Schorndorf

Werden Rathaus-Mitarbeiter öfter beleidigt als früher?

Angry screaming man with cell phone.
In den sozialen Medien machen Menschen ihrem Ärger oft Luft. Symbolfoto. © Adobestock/Kurhan

„Man muss sich wirklich fragen, ob ihr noch alle Latten am Zaun habt“, beginnt ein Brief an die Urbacher Verwaltung. In dem Schreiben regt sich eine Person darüber auf, dass vermeintlich ein Biotop in der Gemeinde gemäht wurde. Der Verfasser beendet den Brief nach der Vermutung, dass bei der Verwaltung nur Deppen arbeiten, noch mit einem deftigen „Verachtungsvoll“ statt der üblichen freundlichen Grüße.

„Inhaltlich kann man ja die Frage stellen, warum wir dort gemäht haben“, sagt die Urbacher Bürgermeisterin Martina Fehrlen dazu. Auf welche Art und Weise gefragt wurde, findet sie aber nicht angemessen. „So etwas kommt immer häufiger vor“, beobachtet sie. Zumeist werden die Mitarbeiter der Verwaltung in E-Mails oder Briefen beleidigt. „Die meisten davon sind anonym“, so Fehrlen. Dass jemand namentlich unterschreibe, sei bei solchen Briefen schon eine Ausnahme.

Anonyme Briefe können nicht beantwortet werden

Deswegen könnten die Bürgermeisterin und ihre Mitarbeiter in solchen Fällen auch nicht das Gespräch suchen und in dem einen oder anderen Falle vielleicht ein Missverständnis aus dem Weg räumen. Ist es doch einmal möglich, bei jemandem anzurufen, dann ist das Gespräch nach Erfahrung der Bürgermeisterin am Telefon weitaus konstruktiver als in vorherigen Briefen oder E-Mails. Trotzdem stellt sie insgesamt fest: „Der Ton wird rauer.“

Auch in den sozialen Medien, wie zum Beispiel bei der Diskussion über die vor kurzem auf dem Platz vor dem Rathaus neu aufgestellte Skulptur, die auch die Verwaltung verfolgt hat. Das ist nach Ansicht von Martina Fehrlen aber kein Urbacher Problem. Ein verändertes Kommunikationsverhalten werde schließlich allgemein beklagt. „Es ist ein gesellschaftliches Phänomen, zu dem die sozialen Medien beitragen“, sagt Fehrlen. Der Empörungsbürger, der sich erst einmal beschwert, statt nachzufragen – kann er auch in den anderen Gemeinden der Region gefunden werden?

Manche schlagen den falschen Ton an

„Ich denke, es ist schwierig, so etwas über einen Kamm zu scheren und zu pauschalisieren“, sagt der Rudersberger Bürgermeister Raimon Ahrens auf Nachfrage. Bei Themen, die heiß und emotional diskutiert werden - und besonders jetzt bei coronabedingten Herausforderungen - merke er, dass die Nerven bei einigen blank liegen. „Der Ton ist bei manchen Menschen nicht mehr der Sache angemessen“, sagt er. Allerdings weniger im persönlichen Bereich als im digitalen oder im schriftlichen Verkehr. „Es gibt aber auch sehr viel freundliches Feedback von Menschen, denen das auch auffällt und die sagen, es ist nicht richtig, welcher Ton da angeschlagen wird“, so Ahrens. Im Großen und Ganzen könnten Themen weiterhin konstruktiv miteinander abgehandelt werden, auch wenn nicht immer alle einer Meinung seien. Wie sich die Kommunikation über die Jahre hinweg verändert hat, ist für den vergleichsweise jungen Bürgermeister schwieriger zu beurteilen.

Hat sich die Lage zugespitzt?

Andreas Schaffer ist dagegen seit 34 Jahren Bürgermeister von Plüderhausen. „Wir haben auch schon vor 20 Jahren anonyme Briefe bekommen“, sagt er. „Eine Zuspitzung haben wir aber erfreulicherweise nicht beobachtet.“ Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien bis jetzt nicht wegen Beleidigungen auf ihn zugekommen. „Facebook muss man halt abziehen“, sagt Schaffer allerdings. „Da wird schon sehr unsachlich und auch beleidigend argumentiert.“ Vor ein paar Jahren habe er manchmal noch versucht, sachlich dagegenzuhalten, das sei aber sehr schwierig gewesen. „Da gibt es keine Hemmungen“, stellt Schaffer fest. Im „normalen Verwaltungsalltag“ gebe es aber keine Probleme. In Corona-Zeiten seien die Menschen sogar eher verständnisvoller gewesen.

„Bei uns scheint noch alles wie vor Corona mit einem guten Umgangston und Miteinander zu funktionieren“, berichtet auch Bürgermeister Sven Müller aus Winterbach. Seitdem er im Amt sei, habe er zwei anonyme Schreiben bekommen, „kein hoher Schnitt“. Auch die sozialen Medien sind nach seiner Ansicht für die Winterbacher Verwaltung kein großes Problem. Wenn er die Fotos aus Stuttgart von Samstagnacht sehe (), frage er sich zwar schon, wohin die Reise gehe – „aber davon sind wir Lichtjahre entfernt“.

Ungeduld und hohe Erwartungen statt verbaler Beleidigungen

In der Nachbargemeinde Remshalden ist ein rauerer Umgangston nach Ansicht von Bürgermeister Reinhard Molt dagegen „ein Stück weit feststellbar“. Auch er beobachtet, dass durch die Corona-Pandemie bei vielen die Nerven blankliegen. Anonyme E-Mails bereiten ihm allerdings kein größeres Problem. „Auf die reagiere ich grundsätzlich nicht“, so Molt. Wenn er die vergangenen Jahre reflektiert, habe sich der Umgangston allerdings in der Tat verändert.

„Es herrscht eine unglaubliche Erwartungshaltung“, sagt er. Bürgerinnen und Bürger forderten, dass alles schnell gehe. Dabei müssten manche Prozesse über mehrere Ämter hinweg nachvollzogen und besprochen werden. „Die Ungeduld hat sich deutlich gesteigert“, sagt der Bürgermeister. „Das ist ein stärkeres Phänomen als die verbale Entgleisung.“

„Man muss sich wirklich fragen, ob ihr noch alle Latten am Zaun habt“, beginnt ein Brief an die Urbacher Verwaltung. In dem Schreiben regt sich eine Person darüber auf, dass vermeintlich ein Biotop in der Gemeinde gemäht wurde. Der Verfasser beendet den Brief nach der Vermutung, dass bei der Verwaltung nur Deppen arbeiten, noch mit einem deftigen „Verachtungsvoll“ statt der üblichen freundlichen Grüße.

„Inhaltlich kann man ja die Frage stellen, warum wir dort gemäht haben“, sagt die

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