Schorndorf

Wichtig für Frauen in Trennungskrisen: Selbsthilfegruppe "Herzensangelegenheiten"

Stammtisch Herzensangelegenheiten
Barbara Lischik-Nickel, bis Herbst 2020 Vorsitzende des Vereins „Familienzentrum Schorndorf“, steht Simona Lindacher (rechts) als Rechtsanwältin wohlwollend mit Rat und Tat zur Seite. © ALEXANDRA PALMIZI

Auch wenn die Scheidung von ihrem ersten Mann schon einige Jahre zurückliegt, Simona Lindacher weiß noch genau, wie sie sich damals gefühlt hat, wie hart die Zeit der Trennung war, wie allein sie damals dastand und wie sie ganz neu anfangen musste. „Ich kann mitreden“, sagt sie – und macht gleichzeitig viel, viel mehr: Mit der Selbsthilfegruppe „Herzensangelegenheiten“, die sie vor einem Jahr gegründet hat, weil sie damals gleich drei Bekannten in Trennungskrisen mit Rat und Tat zur Seite stehen musste, bietet sie betroffenen Frauen nicht nur die Möglichkeit, sich auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen, sondern sich auch regelmäßig zu treffen. Denn das ist mit einer Trennung eben auch ganz oft verbunden: Nicht nur die Partnerschaft, sondern gleich der ganze Freundeskreis bricht weg.

Vor einem Jahr hat Simona Lindacher die Selbsthilfegruppe gegründet – und ihr mit „Herzensangelegenheiten“ den für sie passenden Namen gegeben. 15 Frauen waren beim ersten Treffen dabei, jetzt sind es mehr als 20 in zwei Gruppen, die sich im wöchentlichen Wechsel dienstagabends zwischen 18 und 20 Uhr im Familienzentrum treffen. Dazu kommt ein Stammtischtreffen jeden ersten Donnerstag im Monat von 19 Uhr an im Café Moser und an einem Sonntag im Monat ein Frauenfrühstück an wechselnden Orten. Die Frauen unternehmen gemeinsame Ausflüge, machen Grillfeste und Wanderungen – und profitieren vom Erfahrungsaustausch in geschütztem Rahmen und der Vernetzung.

Von Anfang an dabei ist Susanne Mayer (Name von der Redaktion geändert). Seit vier Jahren lebt sie in Scheidung und ist froh, dass sie sich in der Gruppe mit anderen Frauen austauschen kann. Hier bekommt sie nicht nur viel Unterstützung, sondern erlebt in der Gruppe eine Leichtigkeit und Fröhlichkeit, die ihr in der langen Auseinandersetzung mit ihrem Ex-Mann abhandengekommen sind. Aus ihrer eigenen Erfahrung kann sie Frauen, die an eine Trennung denken, nur empfehlen, sich rechtzeitig Rat bei anderen zu holen – „und die Scheidung geplanter anzugehen“.

Nach der Trennung ohne Arbeit, Geld und eigene Wohnung

30 Jahre lang, erzählt sie, sei sie wegen der Kinder nicht berufstätig gewesen. Als sie sich dann von ihrem Mann getrennt hat, hatte sie von heute auf morgen kein Geld und keine Wohnung mehr. Und dabei war ihr selbst schon lange klar, dass ihre Ehe keine Zukunft mehr hat: „Ich habe ihm schon Jahre vorher gesagt, wenn du dich nicht änderst, verlasse ich dich.“ Trotzdem musste die heute 60-Jährige, als sie ihren Entschluss in die Tat umgesetzt hat, das Trennungsjahr im Haus ihres Mannes verbringen, dann zunächst bei ihrer Tochter und später bei ihrem Vater wohnen, bis sie mit viel Glück eine Arbeitsstelle fand und sich endlich eine eigene Wohnung leisten konnte. Ihren Töchtern rät sie nach dieser schlechten Erfahrung, auch nach der Geburt eines Kindes weiterzuarbeiten – für sich selbst, aber auch, falls es mit der Ehe schiefgehen sollte.

Frauen sieht sie in Trennungssituationen klar benachteiligt – gesellschaftlich, aber auch von Gerichten und Ämtern. Sie selbst hat bis heute nur einen Teil der Sachen, die sie in die Ehe gebracht hat, von ihrem Ex-Mann zurückbekommen. Als sie zumindest ihre Kosmetik haben wollte, erzählt Susanne Mayer, musste sie die Polizei rufen, um die Tasche aus dem gemeinsamen Haus holen zu können. Selbst minimalen Unterhalt habe sich ihr Mann lange geweigert zu zahlen – „da kann man zehnmal zum Gericht gehen“. In der Selbsthilfegruppe kann sie sich all die Wut und den Frust von der Seele reden. „Das tut gut“, sagt Susanne Mayer und kennt einige Frauen, die in der Trennungssituation depressiv und ängstlich geworden sind, ja sogar Suizidgedanken haben, dringend psychologische Unterstützung bräuchten – und keinen Platz bei einem Therapeuten bekommen.

Die Frauen in der Selbsthilfegruppe, die zwischen 27 und 73 Jahre alt und im Schnitt Mitte 40 sind, kommen aus Schorndorf, aber auch aus Rudersberg, Winnenden, Fellbach, ja sogar aus Abtsgmünd zu den Treffen gefahren. Im Rems-Murr-Kreis, weiß Simona Lindacher, gibt es kein anderes derartiges Angebot für Frauen in Trennungssituationen. Und dabei ist der Bedarf da – und es gibt auch Unterstützung: Die Allgemeinen Krankenkassen fördern Selbsthilfegruppen finanziell, im Fall von „Herzensangelegenheiten“ in Höhe der Raummiete im Familienzentrum.

„Das, was man als Einzelschicksal erlebt, betrifft auch andere“

Wichtige Ansprechpartnerin für Simona Lindacher ist auch Barbara Lischik-Nickel, Fachanwältin für Familienrecht. Bis Herbst 2020 war sie Vorsitzende des Vereins „Familienzentrum Schorndorf“ und hat in der Selbsthilfegruppe bereits einen Vortrag zu juristischen Fragen gehalten. Die Treffen in der Gruppe hält sie für immens wichtig: Auch deshalb, weil man aus ihrer Sicht sieht, „dass das, was man als Einzelschicksal erlebt, auch andere betrifft“.

Ein „großer Glücksfall“ ist die Gruppe auch für Daniela Müller (Name geändert): Sie hat sich vor eineinhalb Jahren von ihrem Freund getrennt, mit dem sie 20 Jahre lang in einer Beziehung gelebt hat. Finanziell war sie zwar nicht von ihm abhängig – diese schlechte Erfahrung hatte sie als alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter bei ihrer Scheidung vor vielen Jahren schon machen müssen: Mit einem Koffer ist sie damals bei ihrem Mann ausgezogen und – ohne Arbeit und Geld - bei einer Freundin untergekommen. Die Trennung jetzt war auf andere Art bitter: Ihr ist der ganze Freundeskreis weggebrochen. Obendrein ist sie aus einem anderen Landkreis nach Schorndorf gezogen. Darum sind ihr – neben dem Austausch und den Fachvorträgen in der Gruppe – vor allem die Unternehmungen mit den anderen Frauen wichtig. Hier fühlt sie sich „absolut verstanden“ und „herzlich aufgenommen“.

Dafür tut Simona Lindacher auch einiges. Merkt sie, dass sich Frauen nach der ersten Kontaktaufnahme nicht richtig trauen, hakt sie meist noch mal nach und macht Mut, zu einem der Gruppentreffen zu kommen. Sie weiß noch gut, wie es sich anfühlt, wenn man morgens nicht aus dem Haus will, weil die Augen vom Weinen in der Nacht ganz zugeschwollen sind. „Mir ist das“, sagt Simona Lindacher, „eine Herzensangelegenheit.“

Info

Weitere Informationen zur Selbsthilfegruppe „Herzensangelegenheiten“ gibt es bei Gruppenleiterin Simona Lindacher, Tel. 01 60/93 07 13 72 oder simonalindacher@t-online.de. Eine Voranmeldung zu den Gruppentreffen ist erforderlich, die Teilnahme ist kostenfrei.

Auch wenn die Scheidung von ihrem ersten Mann schon einige Jahre zurückliegt, Simona Lindacher weiß noch genau, wie sie sich damals gefühlt hat, wie hart die Zeit der Trennung war, wie allein sie damals dastand und wie sie ganz neu anfangen musste. „Ich kann mitreden“, sagt sie – und macht gleichzeitig viel, viel mehr: Mit der Selbsthilfegruppe „Herzensangelegenheiten“, die sie vor einem Jahr gegründet hat, weil sie damals gleich drei Bekannten in Trennungskrisen mit Rat und Tat zur Seite

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