Schorndorf

Wie Irene Lyngs und Maurice Michalski es schaffen, mit Kindern autofrei in Schorndorf zu leben

autofrei
Das Christiania-Bike als Alternative zum eigenen Auto: Maurice Michalski und Irene Lyngs kommen gut damit klar. © ALEXANDRA PALMIZI

Ihre Familienkutsche hat keinen Motor, dafür drei Räder, sieben Gänge und eine Transportkiste mit knallrotem Verdeck: Mit ihrem Christiania-Lastenfahrrad sieht man Irene Lyngs und Maurice Michalski durch Schorndorf fahren, seitdem sie 2013 von München hierhergezogen sind. Das Firmenauto, das sie davor hatten, haben sie schon vor dem Umzug aufgegeben: „Wir haben es nicht gebraucht“, sagt die 39-Jährige. In München war alles um die Ecke zu erledigen oder bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Das ist in Schorndorf nicht ganz so komfortabel – aber auch zu machen.

Die beiden Töchter haben sie, als sie noch im Kindergartenalter waren, jeden Morgen in die schwarze Transportkiste gesetzt, angeschnallt, zum Kindergarten Stadthaus gefahren – und nachmittags wieder von der Gmünder Straße abgeholt. Noch immer passen drei Einkaufstaschen in das Lastenfahrrad, wenn die elfjährige Liva und die neunjährige Hella mit drin sitzen – ansonsten ist Platz für alles, was in einen randvoll gefüllten Einkaufswagen passt. Sogar den Weihnachtsbaum – selbstverständlich im XXL-Format – transportiert die Familie jedes Jahr im Christiania-Rad. Kürzlich haben sie sogar fünf Säcke mit Hochbeet-Erde durch die Stadt bis zu ihrer Wohnung in der Daniel-Steinbock-Straße gefahren. Ob es eine Wiederholung gibt, ist fraglich. „Das war“, räumt Maurice Michalski im Nachhinein ein, „das Limit.“

Auch die beiden Töchter haben keinen Autowunsch

Natürlich ist das Leben ohne Auto ein wenig umständlich. Doch es ist möglich: „Im schlimmsten Fall“, ist sich das Ehepaar einig, „kaufen wir eines.“ Dieser Gedanke beruhigt – doch dabei ist es bisher noch immer geblieben. Selbst die beiden Töchter haben keinen ausgeprägten Auto-Wunsch. Allenfalls Schulfreunde, die mitbekommen, dass die Familie autofrei lebt, sind verwundert, dass auf dem Tiefgaragenplatz nur Fahrräder, Roller und eben das Christiania-Bike parken.

Doch es lässt sich alles organisieren. Eine Zeit lang konnten sie sich von Bekannten das Auto leihen. Mittlerweile nutzen sie, wenn sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht weiterkommen, die Autovermietung oder auch mal ein Taxi. Car-Sharing hat sich für sie bisher noch nicht gelohnt. Für eine Urlaubsreise im Corona-Sommer 2020 haben sie sich ein Auto gemietet, weil sie Begegnungen in engen Zugabteilen vermeiden wollten. Ansonsten reisen sie, wenn sie nach Dänemark zu den Großeltern fahren, immer mit der Bahn: Die Verbindung von Stuttgart über Hamburg ist so gut, dass sie in elf Stunden da sind. Vielleicht, überlegen sie, nehmen sie auch mal die Räder mit und strampeln das letzte Stück aus eigener Kraft.

Das alles ist nach ihrer Rechnung viel günstiger, als wenn sie sich ein eigenes Auto leisten würden. Und das autofreie Leben gibt ihnen finanzielle Freiheiten: Irene Lyngs und Maurice Michalski arbeiten beide in Teilzeit, sie als freiberufliche Übersetzerin, er als Softwareentwickler. Und das schon seit Jahren im Home-Office: So entfällt nicht nur das lästige Pendeln zur Arbeit, sie haben beide auch mehr Zeit für die Kinder und mussten nicht, wie viele andere, im ersten Lockdown vor einem Jahr beruflich am Küchentisch neu anfangen.

Bewussterer Konsum: Brauche ich ein Auto oder nicht?

War der Anfang ihres autofreien Lebens eher pragmatischer Natur, spielen mittlerweile ökologische Überlegungen durchaus eine Rolle. Für das Ehepaar geht es um einen achtsameren Konsum – und die bewusste Entscheidung: Brauche ich ein Auto oder nicht? Sie sind zwar nicht in einer Umweltschutzorganisation wie der Klimaentscheid-Gruppe aktiv, bei der Critical Mass am Freitag, 18 Uhr, wollen sie aber wieder dabei sein – und für ein fahrradfreundlicheres Schorndorf demonstrieren.

Denn obwohl sie finden, dass die Daimlerstadt unter topografischen Gesichtspunkten eigentlich eine gute Fahrradstadt ist, gibt es aus ihrer Sicht doch einiges zu verbessern. „Die Fahrradwege“, sagt Irene Lyngs, „sind eher für Ausflügler gemacht.“ So ist die Feuerseestraße aus ihrer Sicht zum Beispiel viel zu eng: Autofahrer weichen oft auf die neu angelegten Fahrradwege aus, nicht selten sind die Radstreifen sogar zugeparkt.

Ungut für Fahrradfahrer ist die Situation auch im unteren Bereich der Werderstraße: Wenn sie mit ihrem Lastenrad auf dem Rückweg vom Einkaufen von der Stuttgarter Straße durch die Unterführung die Steigung hoch müssen, geht das nicht ohne Absteigen. Noch unangenehmer aber gestaltet sich das Abbiegen in Richtung Innenstadt: Mit einem vollbepackten Rad von ganz rechts außen die mittlere Fahrspur kreuzen, um auf die Lange Straße zu kommen, das ist ein gefährliches Unterfangen. Das Radwegenetz ist löchrig. Dazu kommt, dass in Schorndorf viele Radwege einfach vor Zebrastreifen enden – und Streit zwischen den Verkehrsteilnehmern programmiert ist: Müssen Radfahrer absteigen oder nicht? Für Maurice Michalski ist die Antwort eigentlich klar: „Es steht nirgends, dass man über Zebrastreifen nicht fahren darf. Radfahrer haben nur keine Vorfahrt.“

Doch allen Schwierigkeiten und eventuellen Unannehmlichkeiten zum Trotz, das Fahrrad ist für Irene Lyngs und Maurice Michalski trotzdem das ideale Verkehrsmittel. Und sie können Familien, die ihrem Vorbild folgen und das Auto abschaffen wollen, nur dazu raten: „Man kann es ausprobieren. Es muss ja keine Entscheidung für immer sein.“

Info

Fahrradfreunde kommen am Freitag, 25. Juni, in Schorndorf wieder zu einer Critical Mass zusammen. Treffpunkt ist um 18 Uhr am Marktplatz. Der Schorndorfer Teil der weltweiten Bewegung will damit für eine fahrradfreundlichere Stadt werben. In geschlossenem Verband fährt die kritische Masse, begleitet von Ordnern, in gemütlichem Tempo durch die Stadt.

Ihre Familienkutsche hat keinen Motor, dafür drei Räder, sieben Gänge und eine Transportkiste mit knallrotem Verdeck: Mit ihrem Christiania-Lastenfahrrad sieht man Irene Lyngs und Maurice Michalski durch Schorndorf fahren, seitdem sie 2013 von München hierhergezogen sind. Das Firmenauto, das sie davor hatten, haben sie schon vor dem Umzug aufgegeben: „Wir haben es nicht gebraucht“, sagt die 39-Jährige. In München war alles um die Ecke zu erledigen oder bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln

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