Schorndorf

Wodka, Diesel und Schläge mit der Faust

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Zwei einschlägig vorbestrafte Männer – der eine zudem gerade auf der Flucht vor einer Haftstrafe – verprügeln im betrunkenen Zustand einen Schüler. Was in der Anklage noch so eindeutig klingt, wird im Laufe der Verhandlung immer verworrener. Verurteilt werden die beiden Angeklagten trotzdem. Versuch einer Rekonstruktion jener Nacht, an die sich jeder anders erinnert.

In den letzten 30 Jahren hat Sascha T. (alle Namen geändert) einige falsche Entscheidungen getroffen: nach dem Hauptschulabschluss keinen Beruf erlernt, früh Schulden angehäuft, Heroin und zuletzt zwei Flaschen Wodka am Tag konsumiert. Er ist dabei immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten: Diebstähle, Körperverletzungen, Leistungserschleichung, Urkundenfälschung oder das Fahren ohne Führerschein, aber mit reichlich Promille stehen in seinem Vorstrafenregister.

Mehrmals saß Sascha T. deshalb schon im Gefängnis. Vergangenes Jahr im Herbst hätte er wieder mal eine Haftstrafe antreten müssen, tauchte aber unter, schlief bei Freunden und Bekannten. Auch am Abend des 17. September befand er sich noch auf der Flucht.

Der Vorwurf lautet auf gemeinschaftliche Körperverletzung und Bedrohung

Laut Anklage soll er an diesem Abend zusammen mit seinem Mitangeklagten Vitali S. am Schulzentrum Grauhalde einen Jugendlichen geschlagen und getreten haben. Anschließend sollen sie dann das Opfer verfolgt und mit Waffen bedroht haben. Der Vorwurf lautet auf gemeinschaftliche Körperverletzung und Bedrohung.

Das sei nicht richtig, sagt Sascha T., der sich wegen anderer Vergehen seit November 2015 in Haft befindet. Das ist seine Version des Abends: Den ganzen Tag habe er bereits Wodka getrunken, ein Bekannter (von dem beide Angeklagten nur den Vornamen kennen wollen) habe ihn und den Mitangeklagten abends mit dem Auto mitgenommen.

Bei der Gottlieb-Daimler-Realschule habe er dann pinkeln müssen, sei ausgestiegen und dort auf eine Gruppe Jugendlicher getroffen. Man sei ins Gespräch gekommen, habe zusammen Wodka getrunken. Und irgendwann sei dann der Mitangeklagte Vitali S. und der Freund mit dem Auto dazugestoßen. Aus heiterem Himmel seien dann zwei der Jugendlichen auf seinen Freund los, hätten Stock und Messer gehabt. Er sei in der Situation auf Abstand gegangen, bis der Freund mit dem Auto die beiden aus der Situation rettete. „Ich weiß nicht, wie das alles eskalierte.“

Diskussion um Putin und Merkel ...

Dass Sascha T. an der Schlägerei nicht beteiligt gewesen sein soll – das sagt auch sein Mitangeklagter, der wegen Körperverletzung, Unterschlagung, Diebstahl sowie Fahren ohne Fahrerlaubnis und im betrunkenen Zustand vorbestraft ist. Der stämmige 31-Jährige, dessen Frau schwanger ist und der einen festen Job in Aussicht hat, nennt eine politische Diskussion als Grund für die Eskalation. Er habe etwas provozierend über Merkel und Putin geredet, woraufhin er von mehreren Jugendlichen, seiner Erinnerung nach dunkelhäutig, eingekreist worden sei.

Die hätten ihn dann geschubst, weshalb er dem Geschädigten Robert H. einmal ins Gesicht geschlagen habe. Dann sei er aus Angst zusammen mit Sascha T. zum Auto gerannt und verfolgt worden. „Da lagen Holzstücke, die habe ich dann in die Hand genommen, um sie zu erschrecken. Dann sind sie umgedreht.“

An eine politische Diskussion kann sich Robert H., der an dem Abend Prellungen sowie eine Platzwunde im Gesicht davontrug, nicht erinnern. Der heute 18-Jährige habe an dem Abend mit Freunden in den Geburtstag seiner damaligen Freundin hineingefeiert. Irgendwann seien dann die Angeklagten dazugestoßen, man habe miteinander getrunken.

... oder Dieselangebot als Ursache

Stein des Anstoßes sei vielmehr gewesen, dass ihm Sascha T. verbilligten Diesel andrehen wollte. Weil er dies aber vehement abgelehnt habe, sei er unvermittelt mit Faustschlägen traktiert worden, gegen die Fahrertüre eines geparkten Autos geknallt und auf den Boden gefallen. Dort habe er dann Fußtritte von links und rechts bekommen. Die beiden Angeklagten seien daraufhin geflüchtet und hätten noch vom Auto aus mit Gegenständen auf ihn gezielt. Ob es sich um eine Waffe gehandelt habe, daran konnte er sich nicht mehr zweifelsfrei erinnern. „Das ist alles schon so lange her.“ Dunkelhäutige Jugendliche, da ist er sich ganz sicher, seien aber nicht dabei gewesen.

Auch seine damalige Freundin kann sich vor Gericht nur schemenhaft an den Geburtstagsabend erinnern. Gesehen habe sie, die zur Tatzeit im Auto saß, nicht, wer da zugeschlagen habe. Zu verängstigt sei sie zudem gewesen, habe geweint. Dass die Angeklagten aus dem Auto mit Schwert und Pistole auf die Gruppe gezielt hätten, das will sie aber eindeutig gesehen haben.

Das wiederum verneint der Fahrer des Autos vor Gericht mit ziemlicher Sicherheit. Die Freundin des Geschädigten habe sich die ganze Zeit im Auto befunden und von dort aus wohl kaum sehen können, was die beiden Angeklagten in der Hand gehabt hätten. Den ersten Schlag habe auch er nicht genau gesehen. Zu dem Zeitpunkt sei er auf der anderen Seite des Autos gestanden, „plötzlich gab es Schreie und ein ziemliches Chaos“. Als er zum Tatort kam, sei Robert H. bereits auf dem Boden gelegen. Die zwei Angeklagten seien daraufhin weggerannt – und er hinterher. Aus der Ferne hätten sie dann aus dem Auto heraus noch einen Gegenstand gezückt, „davon waren aber nur Umrisse erkennbar.“

Trotz dieser nicht sehr klaren Sachlage hält die Staatsanwaltschaft die Tat für eindeutig nachgewiesen und fordert für den bereits in Haft sitzenden Sascha T. eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten sowie eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und einem Monat für Vitali S.

Zweifel an Zeugenaussagen

Der Anwalt von Sascha T. sieht das ganz anders: Die Zeugenaussagen reichten nicht aus, die Verletzungen seien nicht so schwerwiegend – und warum die Situation eskalierte, das sei nicht zweifelsfrei erwiesen. Weshalb er für seinen Mandanten Freispruch fordert. Sein Mandant räume den Schlag ein, sagte hingegen der Anwalt von Vitali S., der die Zeugenaussagen für nicht konsistent hält, die Körperverletzung als einfach ansieht und darum acht Monate auf Bewährung für seinen Mandanten fordert.

Das Amtsgericht schließt sich, trotz aller Inkonsistenzen, dann weitestgehend der Sicht der Staatsanwaltschaft an – und verurteilt Sascha T., auch in Anbetracht der vielen Vorstrafen, zu einer Haftstrafe von zehn Monaten. Den mitangeklagten Vitali S., dem es eine gute Sozialprognose attestiert, verurteilt das Gericht zu einer Bewährungsstrafe von zehn Monaten.