Schorndorf

Wenn die Pandemie das Fass zum Überlaufen bringt: Wege aus der Corona-Depression

Sozialberatung
Barbara Monauni weiß, was den Paaren und Singles in der Lebensberatung des Kreisdiakonieverbandes hilft, hilft auch in der Corona-Krise. © Gabriel Habermann

Was vor Corona nicht lief, wurde mit Corona selten besser: Einsamkeit, Sorgen am Arbeitsplatz, Kontaktschwierigkeiten. Die Pandemie - sie ist ein Verstärker für alles. Streits werden lauter, Kindergeschrei klingt schriller, die Einsamkeit wirkt dunkler, Trauer aussichtsloser, eine Depression tiefer. Wessen Familie auf wackeligen Beinen steht, sie gerät nun noch leichter ins Wanken. Das Paar, das ungelöste Konflikte mit sich herumschleppt, muss sich nun, im Lockdown eben jenen stellen.

Barbara Monauni, Fachbereichsleiterin der Paar-, Familien-, Lebens- und Sozialberatung im Kreisdiakonieverband, kennt etliche solche Fälle. „Corona hat hochgespült, was sowieso schon da ist“, weiß Monauni. „Da war vorher auch schon nicht alles gut.“ Wo beispielsweise schon der normale Familienalltag eine Herausforderung ist, ist die zusätzliche Belastung durch Home-Office und Home-Schooling ungleich größer, weiß die Beraterin. „Kleine Kinder beschäftigen sich nicht mal zwei Stunden ruhig am Stück, damit die Eltern nebenan arbeiten können oder ein Gespräch mit einer Therapeutin führen können.“

Manche Paare schweißt Corona zusammen, andere geben auf

Zudem fielen zusätzliche Betreuungsmöglichkeiten durch Angehörige und Familien weg. Social Distancing betrifft eben auch Babysitter. Kommen dann noch wirtschaftliche Sorgen dazu, gerät noch viel mehr Druck in die Situation. Bei manchen Familien führe die wirtschaftliche und emotionale Belastung zu einem neuen Zusammenhalt. „Bei diesen Paaren schweißt die Not zusammen. Bei anderen ist die Pandemie nur noch der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.“ Das Familiengefüge gerät ins Wanken.

Aus den vielen Jahren der Paarberatung weiß Monauni, dass das häufig auch eine Folge der enormen Überfrachtung der Paarbeziehung mit Erwartungen sei. „Heute haben viele schon einen hohen Anspruch an ihre Beziehungen“, weiß Monauni: Glücklich wollten die Menschen miteinander sein, aber auch gemeinsam eine Familie gründen, die eben auch anstrengende Situationen hervorrufe. Allzu viele Kompromisse wollten die meisten indes auch nicht eingehen. Zu viele suchten ihr Glück im anderen. Ein falscher Ansatz. Und sich zu trennen, sei nicht immer die richtige Lösung – auch nicht in den Zeiten einer Pandemie.

Glück in sich selbst suchen, nicht im Gegenüber

Denn: „Es ist eine Illusion zu glauben, dass das, was belastet, beim anderen zurückgelassen werden könnte.“ Vielmehr müssten die Menschen lernen, aus sich heraus zufrieden zu sein. „Es ist notwendig anzuerkennen, dass der andere nicht für die Erfüllung meiner Wünsche zuständig ist.“ Und die Rahmenbedingungen einer weltweiten Pandemie, die den Einzelnen mehr denn ja auf sich selbst zurückwirft, macht es umso deutlicher: Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Was also Monauni in ihren Beratungen rät, gilt angesichts der Corona-Krise umso mehr: Wer unglücklich ist, muss lernen nachzuspüren, was ihm guttut und sollte, so gut es geht, selbst für sich sorgen: „Was brauche ich in meinem Leben, was kann mir jetzt helfen?“

Tatsächlich könne der Einbruch des schwer kalkulierbaren Virus in die Lebenswirklichkeit eine Art Trauer auslösen. "Vielleicht müssen wir uns verabschieden von der Idee eines unversehrten Lebens“, überlegt Monauni. Immerhin, für viele ist’s die erste Erfahrung von existenzieller Unsicherheit. Einer Unsicherheit, die völlig unerwartet von außen über jeden Einzelnen hereinbrach. Da helfe kein Aktionsplan, dessen Abarbeitung bewirken könnte, das Leben wieder unter Kontrolle zu bekommen. Unter anderem auch deshalb, weil die Idee eines „sicheren, kontrollierbaren Lebens“ auch vor der Pandemie schon eine Illusion war. Allerdings eine gut und gerne Gepflegte. Und so schlägt sie dem Corona-Trauernden vor, was sie auch sonst Menschen mit Verlusterfahrungen vorschlägt: „Tu, was dir guttut, dir ein gutes Gefühl vermittelt.“

Raus aus der "Negativ-Spirale"

Wer sich gerne bewegt, sollte raus in die Natur, wem schöne Bilder helfen, kann seine Wohnung ansprechend gestalten. Wer gern gut isst, kann besonders Leckeres kochen, wer sich einsam fühlt, eine Freundin anrufen, wer sich gerne wegträumt, sollte ein gutes Buch lesen. Ganz gleich, was die betreffende Person anpackt, eins sei wichtig: „Raus aus der Negativ-Spirale.“ Das bedeute nicht, dass dunkle Emotionen zwanghaft aus dem Leben ausgeschlossen werden müssten. Nur sollte man sich selbst motivieren, über den Rand der Spirale hinauszublicken.

Eine besondere Herausforderung sei das aktuell für Personen, die sich in Trauer um einen geliebten Menschen befinden. Für sie habe Corona noch einmal eine ganz andere Wucht. „Die Trauerzeit ist ohnehin eine extrem schwierige Situation“, weiß Monauni. Wer trauere, habe oft mit Gefühlen der Einsamkeit zu kämpfen. Zum einen, weil der geliebte Partner und Lebensgefährte fehle, die Wohnung plötzlich leer erscheine. Zum anderen zögen sich oft Menschen aus dem bisherigen sozialen Gefüge aus eigener Unsicherheit vom Trauernden zurück. Und weil viele Trauernde zur Risikogruppe gehörten – seinen Lebenspartner verlieren meist betagtere Menschen –, werden Besuche wegen der Corona-Infektionsgefahr umso schwieriger, ganz zu schweigen vom Trösten und In-den-Arm-Nehmen. Auch Trauergruppen, die vielen Menschen in einer solchen Situation helfen, finden – so wie vieles andere auch – nicht statt.

Was vor Corona nicht lief, wurde mit Corona selten besser: Einsamkeit, Sorgen am Arbeitsplatz, Kontaktschwierigkeiten. Die Pandemie - sie ist ein Verstärker für alles. Streits werden lauter, Kindergeschrei klingt schriller, die Einsamkeit wirkt dunkler, Trauer aussichtsloser, eine Depression tiefer. Wessen Familie auf wackeligen Beinen steht, sie gerät nun noch leichter ins Wanken. Das Paar, das ungelöste Konflikte mit sich herumschleppt, muss sich nun, im Lockdown eben jenen

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