Schorndorf

Wolfgang Ambros unplugged in der Künkelin-Halle

Wolfgang Ambros
Der Mensch Ambros schält sich minimalistisch gestützt nur noch nackter aus dem Sound. © ZVW/Alexandra Palmizi

Schorndorf. Darf das sein, das Idol unserer Jugend geht am Stock? Wolfgang Ambros humpelt auf eine Krücke gestützt Richtung kommoden Barhocker, den er für die zweieinhalb Stunden Auftritt nicht mehr verlassen wird. Seit einem Sturz ist dieser Bursch und Kraftlackel und Weiberhinterhersteiger ein Schatten seiner selbst. Körperlich. Das Konzert muss unplugged und sitzend vonstattengehen, die alte Statur und innere Größe sitzen ihm freilich wie eh und je.

Es geht ein gelindes Raunen durch die Reihen, als der 69-Jährige seine ersten Schritte auf die Bühne macht. Die ganze erste Hälfte ist die Stimmung im Saal abwartend. Neben sich hat er das dickbauchige Weinglas, aus dem er nicht gerade kleine Schlucke nimmt. Wolfgang Ambros heute, das könnte heißen, dass hier ein Mann zu seinen Liedern greift wie ein orthopädisch Versehrter zu Ibuprofen.

Wir müssen uns nicht sorgen, konzerterlebnismäßig, reduziert auf eine Akustische und ohne Schlagzeug, aber mit Starqualitäten behaftete Seitenmännern an den Gitarren, am Keyboard und an der Quetsche, ist der Eindruck ein noch intensiverer. Der Mensch Ambros schält sich solchermaßen minimalistisch gestützt nur noch nackter aus dem Sound.

Die spindeldürren Beine tragen ihn kaum mehr

Die spindeldürren Beine tragen ihn kaum mehr, der fast im Rollstuhl gelandet wäre. Aber das Konzept, Rock als Herzensangelegenheit, die wird niemals auf dem Zentralfriedhof landen. Dies Ambros-Kult erzeugende Stück spielen sie zuletzt. Zuallerletzt aber „Skifoan“. Und wie sich diese beiden Nummern im Arrangement anschleichen, rumpelnd-humpelnd, hundsgemein einschmeichelnd mit den ersten Takten, das gehört halt auch zu dieser Lebensleistung. Da ist und bleibt einer größer als das Leben selbst.

Zu schnell ist man ja zur Stelle mit dem Wort „Schmäh“, wenn es um eine spezifische Befindlichkeit von Wienern geht, allemal die bessere Hälfte der Österreicher. Man beobachte es an den Wahlergebnissen. Wer Ambros zweieinhalb Stunden hört, der bekommt eine Ahnung, was über diesen so verdammt süffigen Dialekt hinaus Schmäh bedeutet.

Ein Block mit Liedern beschäftigt sich mit der Midlife-Krise

Eben vor allem die Schmähung und die mal liebe, dann wieder weniger liebe Ironisierung seiner selbst. Der altersweise Ambros versteht sich darauf noch besser. Da heißt es in neueren Songs, das sei eine schreckliche Tendenz, das mit der Demenz. „So a Demenz kommt mit Vehemenz“. Aber bitte, „nicht weinen, es is eh schon wurschd“. Bittschön: „Wenn ihr des nimmer höra wolld, dann müssd ihr’s sagen.“

Ein Block mit Liedern beschäftigt sich mit der Midlife-Krise. Selbstzweifel sind ein unerschöpflicher Quell. Er will mit einem Lied verhandeln, wie das Gute zu dem Schönen steht. Und kommt zum Schluss: „Der Gute kann ja nicht schön sein und umgekehrt.“

Da ist das Nie-ganz-Zufriedensein

Lachen verbietet er sich, allenfalls kommt es als sich mokierendes Meckern. Wir überlegen uns dann, ob die Steelguitar auf den Oberschenkeln des Gitarristen sich verhält wie zu einer verbluesten Zither. Da ist das Nie-ganz-Zufriedensein. „Du bist irrsinnig gut, aber du kannst viel besser sein.“

Wahrscheinlich ist es das, was wir an der FPÖ und an der AfD ums Verrecken nicht aushalten. Diese totale Unfähigkeit zur Selbstwahrnehmung als ein sich infrage zu stellendes Subjekt. Ambros hat übrigens unlängst in der Süddeutschen Zeitung abgekotzt über die Verhältnisse in seinem Land. Im Konzert gibt es darauf keinerlei Hinweis. Denn so, wie er das Private verhandelt, ist es allemal politisch.

 


Konstantin Wecker

„Poesie und Musik können vielleicht die Welt nicht verändern, aber sie können denen Mut machen, die sie verändern wollen.“ Dies ist und bleibt der Wunsch des großen Liedermachers Konstantin Wecker. Er tritt am Mittwoch, 23. Oktober, ab 20 Uhr mit seinem Programm „Solo zu zweit“ in der Barbara-Künkelin-Halle in Schorndorf auf. Einlass ab 19 Uhr, Saalöffnung ab 19.30 Uhr.