (noch) nicht gegeben.

Doch Andreas Raether sieht nicht nur den Einzelnen in der Verantwortung, sondern die ganze Gesellschaft: Die Minderung von Sozialkontakten während der Corona-Pandemie hat bei älteren Menschen Spuren hinterlassen und nach Erfahrung des Psychiaters noch immer seelische Auswirkungen. Darum wäre es aus seiner Sicht wichtig, dass sich Vereine wieder öffnen, es Veranstaltungen gibt, das soziale Leben wieder aufblüht, ein Ruck durch die Gesellschaft geht. „Der Mensch“, betont Raether, „ist kein Roboter, sondern ein zutiefst soziales Wesen, das lachen, sich freuen und anderen in die Augen schauen will“.

Info

Zum Thema „Krisen und Kriege: Wenn uns die Bilder nicht verlassen wollen“ spricht Andreas Raether, Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie und -psychotherapie am Klinikum Schloss Winnenden, am Mittwoch, 4. Mai, von 17 Uhr an auf Einladung des Seniorenforums im Familienzentrum, Karlstraße 19. Im Vortragsraum muss ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden. Wer teilnehmen möchte, wird um vorherige Anmeldung gebeten unter info@seniorenforum-schorndorf.de oder  Tel. 01 74/4 60 07 99. Möglich ist auch eine Online-Teilnahme – nach Angabe der E-Mail-Adresse für die Zugangsdaten.

Bombenangriffe, Hunger, Flucht und Vertreibung. Wer zwischen 1935 und 1943 geboren ist und die Schrecken des Zweiten Weltkrieges als Kind hautnah miterlebt hat, vielleicht sogar an der Hand der Mutter oder Großmutter etwa im Stuttgarter Wagenburgtunnel Schutz suchen musste, für den können die Bilder aus dem Ukraine-Krieg äußerst belastend sein.

Warum das so ist, kann Andreas Raether, Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie und
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