Schorndorf

Wenn die Langeweile krank macht

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Tetris spielen statt sinnvolle Aufgaben bei der Arbeit bewältigen: Auf Dauer kann diese Unterforderung krank machen. © Ellwanger / ZVW

Schorndorf. Erst 9.30 Uhr und schon alle Aufgaben auf der Arbeit erledigt? Was für viele wie ein Traum klingt, wird für manche zum Albtraum. Denn wer dauerhaft unterfordert ist, fühlt sich davon irgendwann überfordert. Und das macht krank. Bore-out nennt sich dieses noch weithin unbekannte Phänomen. Sabrina Betz hat es selbst erlebt und davon in der Volkshochschule berichtet.

Bore-out, das sei zu Beginn gleich geklärt, hat nichts mit Faulheit zu tun. Die Betroffenen sind auch nicht arbeitsscheu – sie sind durch eine Situation permanenter Unterforderung vielmehr dazu gebracht worden, träge zu sein. Was zu Beginn vielleicht noch als angenehm empfunden wird - wenig bis gar nichts zu tun zu haben - kann sich schon nach kurzer Zeit zu einem großen Problem entwickeln. Das gilt für Rentner, Arbeitslose, aber auch und gerade für Menschen, die einen für sich unpassenden Arbeitsplatz haben. Einen, der nicht ihren Fähigkeiten entspricht, an dem sie nicht selbstständig tätig sein können, der von vielen Routinen geprägt ist, an dem sie sich nicht mehr weiterentwickeln können und vielleicht auch ausgegrenzt und gemobbt werden.

Ein Teufelskreis

Langeweile, Lustlosigkeit, Unterforderung und schließlich völliges Desinteresse an ihrer Tätigkeit können die Folgen sein. Wer von Bore-out betroffen ist, dem ist jeglicher Sinn für das, was er tut, mit der Zeit abhandengekommen. Die innere Kündigung ist längst ausgesprochen. Doch statt sich eine neue Aufgabe zu suchen, verharren sie in der Situation. Oft weil sie in Verpflichtungen gefangen sind, ein Haus oder Auto abbezahlen müssen und sich nicht mehr trauen, ihre missliche Lage zu ändern. Schließlich nimmt durch die permanente Unterforderung die Angst vor Neuem zu und die Bereitschaft zur Veränderung ab. Oder anders formuliert: Wer sich zu viel in der inneren Komfortzone bewegt, ist bei Herausforderungen eben schnell überfordert – ein Teufelskreis. Die Gefahr, letztendlich in eine schwere Depression hineinzugeraten, ist dann groß.

Hat Bore-out selbst erlebt: Entspannungsberaterin Sabrina Betz. (Foto: Steinemann)

Sabrina Betz hat diese Erfahrung selbst gemacht. Die 34-jährige Sozialpädagogin landete nach dem Studium in einem Job, der sie massiv unterforderte. Sie hatte wenig zu tun und empfand die Arbeit als nicht sehr erfüllend. Dabei stand sie vor einem zweifachen Problem: Mit ihrer Situation war sie unglücklich. Doch in einer Leistungsgesellschaft werden diejenigen, die an dem „Zu-wenig-Tun“ leiden, nicht sehr geachtet. Wie also reagieren?

Betroffene demonstrieren Geschäftigkeit

Betroffene, die in ein Bore-out hineinrutschen, entwickeln dann in der Regel Verschleierungsstrategien. Manche haben immer ein Dokument griffbereit liegen, um Geschäftigkeit zu demonstrieren. Andere kommunizieren laut und oft, wie viel Stress sie haben, simulieren also ein gesellschaftlich viel stärker akzeptiertes Burn-out. Und dann gibt es noch jene, die mit möglichst langen E-Mails an einen möglichst großen Verteiler ihre Kollegen zuspammen. Damit bloß niemand auf den Gedanken kommt, sie hätten nichts zu tun.

Ausgelangweilte zu Burn-out-Patienten deklariert

Sabrina Betz wählte einen anderen Weg – und lud sich so viele Zusatzaufgaben auf, dass sie schließlich vom Bore-out ins Burn-out rutschte. Doch die Sozialpädagogin erkannte ihr Problem, wenn auch spät, und zog schließlich die Notbremse. Heute arbeitet sie als Coach und Entspannungsberaterin und ist mit sich selbst wieder im Reinen.

Die 34-Jährige spricht offen über ihre Erfahrungen, denn ihr ist es wichtig, dass die Gesellschaft diesem noch weithin unbekannten Krankheits-Phänomen mehr Aufmerksamkeit widmet. Und die Betroffenen dadurch, so wie sie, offener mit der Situation umgehen können. Bis heute gebe es noch keine Klinik, die das Problem behandle. Dafür umso mehr Fehldiagnosen, bei denen Ausgelangweilte zu Burn-out-Patienten deklariert werden, deren Problem dann fatalerweise mit noch mehr Entspannung behandelt werde.

Sinn des Lebens nicht nur in der Arbeit

Dabei gebe es durchaus Wege aus dem Bore-out. Zunächst einmal, indem Betroffene sich selbst, ihre Belastungen, ihre Arbeits- und Lebenssituation reflektieren. Indem sie auf die Signale ihres Körpers und das eigene Bauchgefühl hören. Und sich fragen, was ihnen bei der Arbeit wichtig ist, unter welchen Bedingungen sie arbeiten wollen, was sie dafür von Kollegen und Vorgesetzten brauchen. Gegebenenfalls müssen auch die Ansprüche gegenüber der Arbeit heruntergefahren werden.

Sollte das nicht für Abhilfe sorgen, sollten Betroffene versuchen, Erfüllung und Flow in anderen Bereichen zu finden: im Hobby, im Ehrenamt oder der Familie. Ganz entscheidend ist es, das Bewusstsein für den Sinn in unserem Leben zu schärfen. Und der lässt sich auch in einer Leistungsgesellschaft, in der sich jeder über den Job definiert, ja zum Glück nicht nur in der Arbeit finden.


Sinn und Flow – wann Arbeit glücklich macht

Jeder Mensch misst einer Sache, Handlung oder einem Ereignis eine unterschiedliche Bedeutung zu. Aus dieser Bedeutung erwächst Sinn. Wenn Menschen den Sinn einer Sache erkennen, können sie sie besser einordnen. Und somit auch dem eigenen Leben Bedeutung, Orientierung und Widerspruchsfreiheit zuschreiben. Als Nebenprodukt von Sinn entsteht das individuelle Glück.

Zufriedenheit und Glück entstehen aber auch, wenn wir eine Tätigkeit im Flow verrichten. Diesen Zustand der Hyperkonzentration können wir erreichen, wenn die Balance zwischen Anforderungen und Fähigkeiten stimmt, wir volle Kontrolle über das haben, was wir tun und unsere Aufmerksamkeit alleine auf das Ziel gerichtet ist.

Dabei gehen wir ganz in unserem Tun auf. Der Flow ähnelt einem Trancezustand, bei dem die Zeit gefühlt fliegt und wir am Ende mehr geschafft oder erreicht haben als ohne diesen Zustand. Und dadurch am Ende optimistischer sind, ein höheres Selbstwertgefühl entwickeln und auch in der Freizeit aktiver sein können.

Allerdings braucht es mindestens 20 bis 40 Minuten Konzentration ohne Unterbrechung auf eine Aufgabe, um in den Flow zu kommen. Da wir statistisch im Schnitt alle 18 Minuten auf unser Smartphone blicken, nehmen wir uns die Möglichkeit, überhaupt noch in diesen Zustand zu kommen. Wer also am Ende des Tages nie das Gefühl hat, etwas erreicht zu haben, sollte das Gerät am besten einmal für längere Zeit zur Seite legen.