Schorndorf

Widerstand gegen Einbahnstraßen-Ring

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Verkehrsberuhigt: Die Stettiner Straße ist Teil einer Tempo-30-Zone. Mit dem Einbahnstraßenring wär’s damit vorbei. Bilder: Palmizi © Alexandra Palmizi
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Strassenlärm
Noch ist in der Stettiner Straße alles in Ordnung: Siegfried und Beate Lasch können in aller Ruhe die Sonne auf ihrer Terrasse genießen. © Alexandra Palmizi
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Ortsdurchfahrt Weiler:
Jupp Wardenga hat’s seit 40 Jahren im Blick: Die Weilermer Ortsdurchfahrt ist mit ihren fünf Metern Breite einfach viel zu eng. Bild: Habermann © Gabriel Habermann

Schorndorf-Weiler. Aus einer Ortsdurchfahrt mach’ zwei. Seitdem diese Idee durch Weiler geistert, ist Siegfried Lasch im Abwehrmodus. 2015 hat er mit 60 anderen Betroffenen aus der Stettiner Straße eine Bürgerinitiative gegründet. Zwei dicke Ordner füllen die Schriftsätze, die sich seitdem angesammelt haben. Mitte Februar hat er den Petitionsausschuss des Landtags angerufen, damit die Ringlösung – selbst als Modellversuch – ad acta gelegt und eine Entlastungsstraße entlang der Bahnlinie geplant wird.

Die Übergabe von 300 Unterschriften an Ersten Bürgermeister Edgar Hemmerich, eine Demonstration vor der Sitzung des Ortschaftsrats am heutigen Freitag – zwei Protestaktionen, die jetzt erst mal gestoppt sind: Weil sich der Petitionsausschuss des Landtags mit der Weilermer Ortsdurchfahrt befasst, gilt eine zweimonatige Friedenspflicht, an die sich beide Seiten halten: Gestrichen ist darum auch die Diskussion im Ortschaftsrat und im Gemeinderat, der sich am 22. März mit dem Modellversuch Ringlösung beschäftigen wollte. Eine Idee, die aus Sicht der Bürgerinitiative Stettiner Straße sowieso sinnlos ist. „Der Verkehr wird nicht weniger werden, sondern mehr“, sagt Siegfried Lasch und ist überzeugt, dass nur eine Umgehungsstraße entlang der Bahnlinie eine echte Entlastung bringen wird: laut Verkehrsentwicklungsplan von 5500 Fahrzeugen auf 2200 täglich. Oder, wie im Sommer 2017 vom Gemeinderat beschlossen, vom Regierungspräsidium aber wegen mangelnder Lärmbelastung kassiert, Tempo 30 in der gesamten Ortsdurchfahrt.

Befürchtung: 400 Prozent mehr Verkehr für die Stettiner Straße

Zwei Gutachten aus den Jahren 2014 und 2016 sowie der Verkehrsentwicklungsplan, erinnert Lasch, haben sich bereits gegen die Ringlösung ausgesprochen, die den Verkehr von Schorndorf kommend über die Stettiner Straße und von Westen über die Winterbacher Straße leiten soll; in einer kleinen Ringlösung ab Einmündung Brünner Straße bis zum Lindenplatz. Für die Bürgerinitiative, die einen Faktencheck zur Einbahnstraßen-Regelung und eine Risikoanalyse gemacht hat, würden Ortsvorsteher Klaus Beck und der Ortschaftsrat bei einer Zustimmung also „wider besseres Wissen handeln“. Für die Winterbacher Straße, sind sie überzeugt, läge die Entlastung zwar bei 24 Prozent, die bisher verkehrsberuhigte Stettiner Straße hingegen würde um 400 Prozent mehrbelastet. Ganz zu schweigen von der Verkehrssicherheit: Würde die Stettiner Straße, wie im Bebauungsplan aus dem Jahr 1997 aufgeführt, tatsächlich zur Durchgangsstraße werden, käme dies „einer Aufhebung beziehungsweise Wegnahme der Verkehrssicherheit für Kinder und Senioren“ in der im Jahr 2003 eingerichteten Tempo-30-Zone gleich. Denn die Zahlen, von denen damals ausgegangen wurde, hat Weiler längst hinter sich gelassen: Von 2000 Fahrzeugen hat sich der tatsächliche Durchgangsverkehr trotz B-29-Umfahrung auf 5500 am Tag gesteigert.

Verkehrssicherheit, nicht die von der Stadt Schorndorf vorgebrachte Lärmbelastung, ist für die Bürgerinitiative das entscheidende Argument – auch für Tempo 30 auf der ganzen Ortsdurchfahrt, was sie als Durchfahrtsstrecke gleichzeitig unattraktiver machen würde: für die 180 gefährlichen Meter im engen Ortskern, wo jeden Tag Busse, Lastwagen und Autos im Begegnungsverkehr auf die Gehwege ausweichen. Aber die Verkehrssituation im ganzen Ort umzukrempeln, die Infrastruktur zu gefährden (Metzger- und Bäckerkunden müssten immer kreiseln) und aus einer Ortsdurchfahrt zwei zu machen, das wollen die Betroffenen nicht akzeptieren. „In 33 Jahren gab es dort keinen folgenschweren Unfall“, sagt Siegfried Lasch und sieht damit auch keinen Unfallschwerpunkt. In der Stettiner Straße, wo die Südterrassen bis zum Gehweg gebaut sind, hingegen würde es zu einer deutlichen Verschlechterung der Wohn- und Lebensqualität kommen. Brettert der Durchgangsverkehr erst mal an ihrem Haus vorbei, „dann klappern bei uns auf der Terrasse die Kaffeetassen“, sind sich Siegfried und Beate Lasch sicher. Ganz zu schweigen von den vielen Kindern, die im Gebiet hinter dem Zaun wohnen: Allein bei Laschs im Haus sind es sechs. Die Abschaffung der Tempo-30-Zone: „ein Präzedenzfall in Deutschland“.

Es sollen keine Fakten geschaffen werden

Und weil die Bürgerinitiative ihre Argumente, die sie seit vier Jahren wieder und wieder vorbringt, nicht berücksichtigt sieht, hat sie sich jetzt einen Anwalt genommen. Denn selbst die Ringlösung im Probelauf stößt bei ihr auf Widerstand: Zu groß ist die Angst, dass damit Fakten geschaffen werden – und dass, wie die Anwohner von einem Sachbearbeiter aus dem zuständigen Fachbereich erfahren haben wollen, am Ende nur noch eines vorgesehen ist: „Abstellung der Mängel“. Statt jetzt einfach mal drauflos zu testen, fordern sie ein neues Gutachten für ein neues Verkehrskonzept in Weiler. Und dazu gehört für die Engagierten auch, die Tatsache anzuerkennen, dass die Weilermer Ortsdurchfahrt zur Entlastung des im Feierabendverkehr überlasteten Tuscaloosa-Kreisel beiträgt. Der Durchgangsverkehr, erinnert Lasch, liegt in Weiler immerhin schon bei 64 Prozent.


Schorndorf-Weiler. Seit 40 Jahren wohnt Hans-Jürgen Wardenga an der Ortsdurchfahrt, schräg gegenüber der Metzgerei Fritz. Wie eng und gefährlich es dort ist, braucht ihm keiner zu sagen. Darum hält er die Ringlösung auch für das „einzig Vernünftige“. Geteiltes Leid ist halbes Leid: Die Stettiner Straße sollte die Hälfte der Verkehrslast übernehmen.

Weiler ist für Jupp Wardenga eigentlich perfekt. Vereine, Ärzte, Metzger, Bäcker, Freibad – alles da. Wenn sich jetzt noch die Verkehrssituation verbessert, „dann ist alles gut“. Doch so einfach ist das in Weiler nicht. Durchgängig Tempo 30, eine Rechts-vor-Links-Regelung oder eine Pförtnerampel von Winterbach her – alle Ideen, die der Ortschaftsrat entwickelt hat, um das Verkehrsaufkommen zu reduzieren, hat das Regierungspräsidium Stuttgart mangels Lärmbelastung oder Rechtsgrundlage kassiert. Und der Modellversuch, den Verkehr in Richtung Schorndorf über die Ortsmitte und in Richtung Winterbach über die Stettiner Straße kreiseln zu lassen, stößt auf erheblichen Widerstand: Mobil machen nicht nur die Anwohner des als Tempo-30-Zone ausgewiesenen Wohngebiets, auch im Gemeinderat wurden Stimmen laut, dass ein Verkehrsversuch ohne vorherige Diskussion nicht stattfinden wird. Und jetzt kümmert sich auch noch der Petitionsausschuss um den Fall.

"Es ist zu eng"

Umwege, die für Wardenga eigentlich unnötig sind: Dass der Verkehr zugenommen hat und die Autos immer größer werden, ist für ihn so klar wie die Tatsache, dass die Situation sich nur ändert, wenn die Last verteilt wird. Morgens und abends im Berufsverkehr, dazu der Mittagspausen-Verkehr rund um die Metzgerei Fritz – das wirklich Gefährliche ist für Wardenga, der die Ortsdurchfahrt als Rentner zu jeder Tages- und Nachtzeit beobachten kann: „Es ist zu eng.“ Darum ist für ihn der Einbahnstraßenring „die einzig vernünftige Lösung“. Denn wenn erst mal der Anteil der Elektroautos zunimmt, die Fußgänger angesichts des leisen Motorengeräuschs kaum wahrnehmen, „wird’s richtig gefährlich“.

Ausweichstrecke Gehweg

Und für den Rentner ist auch klar: Die Anwohner an der Stettiner Straße sind vor 15 Jahren auch deshalb zugezogen, weil Weiler mit seiner funktionierenden Infrastruktur alles zu bieten hat – „und jetzt sind sie nicht bereit, den Verkehr zu teilen“. Dass es bisher noch zu keinem schweren Unfall in der engen Ortsmitte gekommen ist – Glücksache. Außerdem könnten die Auto-, Bus- und Lastwagenfahrer bei Gegenverkehr ja meist auf den abgesenkten Gehwegen ausweichen. Wie sich Fußgänger fühlen, wenn sich plötzlich ein Blechkoloss gefährlich nähert, sei dahingestellt. Jupp Wardenga jedenfalls sieht’s pragmatisch: „Dann geht man halt einen Schritt zur Seite.“

Einigkeit herrscht bei der Umgehungsstraße als bester Lösung

Doch zwei Dinge sieht er genauso wie die Engagierten von der Bürgerinitiative: Eine Umgehungsstraße wäre für Weiler die Ideallösung – „aber das werde ich nicht mehr erleben“. Und: Eine Einbahnstraßenregelung wird den Durchgangsverkehr nicht verringern, sondern lediglich die enge Ortsdurchfahrt ein kleines Bisschen sicherer machen.

Rechtliche Schritte

  • Sollte die Stadt Schorndorf tatsächlich am Modellversch festhalten, wird die Bürgerinitiative auch vor rechtlichen Schritten nicht zurückschrecken.
  • „Unser Anwalt“, hat Siegfried Lasch als Sprecher Anfang Januar in einem Brief an den Gemeinderat informiert, „ist Prof. Dr. Hans Büchner, Stuttgart, der ihnen vom vorgesehenen Baugebiet Schölleräcker gut bekannt ist“.