Schorndorf

Wissenschaftsministerin Bauer übergibt Förderbescheid über 1,2 Millionen Euro

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Große Erwartungen ans „Reallabor Schorndorf“ haben der Direktor des Instituts für Fahrzeugkonzepte des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Prof. Dr. Ing. Horst E. Friedrich, Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, die den Förderbescheid überbrachte, Oberbürgermeister Matthias Klopfer, Baubürgermeister Andreas Stanicki und VVS-Geschäftsführer Thomas Hagenbacher. © Büttner / ZVW

Schorndorf. Dass der Bus nicht mehr nach einem reglementierten Fahrplan mit festen Haltestellen fährt, sondern dass er genau dann, wenn man ihn braucht, an den gewünschten Abholungsort kommt, das ist die Vision. Aus dieser Vision Realität in Form eines bedarfsorientierten Bussystems werden zu lassen, ist Ziel des auf drei Jahre angelegten „Reallabors Schorndorf“, das vom Land Baden-Württemberg mit knapp 1,2 Millionen Euro gefördert wird.

Am Montag war Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) in Schorndorf und hat im großen Sitzungssaal des Rathauses den Förderbescheid für das „Reallabor Schorndorf“ übergeben – an Oberbürgermeister Matthias Klopfer, an Baubürgermeister Andreas Stanicki und an den Direktor des Instituts für Fahrzeugkonzepte des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Prof. Dr. Ing. Horst E. Friedrich. Sie sei stolz auf das, was da als neues Format ins Leben gerufen worden sei, sagte die Ministerin mit Blick darauf, dass mit der engen Zusammenarbeit von Wissenschaft, Kommune und Zivilgesellschaft eine bislang ungewöhnliche und sehr risikofreudige Konstellation gewählt worden sei. Ziel des Reallabors müsse es sein, dass innerhalb des Reallabors Lösungen nicht nur zu Papier, sondern auf den Weg und in die Welt gebracht werden, sagte Theresia Bauer und machte deutlich, dass neue Techniken allein nicht ausreichten, sondern dass sie im gesellschaftlichen Kontext verstanden und wirksam werden müssten.

Und genau darauf ziele das Schorndorfer Projekt ab, das Busse und Nutzer über digitale Lösungen zusammenbringen wolle. Dass Schorndorf die sehr hohe Hürde der Antragstellung genommen hat und mit einem Reallabor zum Zug gekommen ist – insgesamt lagen dem Wissenschaftsministerium 32 Anträge vor–, erklärte die Ministerin damit, dass der Schorndorfer Antrag sehr ambitioniert und auf Anhieb so präzise gewesen sei, dass davon ausgegangen werden konnte, dass die im Reallabor erarbeitete Lösung in überschaubarer Zeit in die praktische Anwendung gehen kann. Derzeit wird davon ausgegangen, dass der Probebetrieb für ein bedarfs- und nutzerorientiertes Bussystem im letzten Quartal 2017 in den Probebetrieb gehen kann.

Schorndorf – exemplarisch für eine weit verbreitete Raumstruktur

Die Einschätzung der Ministerin, dass gerade Städte in der Schorndorfer Größenordnung schon an sich Zukunftslabore sind, teilten sowohl Oberbürgermeister Matthias Klopfer als auch Prof. Dr. Ing. Horst E. Friedrich, aus deren Sicht eine Mittelstadt wie Schorndorf im Ballungsraum Stuttgart exemplarisch ist für eine Raumstruktur, wie sie in Baden-Württemberg weit verbreitet und deren prägendes Merkmal der Pendelverkehr zwischen Zentrum und Umland ist. Merkmal, so Matthias Klopfer, ist aber ungeachtet aller im ÖPNV und vor allem durch die Neuordnung des Bussystems erzielten Verbesserungen, dass der ÖPNV oft als zu wenig flexibel und die Wege als zu umständlich empfunden werden. Und gerade da setzt das Reallabor an: Ein individuell abrufbares Quartiersbussystem soll die Hauptverkehrsverbindungen in Zeiten schwächerer Nachfrage flexibel ergänzen – auch bezüglich der Fahrzeuggrößen und der Antriebstechnologien. „Wir müssen den ÖPNV näher an die Bürger bringen“, sagte der Oberbürgermeister und verriet, wie es überhaupt zur Schorndorfer Bewerbung um ein Reallabor gekommen ist. Eines Tages ist ihm in Schorndorf ganz zufällig die Leiterin des Instituts für Verkehrsforschung beim DLR – sie hatte am Tag zuvor in der Daimlerstadt ihren Geburtstag gefeiert – über den Weg gelaufen. Und weil Klopfer die Professorin aus Studienzeiten am Geographischen Institut kannte – wobei auf Anhieb nicht er die Professorin, sondern sie ihn erkannt hat –, war’s nur ein kurzer Weg zum Vorschlag, ob sich nicht einmal ein gemeinsames Projekt von Stadt und DLR-Verkehrsabteilung in Angriff nehmen lasse.

Der Bus soll kommen, wo und wann man ihn braucht

Dass der Bus genau dann und genau dahin kommt, wo man ihn braucht, und dass der ver-appte Mensch den Bus nicht nur digital anfordern, sondern auch genau verfolgen kann, wo sich der – in etwas fernerer Zukunft dann völlig autonom und automatisiert fahrende – Bus gerade befindet, müsse zu einer Realität für ganz normale Menschen, und zwar jeder Altersklasse, werden, sagte Prof. Friedrich. Ein Grund, warum es sinnvoll sei, dieses Reallabor an den ÖPNV-Bedürfnissen eines Mittelzentrums wie Schorndorf, in der ungeachtet der Verdoppelung der Betriebsleistung weiterhin „ein Missverhältnis im zeitlichen Ablauf“ erkennbar sei, und nicht an einer Großstadt zu orientieren. Als ganz wichtiges Element des Reallabors hob der Institutsdirektor die Bürgerbeteiligung hervor. „Die Nutzer mit ihren Mobilitätsbedürfnissen werden einbezogen“, versprach der Professor und zitierte aus einer Präsentation von Projektleiter Matthias Klötzke: „Die Bürgerbeteiligung soll auch die Innovationskraft einer Stadtgesellschaft aufdecken und aktivieren.“ In einer Pressemitteilung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt wird das, was beim Reallabor herauskommen könnte, von Klötzke folgendermaßen beschrieben: „Da wir für das Quartiersbussystem auf feste Haltestellen, Linie und Fahrpläne verzichten, ergeben sich ganz neue Herausforderungen, zum Beispiel was die Kommunikation zwischen Fahrgast, Busfahrer und Leitstelle betrifft. Fahrgäste sollen per Smartphone-App, Heimcomputer oder Telefon ihre Fahrtwünsche übermitteln können. Auf der Empfängerseite benötigen Busfahrer und Leitstelle entsprechende Anwendungen und Nutzeroberflächen, um Fahrtenwünsche auszuwerten und umzusetzen.“ Und die Umsetzung soll, wie der auf Seiten der Stadt beim Projekt federführende Baubürgermeister Andreas Stanicki deutlich machte, möglichst rasch erfolgen: „Wir sind daran interessiert, praktisch etwas zu verändern, und zwar möglichst schon während des Prozesses.“

Der ÖPNV als Dienstleister

„Der ÖPNV muss sich wandeln in Richtung Mobilitätsdienstleister“, sagte VVS-Geschäftsführer Thomas Hachenberger, wohl wissend, dass das reale Problem außerhalb des Reallabors die störanfällige Infrastruktur bei der S-Bahn ist – mit natürlich direkten Auswirkungen auf den Busverkehr. Gleichwohl setzt auch Hachenberger große Erwartungen aufs Reallabor – erst recht in der Geburtsstadt Gottlieb Daimlers: „Der Erfindergeist von Gottlieb Daimler sollte auf dieses Projekt überspringen“, wünschte der Geschäftsführer.

Reallabore:

Das „Reallabor Schorndorf: Zukunftsweisender Öffentlicher Verkehr - Bürgerorientierte Optimierung der Leistungsfähigkeit, Effizienz und Attraktivität im Nahverkehr (BOOLEAN)“ – so die komplette Bezeichnung – ist eines von sieben Forschungsprojekten, die, gefördert vom baden-württembergischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, zukunftsfähige Lösungen für Herausforderungen in Ballungsräumen erproben.

In den Reallaboren, in denen zukunftsweisende Lösungen zur nachhaltigen Entwicklung in Ballungsräumen entwickelt werden sollen, stoßen Wissenschaftler zusammen mit Kommunen, der Wirtschaft und Bürgern Veränderungen in der Stadt an und untersuchen diese. Weitere vom Land geförderte Reallaborthemen sind unter anderem Einwanderung und demografischer Wandel, klimaverträgliches Wohnen, die Digitalisierung des Alltags und weitere Mobilitätsprojekte.

Insgesamt fördert das Wissenschaftsministerium die Reallabore mit acht Millionen Euro.

Beim Schorndorfer Reallabor wollen die Forscher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) gemeinsam mit dem Zentrum für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung (ZIRIUS) der Universität Stuttgart, der Hochschule Esslingen, der Stadt Schorndorf, dem Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) sowie Knauss Linienbussen in den nächsten drei Jahren schrittweise ein Buskonzept der Zukunft entwickeln, in einem Pilotversuch umsetzen und auswerten.