Schorndorf

Wie Flüchtlinge im Schorndorfer Zauberfaden aufs Arbeitsleben vorbereitet werden

Zauberfadenneu
Sibylle Plötze und Gerhard Leuker sind die beiden Fachreferenten im Vorbereitungskurs, der von Arbeitsagentur und Jobcenter insgesamt für drei Jahre zertifiziert ist und Menschen mit Migrationserfahrung den Einstieg ins Berufsleben erleichtern soll. © Gaby Schneider

Damit Menschen mit Fluchterfahrung auf dem Arbeitsmarkt unterkommen – dafür sind enorme Anstrengungen nötig: Der Zauberfaden, die Nähwerkstatt mit Flüchtlingen und Asylsuchenden im Schock-Areal, macht sich seit seiner Gründung im Februar 2015 stark für genau dieses Ziel. Und auch jetzt haben sich die beiden Geschäftsführer Sükriye Döker und Dr. Matthias Römer mit viel ehrenamtlichem Engagement dafür verkämpft, dass Flüchtlinge in einem Vorbereitungslehrgang Grundkenntnisse im industriellen Nähen und der deutschen Sprache vermittelt werden können.

Denn Fachkräfte, die in der Bekleidungs- und vor allem der Textilindustrie einfache Tätigkeiten verrichten und Arbeitsanweisungen verstehen können, sind hierzulande durchaus gesucht: 24 000 Mitarbeiter, weiß Christine Schneider vom Verband Südwest-Textil, sind allein in Baden-Württemberg beschäftigt – in der Musterfertigung sowie in den Bereichen Outdoor- und Arbeitsbekleidung. Im Moment, das hat Sibylle Plötze, die sich als Deutschlehrerin im Zauberfaden von der Sinnhaftigkeit des Projekts überzeugen wollte, in einer Internetrecherche herausgefunden, sind allein im näheren Umkreis drei Stellen auch bei Raumausstattern frei.

Als Maßnahme der Agentur für Arbeit über Bildungsgutscheine finanziert

Die Idee für den Vorbereitungslehrgang entstand schon vor eineinhalb Jahren – auf Initiative von Birgit Steinmüller und Steffen Malecki vom Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft, der als Willkommenslotse in der Flüchtlingsarbeit den Zauberfaden kennengelernt hat. Da Nähen aber nur in Präsenz und nicht in Online-Kursen erlernt werden kann, konnte der Lehrgang coronabedingt erst Anfang Oktober starten – mit drei Teilnehmern und vier Teilnehmerinnen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, aus Nigeria, Eritrea und der „BBQ-Bildung und Berufliche Qualifizierungs gGmbH“ des Bildungswerks der Baden-Württembergischen Wirtschaft als Partnerin. Finanziert wird das Projekt über Bildungsgutscheine, die die Agentur für Arbeit und das Jobcenter ausgeben.

Die Stadt Schorndorf hat sich 2019 nach einem Gemeinderatsbeschluss aus der Finanzierung des Zauberfadens ausgeklinkt: 2020 wurde das Projekt noch mit 20 000 Euro bezuschusst, die gleiche Summe gibt es bis Ende 2021 von der Christian-Bürkert-Stiftung. Ebenfalls mit einem hohen Betrag beteiligt ist die Irmgard-Hahn-Stiftung. Und obwohl der Zauberfaden seit einem Jahr vermehrt für Start-up-Unternehmen Aufträge übernimmt, ohne staatliche Zuschüsse, sind sich die Geschäftsführer einig, kann ein solches Projekt nicht bestehen. Vor allem die Integrationsarbeit, beklagt Sükriye Döker, leidet, wenn die Finanzierung nicht gesichert ist: „Hier werden ganze Familien betreut.“

Näh- und Deutschkenntnisse verbessert

Eine, die von dem Angebot profitiert, ist Dalia Mushtaq Taha. Sie kam vor 16 Jahren aus dem Irak nach Deutschland. Die alleinerziehende Mutter, die schon seit zwei Jahren im Zauberfaden unterstützt wird, hat im Vorbereitungskurs nicht nur besser nähen gelernt, auch ihre Deutschkenntnisse haben sich verbessert. Die beiden Referenten, sagt sie, „sind die besten Lehrer“: Deutschlehrerin Sibylle Plötze hat selbst erst mit über 50 Jahren das Abitur gemacht und dann „Deutsch als Fremdsprache“ studiert.

Gerhard Leuker war vor seiner Rente als Bekleidungsingenieur und Fertigungsleiter bei Triumph beschäftigt und ist Experte in Sachen Bekleidungs- und Textilindustrie in Deutschland. Hoch motiviert bei der Sache ist auch Cletus Obetoh aus Nigeria: Als der gelernte Schreiner in den Zauberfaden kam, sprach er kein Wort Deutsch. Das hat sich geändert. Und er ist, sagen seine Lehrer, interessiert, engagiert und neugierig – so wie die anderen Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer auch. Sie alle haben, sagt Sükriye Döker, „die Motivation, zu arbeiten und ihren Lebensunterhalt zu verdienen“.

In dem zwölfwöchigen Vorbereitungskurs bekommen sie Grundkenntnisse und den Umgang mit Industrienähmaschinen vermittelt. Zunächst waren sie mit Übungsteilen beschäftigt, aktuell nähen sie Taschen aus dem Zauberfaden-Sortiment. Bis Dezember, schätzt Leuker, könnten sie durchaus so weit sein, dass ihre Produkte auch in den Verkauf kommen. Teil des Vorbereitungslehrgangs sind aber auch ein zweiwöchiges betriebliches Praktikum und ein Bewerbungstraining.

Damit Menschen mit Fluchterfahrung auf dem Arbeitsmarkt unterkommen – dafür sind enorme Anstrengungen nötig: Der Zauberfaden, die Nähwerkstatt mit Flüchtlingen und Asylsuchenden im Schock-Areal, macht sich seit seiner Gründung im Februar 2015 stark für genau dieses Ziel. Und auch jetzt haben sich die beiden Geschäftsführer Sükriye Döker und Dr. Matthias Römer mit viel ehrenamtlichem Engagement dafür verkämpft, dass Flüchtlinge in einem Vorbereitungslehrgang Grundkenntnisse im industriellen

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