Schorndorf

Wird Schorndorf immer unsicherer?

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Edgar Hemmerich und Matthias Klopfer. © Ramona Adolf

Schorndorf. Noch sind entscheidende Fragen offen zur Schlägerei am Samstag – manche Leute aber haben ihre Schlüsse bereits gezogen: Schorndorf werde immer unsicherer, liest man in den sozialen Netzwerken. Stimmt das? Ein Gespräch mit Oberbürgermeister Matthias Klopfer und dem Ersten Bürgermeister Edgar Hemmerich.


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Erst die SchoWo, jetzt das: Dass viele Menschen eine Verbindung herstellen zwischen den Ausschreitungen im Sommer 2017 und einer Streiterei unter Jugendlichen mit bitterem Ende Anfang Juni 2018, ist naheliegend und verständlich. Und dass manche Leute daraus gleich die allergrundsätzlichsten Folgerungen ableiten – ha, da sehe man es, man könne sich nicht mehr auf die Straße trauen, und schuld dran seien, natürlich, die Flüchtlinge und die „gescheiterte Integration“ von Zuwanderern – nun gut, das war zu erwarten.

Der Mensch neigt dazu, das besondere Ereignis intensiver wahrzunehmen als den allgemeinen Befund, den spektakulären Fall emotionaler zu werten als die dürre Wahrheit der Statistik. Insofern ist es psychologisch nachvollziehbar, wenn Menschen die SchoWo-Ausschreitungen und den Streit vom Samstag als Symptome dafür deuten, dass etwas ins Rutschen geraten ist, dass „alles immer schlimmer“ werde. Nur: Liegen sie damit richtig?

"Nach wie vor eine äußerst sichere Stadt"

Matthias Klopfer holt das polizeiliche „Sicherheitslagebild für die Große Kreisstadt Schorndorf“ aus einer Kladde. Das Zahlenwerk verzeichnet für 2017 gut 2000 Kriminalitätsdelikte; weniger als 2016; weniger als 2015; weniger als 2014; etwa so viele wie 2013. Besonders beim Thema Diebstahl ist diese positive Entwicklung deutlich beobachtbar, und beim Spezialfall Wohnungseinbruchsdiebstahl ist die Tendenzwende nachgerade spektakulär: 65 Fälle im Rekordjahr 2014, nur noch jeweils rund 30 in den folgenden Jahren. Edgar Hemmerich folgert: „Wir leben nach wie vor in einer äußerst sicheren Stadt.“

Richtig ist allerdings auch: Bei der einfachen Körperverletzung sind die Zahlen zwar nicht drastisch, aber recht kontinuierlich angestiegen, von 167 Fällen im Jahr 2013 auf 238 Fälle im Jahr 2017. Bei der gefährlichen Körperverletzung sieht es ähnlich aus: 55 Fälle 2013, 75 Fälle 2017. Besonders prägend für das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung: Fälle von Gewalt im öffentlichen Raum: 100 Fälle 2013, 149 Fälle 2017. Gewalt in öffentlichen Verkehrsmitteln: 17 Fälle 2013, 32 Fälle 2017. Und auch dies sagt die Statistik: Die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen stieg von 269 im Jahr 2013 auf 392 im Jahr 2017.

Hemmerichs Befund lässt sich also differenzieren: Ja, Schorndorf ist nach wie vor sicher – aber es gibt Indizien, dass es unruhiger geworden ist in der Stadt, ruppiger.

Wochenends oft Lärm und Scherben bei der Künkelinschule

Und es gibt „neuralgische Punkte“, räumt Hemmerich ein – Gegenden, in denen öfters etwas passiert als andernorts. Der Bahnhofsvorplatz gehört dazu, vor allem in Sachen Drogenhandel – ein typisches Phänomen an S-Bahn-Endhaltestellen von Herrenberg bis Backnang. Am oberen Marktplatz rumort es immer wieder mal zur Nachtstunde. Und am Spielplatz bei der Künkelinschule, Schauplatz der Auseinandersetzungen vom Samstag, treffen sich regelmäßig „Gruppen von Jugendlichen“ und „trinken zu viel“, erzählt Klopfer. Die Spuren ihres Wochenend-Treibens – leere Flaschen, Scherben – müssen montags in der Frühe städtische Bedienstete wegräumen. Dass Anwohner sich über Lärmbelästigung beklagen, „verstehe ich“, sagt Klopfer. Nur: Das Areal einzuzäunen und abzusperren, würde das Problem nur verlagern, andere Treffpunkte würden sich etablieren.

Aufhebung des Alkoholverbots für Städte ein Ärgernis

Nicht hilfreich sei, dass die Landesregierung „auf Druck der Grünen“ das Alkoholverkaufsverbot ab 22 Uhr für Supermärkte und Tankstellen wieder aufgehoben hat. Diese Liberalisierung verstünden manche als Einladung, „rund um die Uhr zu saufen“, das sei „für alle Städte ein Ärgernis“.

Die Stadt Schorndorf hat auf all diese Phänomene bereits reagiert: Weil die Polizei unmöglich dauernd patrouillieren kann, sind „City-Streifen“ einer privaten Sicherheitsfirma im Einsatz; und nächstes Jahr nimmt ein kommunaler Ordnungsdienst die Arbeit auf.


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Zur Schlägerei

Wie viele der mutmaßlich etwa 60 Jugendlichen, die am Samstag bei der Künkelinschule waren, haben sich an Auseinandersetzungen beteiligt? Wer feuerte die Schreckschusspistole ab und verletzte zwei junge Syrer im Gesicht? Worum ging es bei dem Streit? Alles noch offen. Klopfer warnt vor vorschnellen Urteilen: Ob Flüchtlinge unter den Tätern waren, ist unklar – klar ist bisher nur, dass Flüchtlinge Gewalt erlitten. Dass sich erste Annahmen nicht immer halten lassen, zeige der Fall SchoWo. Nach derzeitigem Ermittlungsstand, sagt Klopfer, gelten als Hauptverdächtige, die damals mit Flaschenwürfen die Eskalation auslösten, zwei Deutsche, 16 und 20 Jahre alt.