Schorndorf

Wie die Ukrainerin Alina Donets ihre Flucht in Schorndorf verarbeitet

Ukrainerin Alina Donets
Die Ukrainerin Alina Donets freut sich auf ihre Aufgabe in Schorndorf als Deutschdozentin. © Benjamin Büttner

Alina Donets lächelt ein bisschen. Die Augen funkeln glücklich, obwohl sich dahinter Verzweiflung verbirgt. Wer mit der 29-Jährigen spricht, kann kaum fassen, welche angsterfüllten Wochen hinter der Ukrainerin liegen. „Ich konnte es nicht glauben, dass der Krieg kommt. Keiner konnte das.“ Alina Donets blickt zu Boden, ihr Lächeln schwindet.

Selbst als die Amerikaner gewarnt hätten, dass die Russen den Kampf beginnen würden, wollte das keiner wahrhaben. „Aber meine Familie und ich wussten, wenn die Russen angreifen, dann wird unser Ort der erste sein.“ Der Heimatort von Alina Donets ist Sumy – eine Stadt im Nordosten der Ukraine, unweit der russischen Grenze zu Russland.

Die Knallgeräusche im Ohr, das Spüren des Bebens der Wände

„Kurz bevor der Krieg begonnen hat, merkten wir schon, dass die Stadtbevölkerung nervös war. Es brach zwar keine Panik aus, aber es war unruhig.“ Aufgrund dessen sei sie mit dem dreijährigen Sohn und ihrem Mann (31) zu dessen Eltern in deren Haus gezogen – in einen anderen Ortsteil von Sumy. „Wir haben wirklich geglaubt, dass dieser Angriff Anfang März vorbei ist.“ Dem war nicht so. Am 7. März haben die Russen Luftbomben auf die Stadt geworfen, „in der ich aufgewachsen bin“. Die Ukrainerin kämpft mit den Tränen, ringt nach Worten.

Neun Häuser seien so zerstört worden, als „hätte es sie nie gegeben“. 24 Tote. Alina Donets erzählt von schrecklichen Kriegsgräueltaten an der Zivilbevölkerung, besonders an Frauen, und klagt: „Es ist unmenschlich, was sie machen. Sie töten uns, vergewaltigen Frauen und misshandeln das Volk, nur weil wir Ukrainer sind und uns nicht Russland anschließen wollen.“

Dann musste alles ganz schnell gehen

Von Telefonaten berichtet sie als Ohrenzeugin, bei denen sie mitbekommen hat, wie russische Aufträge erteilt wurden, Menschen zu erschießen. „Uns blieb nichts anderes übrig, als uns im Keller zu verstecken. Aber was ist ein Keller gegen Bomben?!“ Die Knallgeräusche im Ohr, das Spüren des Bebens der Wände – grauenvoll. Dann musste alles ganz schnell gehen. Nur mit ihrer Mutter (60) und ihrem dreijährigen Sohn nahm sie den weiteren Fluchtweg auf sich, raus aus Sumy – mit zwei Rucksäcken, Dokumenten und ein, zwei Hosen und Oberteilen. Das war am 9. März.

Ihr Mann ist zurückgeblieben, mit seinen Eltern – diese wollen ihr Zuhause nicht verlassen. Mit dem Auto der Nachbarin sei man Richtung Lwiw/Lemberg gefahren. Dort wurde ihnen von Bekannten ein Unterschlupf geboten. Wie der Kontakt nach Schorndorf zustande kam? Die Daimlerstadt kennt sie, war sie doch 2014 als Au-pair bei einer Familie zu Gast.

Deshalb habe sie die vergangenen Jahre immer mal wieder den Kontakt zu ihrer Gastmama gehabt. Und diese habe sich mit Kriegsbeginn häufiger bei ihr erkundigt, wie es ihr gehe, erklärt Donets den Zusammenhang. Man telefonierte, schrieb sich Mails – die Sorgen und Ängste wurden in Sätze verfasst, obwohl das kaum möglich schien. Das Angebot, nach Schorndorf kommen zu können, stand.

Aushalten und hoffen

Aushalten, hoffen, dass man von keiner Bombe in Lwiw, keiner Mine getroffen wird. Die Raketen schlugen weiter ein. Immer wieder. „Wir waren in einer fremden Stadt, dem Stress ausgeliefert, immer gab es Luftalarm und wir mussten uns verstecken.“ Die 29-Jährige schildert beklemmende Erlebnisse, schildert bildhaft unfassbare Zerstörung und chaotische Zustände.

Die Flucht wurde fortgesetzt – über Polen nach Dresden mit dem Zug. Dort seien die drei von der Schorndorfer Gastmama abgeholt worden. Am 17. März war das Ziel erreicht. „Ich habe die Jacke angehabt, mit der ich tagelang im Keller saß“, erinnert sich die Ukrainerin. „Nun sind wir bei Bekannten meiner damaligen Gastfamilie untergekommen.“ Donets faltet die Hände: „Wir haben zwei Säcke voll mit Bekleidung bekommen, auch für mein Kind. Ich bin von ganzem Herzen dankbar, dass wir so aufgenommen werden und wir so viel Unterstützung erhalten und Freundlichkeit entgegengebracht bekommen.“

Nachdem Alina Donets mit ihrer Mutter und ihrem Sohn etwas zur Ruhe gekommen war, traf sie im Zentrum für internationale Begegnungen (ZiB) andere Ukrainerinnen, und da habe sie auch von der Aufgabe, als Sprachdozentin an der Volkshochschule Schorndorf arbeiten zu können, erfahren. „In der Ukraine habe ich als Deutschlehrerin gearbeitet. Deshalb fand ich die Möglichkeit, als Sprachdozentin der VHS in Zusammenarbeit mit der Awo zu arbeiten, toll.“ Sie habe sich dann an Oliver Basel, den Leiter der VHS, gewandt, und am 11. April konnte sie den Sprachkurs schon starten. Darüber sei sie glücklich. Ein Lichtblick.

"Wann gehen wir nach Hause zu Papa?"

Wie geht ihr dreijähriger Sohn mit der Situation um? Am liebsten würde sie ihren Sohn in eine Kita bringen, sagt Alina Donets. Jetzt sei er in dem Alter, wo er viel Interesse zeige und auch mit anderen Kindern gern zusammen sei. Der Kleine frage ständig nach seinem Vater: „Wann gehen wir wieder nach Hause zu Papa?“ Was antwortet eine Mutter da, die selbst nicht weiß, wie es weitergeht? „Es ist alles so schwer. Ich sage, wenn die Flugzeuge dort wieder fliegen dürfen, dann fliegen wir nach Hause.“ Ihre Mutter habe große Hoffnung, dass das Leid bald vorbei ist, auch sie möchte wieder in die Ukraine zurück. Jeder bete. Selbst die Ukrainer, die noch nie gebetet haben oder nicht an Gott glauben.

Jeden Abend schaue sie Nachrichten, sagt die junge Frau. Jeden Morgen versucht sie, Kontakt zu ihrem Mann und dessen Eltern aufzunehmen. Jedes Mal hofft sie, dass sie eine Antwort erhält. Mit Abstand betrachtet Alina Donets die Geschehnisse. Hier sei sie in Sicherheit. Aber was ihr Volk durchmache, sei unerträglich.

Schicksale nahestehender bekannter oder verwandter Menschen schildert sie nur kurz, zu schmerzlich ist es für sie. Ein Verwandter ihres Mannes sei von einer Mine getroffen worden. Er ist schwer verletzt und hat Splitter im Kopf. In der Ukraine kann er nicht operiert werden. Und eine Tante ihres Mannes hatte wegen Raketenangriffen vor Panik einen Herzinfarkt erlitten. „Sie ist zum Glück am Leben.“

„Gespräche sind Putin egal, Bilder lösen in ihm nichts aus“

Kein Verständnis hat Alina Donets dafür, dass sich das russische Volk nicht gegen seinen Präsidenten auflehnt. „Würde die Bevölkerung aufstehen und sich gegen Putin richten, wäre der Krieg vorbei.“

Aber Alina Donets weiß auch: Die Russen glauben diese Vernichtung der Ukrainer nicht. Sie habe in einer russischen Telegramgruppe geschrieben, was in ihrem Land los ist. Was sie als Reaktionen erhielt, war nicht freundlich. Mit „schlimmsten Wörtern“ habe man sie beschimpft, als Nazi bezeichnet. „Putin wird nicht aufhören. Gespräche sind ihm egal, Worte funktionieren bei ihm nicht, Bilder lösen in ihm nichts aus.“

Wenn Deutschland und die Nato „weiter so blind sein wollen, dann bekommen wir hier auch einen Krieg“. Sie möchte diese Dinge eigentlich nicht aussprechen, aber sie weiß, dass „mehr Waffenlieferungen keinen Frieden bringen“. Obwohl ihr bewusst ist, dass die Ukraine auf diese militärische Unterstützung angewiesen ist: „Unsere Armee steht zusammen und kämpft sehr stark. Ich bin sehr stolz auf mein Volk.“

Nur von Tag zu Tag leben

Schwer sei es für sie, in die Zukunft zu blicken: „Wir können keine Pläne machen. Wir können nur von Tag zu Tag leben. Ich möchte wieder nach Hause, aber ich habe dann auch Angst, dass die Russen wieder nach Sumy kommen, weil wir so nah an der Grenze sind.“ Viele Gedanken gehen der jungen Mutter durch den Kopf. Einmal wieder richtig schlafen können – sie hofft, dass sie das bald wieder kann.

Sie möchte stark bleiben, für sich und ihre Familie: „Wir können nur hoffen, dass es Lösungen gibt, dass dieses Töten endlich aufhört.“ Die deutsche Regierung sei zu ängstlich: „Die Politiker müssten mutiger handeln. Ich möchte mir nicht ausmalen, was sonst noch alles passieren könnte.“

Alina Donets lächelt ein bisschen. Die Augen funkeln glücklich, obwohl sich dahinter Verzweiflung verbirgt. Wer mit der 29-Jährigen spricht, kann kaum fassen, welche angsterfüllten Wochen hinter der Ukrainerin liegen. „Ich konnte es nicht glauben, dass der Krieg kommt. Keiner konnte das.“ Alina Donets blickt zu Boden, ihr Lächeln schwindet.

Selbst als die Amerikaner gewarnt hätten, dass die Russen den Kampf beginnen würden, wollte das keiner wahrhaben. „Aber meine Familie und ich

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