Schorndorf

Wenn der Vater prügelt: Wer trägt Schuld? Christian Baron liest aus seinem Roman

Christian Baron
Arbeiterkind mit Akademikerjob: Autor Christian Baron. © Hans Scherhaufer

Für seine Mitschüler war Christian Baron ein „Dummschüler“, ein „Asozialer“, seine Familie schlicht „Unterschicht“. Keiner von ihnen war je über den Hauptschulabschluss hinausgekommen, kaum einer hatte einen Beruf erlernt. Während andere in den Urlaub flogen, in Restaurants aßen und von den Eltern Bücher vorgelesen bekamen, verbrachte Baron seine Kindheit im Wohnblock – mit einem prügelnden Vater, einer depressiven Mutter, das Geld stets knapp.

Heute lebt der 37-Jährige als Autor in Berlin und ist Redakteur der Wochenzeitung „Der Freitag“. Zuvor hat er in Trier Politikwissenschaft, Soziologie und Germanistik studiert. Als er im Frühjahr 2020 die Geschichte seiner Kindheit veröffentlichte, war das ein kleines literarisches Ereignis. Denn die Lebenswelt des Prekariats findet in der deutschsprachigen Literatur nur selten eine (so eindrückliche) Stimme.

Fragen, die der Roman stellt

„Ein Mann seiner Klasse“, so der Titel des autobiografischen Romans, erzählt aber nicht nur die Geschichte des in Kaiserslautern aufgewachsenen Autors und seines unwahrscheinlichen sozialen Aufstiegs. Das Burch stellt auch Fragen, die lange Zeit als antiquiert und nicht mehr zeitgemäß galten: Gibt es auch heute noch soziale Klassen? Wenn ja, wie sehr beeinflussen sie die Chancen des Individuums in diesem Land? Wie können diese Klassenschranken überwunden werden? Und ist die prekäre Situation seiner Familie alleine die Schuld des Vaters, der als Möbelpacker sein Geld verdiente? Oder war er auch und vor allem „ein Mann seiner Klasse“, der aufgrund seiner Prägungen kaum eine andere Wahl hatte – was, wie Baron schreibt, zwar „nichts entschuldigt, aber alles erklärt“?

Verrat der Linken an ihrer Klasse

Der Autor suchte als junger Mann nach Antworten auf diese Fragen – und engagierte sich zunächst politisch in der Sozialdemokratie. Verließ sie aber wieder, schwer enttäuscht von Gerhard Schröders Sozialkürzungs-Agenda 2020. Auch davon handelt Barons Debütroman: von dem Verrat der Linken an der Klasse, der sie ihre Existenz verdankte – den Arbeitern.

Der Zusammenhang zwischen Klasse und Gesellschaft sowie das ambivalente Verhältnis der Linken zu denjenigen, die sie doch eigentlich vertreten sollten, wurde für Baron zu einer Art Lebensthema. Sein erstes Sachbuch hatte den Titel „Proleten, Pöbler, Parasiten: Warum die Linken die Arbeiter verachten“. Vergangenes Jahr brachte er zusammen mit Maria Barankow dann den lesenswerten Sammelband „Klasse und Kampf“ heraus, in dem 14 Autorinnen und Autoren über ihr Aufwachsen in Armut und prekären Zuständen erzählen – und darüber, wie sie das bis heute prägt.

Nicht ohne Grund wurde Christian Barons Debütroman „Ein Mann seiner Klasse“ dann auch mit dem Werk des Soziologen Didier Eribon verglichen, der mit seiner autobiografischen „Rückkehr nach Reims“ einen Erklärungsversuch dafür lieferte, weshalb die Linke in Frankreich so viele Wähler in der Arbeiterschaft an die rechten Parteien verloren hat – verkürzt gesagt unter anderem, weil die akademisch geprägte Linke keine Vorstellung und damit auch kein Vokabular mehr von der realen Ausbeutung dieser Klasse besitzt.

Verständnis für sein Herkunftsmilieu

Im Gegensatz zu Eribon, der als Homosexueller mit der Lebenswelt seiner Herkunft durchaus heftig fremdelt, sich ihr zugleich aber nicht entziehen kann, erzählt Baron in „Ein Mann seiner Klasse“ so brutal wie gleichzeitig liebevoll vom Aufwachsen in Kaiserslautern.

Auch wenn manche Episoden aus seiner Kindheit nur schwer zu ertragen sind, wirbt der Autor um Verständnis für das Milieu, dem er entkommen ist, dem er aber zugleich nicht entfliehen kann. Etwa wenn ihn der extra große Fernseher bei seinen akademischen Freunden als ein Kind der Unterschicht entlarvt. Denn während die Bildungsbürger ihn als Statussymbol der Ungebildeten wahrnehmen, war er für Baron in seiner Kindheit das Fenster zur Welt.

Lesung in der Manufaktur

An diesem Donnerstag, 24. März, ist Christian Baron nun zu Gast in der Schorndorfer Manufaktur. Ab 20 Uhr wird er aus „Ein Mann seiner Klasse“ lesen und darüber sprechen. Für seinen Roman erhielt er den Klaus-Michael-Kühne-Preis und den Literaturpreis „Aufstieg durch Bildung“ der Noon-Foundation.

Der Eintritt zur Lesung ist frei. Ein Kescher geht herum.

Für seine Mitschüler war Christian Baron ein „Dummschüler“, ein „Asozialer“, seine Familie schlicht „Unterschicht“. Keiner von ihnen war je über den Hauptschulabschluss hinausgekommen, kaum einer hatte einen Beruf erlernt. Während andere in den Urlaub flogen, in Restaurants aßen und von den Eltern Bücher vorgelesen bekamen, verbrachte Baron seine Kindheit im Wohnblock – mit einem prügelnden Vater, einer depressiven Mutter, das Geld stets knapp.

Heute lebt der 37-Jährige als Autor in

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