Schorndorf

"Wie Gott uns schuf": Pfarrer reagiert auf ARD-Doku zum Coming-out in der Kirche

katholische Kirche
Das Coming-out in der Katholischen Kirche hat für Gesprächsstoff gesorgt. © dpa/Winfried Rothermel

Es ist das wohl größte Coming-out, das es in der Katholischen Kirche jemals gegeben hat: Rund 100 Gläubige im Dienst der Katholischen Kirche in Deutschland haben in der exklusiven ARD-Dokumentation „Wie Gott uns schuf – Coming-out in der Katholischen Kirche“ den gemeinsamen Schritt an die Öffentlichkeit gewagt. Der Investigativjournalist Hajo Seppelt recherchiert seit fast zehn Jahren zur Diskriminierung nicht-heterosexueller Menschen in der Katholischen Kirche. Gemeinsam mit Katharina Kühn, Peter Wozny und Marc Rosenthal veröffentlichte er nun mit der Produktionsfirma EyeOpening.Media (Redaktion: Katharina Schiele) diese Doku. Menschen, die sich als nicht-heterosexuell identifizieren, erzählen in diesem Film vom Kampf um ihre Kirche – manchmal sogar mit dem Risiko, dadurch ihre Arbeit zu verlieren.

Es sind Priester, Ordensbrüder, Gemeindereferentinnen, Bistums-Mitarbeitende, Religionslehrende, Kindergärtnerinnen, Sozialarbeiter und viele mehr, die von Einschüchterungen, Denunziationen, tiefen Verletzungen, jahrzehntelangem Versteckspiel und Doppelleben berichten. Die Katholikinnen und Katholiken berichten von einem System, in dem Druck, Angst und Willkür die Mitarbeitenden in Ungewissheit lassen, was genau passiert, wenn sie zu ihrer sexuellen Orientierung oder Identität stehen. Während in einem Bistum offenbar viel geduldet wird, die Menschen zum Teil sogar große Unterstützung erfahren, gibt es im nächsten harte Konsequenzen, bis zur Auflösung des Arbeitsvertrags.

Was sagt Wolfgang Kessler, Pfarrer der Seelsorgeeinheit Rems-Mitte, zu dieser Reportage? „Es ist eine mutige Aktion, die deutlich macht, wie vielfältig die Lebenssituation von Menschen in allen Bereichen der Gesellschaft ist, auch in der Kirche.“ Egal ob groß, ob klein, welcher Nationalität oder Identität, jeder Mensch sei von Gott geliebt und dies ist nicht an Bedingungen geknüpft.

„Die Botschaft und das Beispiel Jesu, der sich bedingungslos allen Menschen zuwendet, ist für mich und mein Handeln Orientierung und Maßstab“, so Kessler.

In der Dokumentation wird berichtet, dass für schwule Männer, die katholische Priester werden wollen, ein Weiheverbot gilt – sie werden quasi als berufsunfähig angesehen. Für Mitarbeitende in katholischen Einrichtungen gilt ein eigenes kirchliches Arbeitsrecht: Sie müssen die Grundsätze der katholischen Glaubens- und Sittenlehre nicht nur im Beruf, sondern auch im Privatleben beachten. Nicht-heterosexuelle Beziehungen widersprechen dieser katholischen Sittenlehre. Viele leben in dauernder Anspannung und Angst, entdeckt zu werden und im schlimmsten Fall ihren Beruf zu verlieren, der für viele auch Berufung ist.

Wolfgang Kessler: „Für die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat Generalvikar Clemens Stroppel – oberster Verwaltungschef – erklärt, ‘dass die Diözese wegen der sexuellen Identität von Mitarbeitenden keine Kündigung ausspricht’.“

Wie schätzt ein Religionspädagoge diese Aktion ein?

„Vielen Menschen wird und wurde mit Blick auf ihre sexuellen Gefühle unrecht getan – nicht nur von der Kirche“, nimmt Norbert Pauler, Diplom-Religionspädagoge und Schorndorfer Gemeindereferent, Stellung zu diesem Thema. „Der Paragraf 175 des deutschen Strafgesetzbuches existierte vom 1. Januar 1872 bis zum 11. Juni 1994. Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe. Und auch Urteile des Bundesverfassungsgerichtes bestätigten diese Bestimmung bis zu deren Abschaffung durch den Bundestag.“ Biblisch gesehen gibt es im Alten Testament den Satz: „Wenn ein Mann bei einem Mann liegt wie bei einer Frau, so ist das für Gott ein Gräuel“ (Levitkus 18,22). Bereits im ersten Buch der Bibel werde jedoch bei einem angedrohten Bruch der Gastfreundschaft die Massenvergewaltigung zweier Besucher eingefordert, weil diese eben Fremde seien. Obwohl diese Tat durch göttliches Eingreifen verhindert werden konnte, kam es anschließend zu der genannten Verbotsnorm. Pauler: „Weder geht es an dieser Stelle um eine homosexuelle Beziehung zwischen zwei sich liebenden Menschen noch ist hier von einer biologisch bedingten sexuellen Ausprägung die Rede. Es geht hier um den Schutz vor willkürlichem sexuellem Missbrauch.“

Leider habe sich die Kirche durch das Festhalten an ihrer Sexualmoral (Sex nur in der Ehe) von der Lebenswirklichkeit fast aller Menschen schon lange verabschiedet, so der Religionspädagoge weiter. Übrig blieb bis heute viel Leid und auch die Entwicklung unmenschlicher Ausprägungen von angeblich sexuellen Erfüllungen in der Gesellschaft, bei denen niemand mehr „die Kirche“ um Rat sucht. Bei den Jugendlichen im Religionsunterricht werde die kirchliche Position schon lange nicht mehr verstanden und eine Begleitung dieser Jugendlichen auf dem Weg zu ihrem Erwachsenwerden müsse schon seit vielen Jahren ganz anders mit diesem Thema umgehen, wenn es zum Nachdenken und einem liebevollen, selbstbestimmten Handeln bei diesem Thema kommen soll.

„Der Umgang mit Betroffenen verändert sich, so meine Beobachtung, tatsächlich erst in den letzten Jahren. Ich war doch sehr erstaunt, als ich erfuhr, dass der gewählte Vorsitzende des Kirchengemeinderates meiner ursprünglichen Heimatgemeinde diesem Gremium seinen Freund vorstellte, mit dem er zusammenlebt“, erzählt Norbert Pauler. „Und die Gemeindevertreter haben dies unterstützt und mit ihm zusammen die Gemeinde weiterentwickelt. Mein Erstaunen beruhte darauf, dass ich diese Gemeinde früher immer wieder als recht konservativ erlebt hatte. Das Thema Homosexualität war da weitgehend tabu.“ Die vielen Tränen, die in der ARD-Dokumentation gezeigt wurden, würden deutlich machen, wie viel Schmerz noch immer durch das bestehende kirchliche Arbeitsrecht hervorgebracht wird. Pauler: „Wenn Gottes Angebot aber, und davon bin ich überzeugt, allen Menschen gilt, die sich auf diese Einladung einlassen, dann dürfen Menschen auch in der Kirche nicht länger auf den Umgang mit ihrer Sexualität reduziert werden.“

Es ist das wohl größte Coming-out, das es in der Katholischen Kirche jemals gegeben hat: Rund 100 Gläubige im Dienst der Katholischen Kirche in Deutschland haben in der exklusiven ARD-Dokumentation „Wie Gott uns schuf – Coming-out in der Katholischen Kirche“ den gemeinsamen Schritt an die Öffentlichkeit gewagt. Der Investigativjournalist Hajo Seppelt recherchiert seit fast zehn Jahren zur Diskriminierung nicht-heterosexueller Menschen in der Katholischen Kirche. Gemeinsam mit Katharina Kühn,

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