Schorndorf

Zehn Jahre Al-Anon-Gruppe Schorndorf: Was Angehörigen von Alkoholikern hilft

Alkoholsucht
Weil Alkoholsucht nicht nur die Betroffenen, sondern die ganze Familie betreffen kann, tauschen sich auch in Schorndorf Angehörige in einer Al-Anon-Familiengruppe aus. © Axel Bueckert/stock.adobe.com

Weil er Probleme mit dem Trinkverhalten seiner Frau hatte, ist Stefan zur Al-Anon-Familiengruppe gekommen. „Ich dachte, ich bin der ärmste Hund“, sagt er heute – und dachte damals: Wer hat schon eine Frau, die säuft? In der Gruppe hat er dann Menschen wie Carla, Lilly und Bettina getroffen, denen es genauso ging wie ihm – und die irgendwann kapiert haben, dass keine Situation hoffnungslos ist, und es für sie nicht nur die Opferrolle gibt, sondern Zufriedenheit und Glück, unabhängig davon, ob der Partner, die Mutter oder der beste Freund nun trinkt oder nicht.

Da bei Al-Anon Anonymität großgeschrieben wird und nicht nach außen dringen soll, worüber bei den Treffen geredet wird, sind auch hier nur Vornamen zu lesen und auch diese geändert. Doch der Selbsthilfegruppe, die seit zehn Jahren in Schorndorf einmal die Woche im Gemeindezentrum der Versöhnungskirche zusammenkommt, ist es wichtig, vom großen Nutzen der Meetings zu berichten, an denen manchmal bis zu 20 Betroffene aus der ganzen Umgebung teilnehmen.

Zwölf Schritte auch für Angehörige von Alkoholikern

Hier haben sie nicht nur gelernt, über ihre Probleme zu sprechen und einander zuzuhören, sondern vor allem, ihre Einstellung zu ändern. So wie Carla, die immer dachte, dass sie erst zur Ruhe kommen kann, wenn ihre Mutter aufhört zu trinken. 25 Jahre lang war sie in Psychotherapie, hat sich immer für ihre Mutter geschämt, sich ihren eigenen Kindern gegenüber schlecht gefühlt, war freudlos, viel zu streng in der Erziehung, hat sich als streitsüchtig und gewalttätig in Erinnerung. Geholfen haben ihr letztendlich die regelmäßigen Treffen der Al-Anon-Gruppe und das Programm, das auf den Zwölf Schritten der Anonymen Alkoholiker basiert (siehe Infobox). Durch die Berichte der anderen und die Biografiearbeit hat sie verstanden, dass sie nicht die Probleme ihrer Mutter, sondern ihre eigenen angehen muss. Als sie – auch mit dem Rückhalt aus der Gruppe – erkannt hat, dass nicht nur ihre Mutter, sondern sie selbst krank ist, konnte sie irgendwann Frieden schließen. Eine Erfahrung, die Stefan, der im Leben schon einige Schicksalsschläge einstecken musste und seit vielen Jahren von den Treffen profitiert, für sich so auf die Reihe gebracht hat: „Ich bin nicht für alles zuständig und verantwortlich.“

So sieht es auch Bettina, die irgendwann die Entscheidung getroffen hat, „ich guck meine Straßenseite an und stehe dafür ein“. Sie kam erst über Umwege zur Al-Anon-Gruppe: Lange hatte sie das Gefühl, dass in ihrem Leben etwas schief läuft, hat Erlösung im Feminismus und im Tibetischen Buddhismus gesucht – und sie letztendlich in der Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alkoholkranken gefunden. Erst mit den Jahren, sagt sie, habe sie realisiert, dass ihre ganze Familie Alkohol als Krücke nutzt. Mittlerweile hat sie gelernt, die Person von der Krankheit zu trennen und nach dem Grundsatz zu leben: „Den Menschen lieben und die Krankheit hassen.“

Al- Anon: Lebensprogramm und Friedensarbeit für alle

Auch Lilly, die lange nur noch um ihren alkoholkranken Mann gekreist ist und in ihrer Co-Abhängigkeit an einem Tiefpunkt angelangt war, ist überzeugt von den Zwölf Schritten und dem damit verbundenen Lebensprogramm. Eigentlich, sagt sie, sollten alle in Al-Anon-Gruppen gehen, mit Groll- und Angstlisten Inventur im eigenen Leben machen – und damit Friedensarbeit leisten.

Davon ist auch Stefan überzeugt: Und dabei konnte er anfangs mit den Zwölf Schritten gar nicht viel anfangen. Für seinen Geschmack war dort viel zu oft von Gott die Rede. Nach und nach hat sich seine Sichtweise verändert. Auch, weil er den großen Nutzen der Zwölf-Schritte-Gruppe erkannt hat, die sich zwar in der Versöhnungskirche trifft, sich aber als überreligiös versteht: Hier sind alle gleich, alle formen die Meetings mit, es gibt keine klugen Ratschläge, keine vermeintlichen Experten und keine Gruppenleitung – dafür jede Menge Profis, weil alle erlebt haben, wie es ist, einen Alkoholkranken in der Familie zu haben.

Darum haben sie auch ein Problem damit, dass das Trinken von Alkohol von der Gesellschaft heruntergespielt wird. Dass das der falsche Weg ist, zeigen allein die weltweit 24 000 Al-Anon-Gruppen für Angehörige von Alkoholkranken in 133 Ländern. Die erste Gruppe entstand vor mehr als 70 Jahren in den USA aus den Anonymen Alkoholikern heraus. Damals erkannten Familienangehörige von Problemtrinkern, dass sie selbst Hilfe brauchten, weil die Krankheit oft die ganze Familie betrifft. Die erste deutsche Al-Anon-Gruppe wurde 1967 in Mülheim an der Ruhr gegründet. Die Schorndorfer Gruppe, die es seit 2011 gibt, hat bisweilen 20 Teilnehmende. Heute gibt es allein in Deutschland an die 500 Gruppen – und weltweit etwa 2300 Alateen-Gruppen für Jugendliche. Diese große Netzwerk hat den Vorteil, dass Angehörige von Suchtkranken sogar im Urlaub an Treffen von Al-Anon-Gruppen teilnehmen können.

Info

Die Schorndorfer Al-Anon-Gruppe für Angehörige trifft sich freitags von 17 bis 18.15 Uhr in der Jakob-Degen-Straße 34. Die Anonymen Alkoholiker treffen sich montags – auch an Feiertagen – während der Schulzeit von 18 bis 19 Uhr und in den Ferien von 20 bis 21 in der Jakob-Degen-Straße 34. Kontakt-E-Mail: aa.schorndorf@gmail.com,0176/63369251.

Weil er Probleme mit dem Trinkverhalten seiner Frau hatte, ist Stefan zur Al-Anon-Familiengruppe gekommen. „Ich dachte, ich bin der ärmste Hund“, sagt er heute – und dachte damals: Wer hat schon eine Frau, die säuft? In der Gruppe hat er dann Menschen wie Carla, Lilly und Bettina getroffen, denen es genauso ging wie ihm – und die irgendwann kapiert haben, dass keine Situation hoffnungslos ist, und es für sie nicht nur die Opferrolle gibt, sondern Zufriedenheit und Glück, unabhängig davon, ob

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