Schorndorf

Wolfgang Gründinger, der Jugendlobbyist

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© Axel Schmidt

Remshalden. „Kinderarmut ist heute ein wesentlich gravierenderes Problem als Altersarmut“, sagt Wolfgang Gründinger. „Aber darum kümmert sich keine Talkshow!“ Er nennt sich Generationen-Erklärer und gilt als oberster Lobbyist der jungen Generation. Am 22. Februar ist er zu Gast bei einem Demografie-Forum der Fachkräfteallianz Rems-Murr in Remshalden.

Herr Gründinger*, Sie sind 32, die Süddeutsche Zeitung hat Sie den „obersten Lobbyisten der jungen Generation“ genannt. Wann ist man alt, wie lange ist man noch jung?

Schwer zu sagen. Bei der SPD oder der CDU gilt man bis 35 als „jung“, bei den Wirtschaftsjunioren bis 40, im Bundestag wird man mitunter noch mit 50 als „Nachwuchshoffnung“ gehandelt. Alter ist relativ, und auch wer laut Kalender schon zu den älteren Semestern gehört, kann im Herzen noch jung sein. Umgekehrt sind so manche Jungpolitiker vom Parteiapparat schon so geprägt, dass sie in ihrer Sprache und ihrem Auftreten von den älteren gar nicht mehr zu unterscheiden sind.

Der jung verstorbene JU-Vorsitzende Missfelder hat in seinen jungen Jahren 80-Jährigen kein neues Hüftgelenk gegönnt – allenfalls denjenigen, die sich die OP privat leisten können. Hatte er recht?

Auch heute Junge werden später mal alt sein. Bei Leistungskürzungen, die mit Generationengerechtigkeit begründet werden, muss man daher alle Vorsicht walten lassen. Übrigens: Mit der Senioren-Union hat sich Missfelder sehr gut verstanden. Gemeinsam mit Otto Wulff, dem Chef der Senioren-Union, ist er durchs Land getourt und hat sich die Unterstützung der Alten gesichert. Ohne die Alten hätte er keine Karriere machen können.

Sie sprechen von „Alte-Säcke-Politik“ und schlussfolgern, dass Politik gegen die Alten eine Anleitung zum politischen Selbstmord ist. Wer vertritt überhaupt die Interessen der Jungen?

Im Moment gibt es leider zu wenige Anwälte der jungen Generation. Die Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen, bei der ich engagiert bin, wirft die Stimme der Jungen in die Waagschale.

Warum springen junge Menschen nicht mehr auf die Rezepte von CDU, SPD oder auch den Grünen an?

Das ist so pauschal falsch. Gerade nach Trump und Brexit entdecken immer mehr Junge die Parteien als Engagementfeld wieder. Dennoch sind die Parteien zu grauhaarig: Die Hälfte aller SPD- und CDU-Mitglieder sind über 60 Jahre alt. Viele Themen wie Digitalisierung, Schule oder Rente werden daher auch aus der Perspektive der Älteren diskutiert und entschieden, obwohl doch gerade hier die Stimme der Jungen wichtig wäre.

Wie können die unterschiedlichen Werte und Prioritäten von Alt und Jung in Einklang gebracht werden?

Konflikte zwischen Jung und Alt sind ganz normal. Es wäre seltsam, wenn es immer nur harmonisch zugehen würde. Wir müssen aber überlegen, wie man damit umgeht, dass die wachsende politische Macht der Alten die wenigen und schwach organisierten Jungen ausbootet. Ich plädiere daher für ein Wahlrecht für junge Menschen sowie für Jugendquoten beispielsweise auf den Landeslisten der Parteien. Grundsätzlich brauchen wir aber vor allem die offenen Ohren der Älteren, die leider nicht immer bereit sind, zuzuhören.

Kann der Klimawandel auch als ein Generationenkonflikt interpretiert werden? Nach dem Motto: Wir, die Alten, zerstören die Lebensgrundlagen der Jungen.

Da sind wir alle leider fleißig dabei, den künftigen Generationen die Lebensgrundlage zu zerstören. Die Bürgerproteste gegen die Energiewende, gegen Stromleitungen und Windräder, werden allerdings tatsächlich von den Alten dominiert, wie das Institut für Demokratieforschung an der Uni Göttingen herausgefunden hat.

Gibt es überhaupt „Die Jungen“ und „Die Alten“? Stimmen nicht vielmehr die Interessen von armen Jungen und armen Alten weit mehr überein, so wie sich Reiche, egal ob jung oder alt, einig sind, nichts abgeben zu wollen?

Freilich sind die Generationen in sich sehr heterogen, ja, so bunt und vielfältig wie nie zuvor. Dennoch gibt es bestimmte strukturelle und teilweise ganz konkrete gesetzliche Benachteiligungen, es gibt unterschiedliche Zugänge zu Macht und Ressourcen. Interessanterweise wird diese Frage nur in der Generationendebatte gestellt, um die Jungen zu beschwichtigen. In der Debatte um die Frauenquote oder um die Lohngleichheit für Frauen habe ich noch nie gehört: Es gebe doch gar nicht „Die“ Frauen, das sei doch nur ein Scheinkonflikt, um von den Kämpfen Arm gegen Reich abzulenken. Dieses Argument wird nur bei der Generationengerechtigkeit vorgebracht, um die Debatte abzuwürgen.

Der Generationenkonflikt wird – auch von Ihnen – angefeuert mit dem Argument, dass immer weniger Junge den immer größeren Massen an Alten die Rente bezahlen und sich der Deal für Junge am Ende nicht lohnt. Die Alternative hieße doch: kapitalbasierte Rente. Angesichts von Nullzinsen und regelmäßigen Abstürzen auf den Finanzmärkten keine gute Idee. Oder?

Ich befeuere gar nichts. Der Verteilungskonflikt ist ja objektiv da, und den darf man doch nicht totschweigen. Das Rentenpaket kostet jährlich rund zehn Milliarden Euro. Dazu kommt noch die Ost-West-Rentenangleichung, die weitere vier Milliarden im Jahr kostet. Von beiden Reformen haben die Jungen gar nichts, im Gegenteil: Sie zahlen drauf, und bekommen im Alter noch weniger Rente – und das, obwohl die Beiträge ohnehin schon steigen und das Rentenniveau ohnehin schon sinkt. Zugleich handelt der Staat bei Kinder- und Familienförderung oder bei Bildung immer sehr spät, zäh, inkonsequent. Für die Kindergelderhöhung hatte man nur knauserige 400 Millionen übrig, und das geplante Kita-Programm ist wegen Geldmangels auf Eis gelegt worden. Das sind doch bitte die falschen Prioritäten. Kinderarmut ist heute ein wesentlich gravierenderes Problem als Altersarmut, aber darum kümmert sich keine Talkshow. Und das hat überhaupt nichts damit zu tun, ob man nun Kapitaldeckung braucht oder nicht. Es geht hier um faire Verteilung knapper finanzieller Mittel. Und hier gingen die Jungen immer wieder leer aus.

Heißt die schlichte Alternative zum demografischen Wandel: Rentenkürzung?

Die Renten dürfen ja gar nicht gekürzt werden. Das besagt die 2005 eingeführte Rentengarantie. Daran kann man gerne festhalten, denn in einer reichen Gesellschaft sind armutsfeste Renten ja durchaus finanzierbar. Den Alten von morgen wird es materiell bessergehen als den Alten von heute. Probleme gibt es aber bei Geringverdienern und Erwerbsgeminderten, die stärker als heute von Altersarmut betroffen sein werden. Hier muss man mit Solidarrenten zur Hilfe kommen.

Sie haben vor dem Bundesverfassungsgericht Widerspruch gegen die Bundestagswahl 2013 eingelegt, weil Kinder und Jugendliche vom Wahlrecht ausgeschlossen waren. Ab wann sollen Jugendliche wählen dürfen? Ab 5, ab 8 oder erst ab 14?

Jeder Mensch braucht eine Stimme, egal wie alt oder jung dieser Mensch ist. Dieses Prinzip wird heute fundamental verletzt. Ich finde: Sobald ein junger Mensch wählen möchte, sollten wir ihm dieses Recht nicht weiter pauschal verweigern. Ab wann, ab 9 oder 12 oder 16 Jahren, ist ihm selbst überlassen. Es gibt ja auch nach oben keine Altersgrenze. 114-Jährige sollten genauso wählen dürfen wie 14-Jährige.

Auf dem Arbeitsmarkt gilt oft das Senioritätsprinzip. Je älter, desto höher der Lohn. Was ist falsch daran, die Erfahrung älterer Mitarbeiter zu belohnen? Was ist falsch daran, ältere Mitarbeiter vor Kündigungen besser zu schützen als jüngere Kollegen/-innen, deren Chancen größer sind, wieder einen Job zu bekommen?

Gleiche Arbeit ist auch gleichen Lohn wert. Die EU-Antidiskriminierungsrichtlinie und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verbieten daher zu Recht Löhne, die sich am Lebensalter festmachen. Erfahrung alleine ist kein Qualitätsmerkmal. Ich zweifle sehr daran, dass beispielsweise ein 60-jähriger Lehrer besser ist als ein 25-jähriger Lehrer. Wir brauchen höhere Einstiegsgehälter, die dann dafür im Verlauf des Arbeitslebens etwas sanfter ansteigen. Sonst wird die Lohnlücke zwischen Alt und Jung noch stärker auseinanderklaffen. Genauso beim Kündigungsschutz: Junge Menschen müssen eine Existenz aufbauen, eine Wohnung finden, eine Familie gründen. Sie bräuchten einen genauso guten Kündigungsschutz wie die Alten.

Sie sind Anhänger der Kirche des fliegenden Spaghettimonsters und praktizieren diesen Glauben durch rituelles Pastakochen. Ähnelt unsere Gesellschaft und die ganze Welt nicht einem verschlungenen Berg gekochter Spaghetti, in dem wir uns einfach nicht mehr zurechtfinden?

(lacht) Spaghetti sind allerdings sehr lecker und machen satt und glücklich. Die momentane Lage der Welt macht mich dagegen besorgt und verzweifelt. Ich glaube, es würde allen guttun, öfter mal zusammen Spaghetti zu essen und Wein zu trinken – dann hätten sie vielleicht weniger Zeit und Lust, die Welt mit Hass und Frust zu überziehen. Aber das ist wohl ein naiver Wunsch.

* Die Fragen an Wolfgang Gründinger stellte unser Redaktionsmitglied Martin Winterling.