Schorndorf

Wie steht es um den Lokaljournalismus in den USA?

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Ähnlich wie die Lokalzeitungen des Zeitungsverlags in Waiblingen werden auch die „Tuscaloosa News“ in Nähe der Redaktion gedruckt. © Röder
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Michael James ist der Chefredakteur der „Tuscaloosa News“ und hat uns einige Fragen zur Situation des Lokaljournalismus in den USA beantwortet.

Schorndorf/Tuscaloosa. US-Präsident Donald Trump hat während seines Wahlkampfs den Begriff „Fake News“ als politisches Schlagwort benutzt und die Debatte um vertrauenswürdige Medien neu entfacht. Bei seiner Reise in die Schorndorfer Partnerstadt Tuscaloosa besuchte der Partnerschaftsverein Schorndorf das Druckhaus und den Newsroom der dortigen Lokalzeitung „Tuscaloosa News“. Chefredakteur Michael James stand uns Rede und Antwort.

Der Vorwurf, dass Medien falsche Nachrichten verbreiten und Meinungen manipulieren, ist nicht neu. Doch als Ende des vergangenen Jahres öffentlich wurde, dass der Spiegel-Redakteur Claas Relotius viele seiner Reportagen komplett oder zumindest teilweise erfunden hatte, ist das Vertrauen in die Nachrichtenmedien bei vielen Konsumenten im Kern erschüttert worden.

Im Nachbeben des Skandals sind oft Begriffe wie „Fake News“ und „Alternative Facts“ gefallen. Donald Trump benutzte sie während seines Wahlkampfs; inzwischen haben sie nicht nur in den Vereinigten Staaten ihren Einzug in den gängigen Sprachgebrauch gefunden. Wir haben mit Michael James, dem Chefredakteur der Lokalzeitung „Tuscaloosa News“, unter anderem darüber gesprochen, ob er das Gefühl hat, dass seine Leserinnen und Leser in den letzten Jahren das Vertrauen in die lokalen Nachrichten verloren haben.

Der Fokus auf Fakten soll das Vertrauen der Leser stärken

„Eigentlich nicht“, findet Michael James. „Auf unserem Level hat uns die Diskussion um „Fake News“ nicht so sehr betroffen. Wenn Donald Trump darüber redet, spricht er eher die Washington Post oder die New York Times und die großen TV-Sender an.“ Aus der Leserschaft habe es deshalb keine größeren Reaktionen gegeben. „Wir versuchen aber auch, das schwer für die Menschen zu machen“, so Michael James. „Gegen eine wahrheitsgetreue Berichterstattung können sie nicht gut argumentieren.“

"Ich genieße es, mit den Leuten zu diskutieren"

Trotzdem gebe es natürlich immer wieder einmal Leserinnen und Leser, die sich beschweren. Dann sucht Michael James das Gespräch. „Ich sehe das als Herausforderung“, sagt der Chefredakteur. „Ich genieße es, mit den Leuten zu diskutieren. Viele wissen das zu schätzen.“ Einige der Leserinnen und Leser könne er dann besänftigen. Weil sie vorher nicht gewusst hätten, wie die Prozesse bei einer Tageszeitung ablaufen, oder weil ihnen nicht klar gewesen sei, dass die „Tuscaloosa News“ keinen Grund hätten, etwas falsch darzustellen.

"Tuscaloosa News" versucht, mehrere Perspektiven zu präsentieren

„Wir müssen einfach unser Bestes geben“, so James. Seine Zeitung versuche zum Beispiel, auf der Meinungsseite immer mehrere Perspektiven zu präsentieren. Auch in Zeiten, in denen die politische Landschaft in den USA stark polarisiert ist. „Wenn wir Beschwerden von beiden Seiten kriegen, machen wir etwas richtig.“ Was ihm allerdings verstärkt aufgefallen sei, sei, dass die Agenturtexte, also die Texte, die Zeitungen von Agenturen zugeliefert bekommen, inzwischen oft meinungslastiger geworden seien. Sie benutzten zum Beispiel wertende Adjektive. „Das ist unnötig“, so James. „Die Menschen können sich selbst ein Bild machen.“ Das finde er manchmal frustrierend, weil seine Zeitung nicht die Ressourcen habe, um alle Agenturnachrichten im Detail zu überprüfen.

Krise der Zeitungen spiegelt sich in der Zahl der Angestellten wider

Wie viele andere Zeitungen, haben auch die „Tuscaloosa News“ in den letzten Jahren eingespart. Als Michael James kurz nach der Jahrtausendwende seine Stelle angetreten hat, so erzählt er den Besuchern aus Schorndorf, waren im Newsroom noch 50 Angestellte an der Arbeit. Die Mitglieder des Partnerschaftsvereins treffen den Newsroom knapp 20 Jahre später am Vormittag weitgehend verlassen an. Natürlich sind nicht alle der Mitarbeiter entlassen worden – „Sie sind auf Terminen, oder fangen später an“, sagt Peggy Johnson, die selbst im Newsroom beschäftigt ist und die Gruppe im Gebäude herumführt –, aber die Krise der Zeitungen spiegelt sich trotzdem in der Zahl der Angestellten wider. „Wir haben in den letzten Jahren viele Leute verloren“, sagt Michael James. Laut dem Chefredakteur verzeichnet der Newsroom noch 16 Mitarbeiter, einige Aufgaben wurden ausgelagert. Der Rivale, die „Birmingham News“, setzt verstärkt auf seine Internetpräsenz und erscheint nur noch dreimal wöchentlich als Print-Ausgabe.

„Jeder denkt, dass wir irgendwann keine Print-Zeitung mehr haben werden, und auch die Technologien verändern sich.“ Michael James erzählt von faltbaren Smartphones. „Es gibt aber auch viele gute Argumente dafür, dass die Print-Zeitung für manche Menschen die bessere Erfahrung ist“, meint er. „Wir müssen irgendwie die Leserschaft für uns gewinnen.“ Heutzutage sei alles so zersplittert: Online-Blogs, Videos, Sportportale. „Wir versuchen, den besten Inhalt zu liefern, um mit ihnen mitzuhalten.“

Wem werden die Leser in Zukunft am meisten vertrauen?

Die Debatte um vertrauenswürdige Nachrichten beschäftigt ihn in diesem Zusammenhang dann doch. „Ich denke nicht, dass die Leserschaft insgesamt wegbricht“, sagt Michael James. „Aber ich sorge mich darum, wem die Menschen in Zukunft vertrauen können.“ Manche seiner Leserinnen und Leser behaupteten zwar, dass sie den „Tuscaloosa News“ nicht vertrauen, aber wenn seine Redakteure im Gemeinderat säßen und am nächsten Tag darüber berichteten, dann würden sie generell beim Wort genommen. „Bei anderen Medien wäre das vielleicht anders.“

"Die Menschen verstehen nicht, dass wir etwas kosten"

Im Gegensatz zu den Online-Medien kosten die „Tuscaloosa News“ den Leser aber Geld. Als sich ein Klempner bei Michael James über die Kosten für die Zeitung beschwerte, fragte er ihn im Gegenzug, ob er nicht für Reparaturarbeiten bei ihm zu Hause vorbeikommen könne. Umsonst natürlich. „Die Menschen verstehen nicht, dass wir etwas kosten“, so James. „Ich habe das Gefühl, sie denken, dass sie das Recht auf eine kostenlose Zeitung haben, weil es ein Recht auf eine unabhängige Presse gibt.“ (Anm. d. Red.: Die Pressefreiheit wird in den USA im ersten Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika gewährleistet. Die unabhängige Berichterstattung wird oft als „Free Press“ bezeichnet. „Umsonst“ lässt sich ebenso mit dem Wort „free“ übersetzen.)

Trotzdem haben auch die „Tuscaloosa News“ inzwischen umgedacht. „Wir haben eine lange Zeit gebraucht, bis wir über die Einstellung hinweggekommen sind, Sachen für Print aufzusparen“, so James. „Das macht man heute einfach nicht mehr.“ Die Strategie insgesamt: „Wir versuchen, so viel wie möglich lokal selbst zu machen, und fokussieren uns auf Dinge, die die Leser woanders nicht bekommen können.“


Die „Tuscaloosa News“: Zahlen und Fakten

Die „Tuscaloosa News“ ist eine Tageszeitung mit einer Auflage von über 30 000 Exemplaren täglich (knapp 35 000 an Sonntagen), die Tuscaloosa und West-Alabama mit Nachrichten versorgt.

Die erste Ausgabe unter dem Namen „Tuscaloosa News“ wurde 1910 gedruckt.

Die Halifax Media Group hat die Zeitung im Jahr 2012 erworben und wurde drei Jahre später selbst von der New Media Investment Group übernommen. Davor hat die „Tuscaloosa News“ der New York Times Company gehört.

Die Zeitung hat zwei Pulitzer-Preise gewonnen. Den ersten Preis erhielt sie 1957 für ihre Berichterstattung über die Problematik der Rassentrennung an der University of Alabama, die sich in Tuscaloosa befindet.

Pulitzer-Preis Nummer 2 bekam die Zeitung für ihre Artikel nach dem Tornado-Ausbruch im April 2011, der weite Teile der Stadt verwüstete und zahlreiche Todesopfer forderte.