Schorndorf

Zeichen gegen Gewalt: Friedenskerzen an der Stadtkirche

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Vor der Stadtkirche zünden die Teilnehmer, überwiegend Mütter mit Kindern, Friedenskerzen an. © Ramona Adolf

Schorndorf. In Udo Lindenbergs Lied fragt ein zehnjähriger Junge, „wozu sind Kriege da?“ Lia, fünf Jahre alt, hat ihrer Mutter Natascha Claus vor ein paar Tagen eine ähnliche Frage gestellt. „Wieso sind manche Menschen böse?“, wollte sie unter anderem wissen. „Puh. Da musste ich erst mal durchatmen“, sagt Natascha Claus. Dann hatte sie eine zündende Idee. Sie organisierte über die sozialen Medien eine Aktion: Friedenskerzen vor der Stadtkirche.

Auf den Stufen vor der Kirche versammeln sich am Montagabend um 18 Uhr knapp 40 Menschen, überwiegend Mütter oder Omas mit Töchtern, Söhnen und Enkelkindern, aber auch einige Frauen und Männer, die über Facebook von der Aktion von Mitinitiatorin Natascha Claus erfahren hatten. Sie wollen ein Zeichen setzen. Gegen oder für etwas? „Wir wollen zeigen, dass wir an das Gute im Menschen glauben“, sagt die Mutter, ein Zeichen der Hoffnung setzen, das den Kindern Mut machen soll.

Ihre „kleine Maus“ habe kürzlich bei einem Abendessen „lauter Fragen über die Welt“ gestellt: Wieso gibt es Krankheiten? Wieso sind manche Menschen böse? Wieso haben manche Menschen kein Essen und Trinken? Dazu kamen die Nachrichten über terroristische Anschläge in Deutschland und die Situation in der Türkei. Wie wollen sie das alles einem Kind erklären, fragte sich wohl nicht nur Natascha Claus. Eine andere Mutter klinkt sich ins Gespräch ein. Sie versuche, ihren jungen Kindern derlei schreckliche Schlagzeilen zu ersparen. Für derlei seien sie noch zu jung, urteilt sie. Natascha Claus stimmt zu. Doch würden Kinder viel aufschnappen.

Die fünfjährige Lia hakt nach, weil sie es nicht verstehen kann und will

Sie versuchte, ihrer Tochter zu erklären, dass es eben böse Menschen gebe. Doch Lia hakte nach: „Warum gibt es denn böse Menschen?“ Wie kann frau einem kleinen Kind begreiflich machen, dass sich Selbstmordattentäter inmitten von Menschengruppen in die Luft jagen? „Nach einigen Erklärungen bin ich auf die Idee gekommen, wir könnten doch eine Friedenskerze kaufen und sie in Schorndorf aufstellen. Meine Tochter fand die Idee super.“ Sie wollte der Hoffnung Ausdruck verleihen, „dass sich die Menschen wieder lieberhaben“ und dieses den Kindern sichtbar machen. „Von nichts kommt nichts“, sagt Natascha Claus. „Ob ich der Meinung bin, dass es etwas bringt? Das weiß ich nicht. Aber ich möchte nicht mehr zuschauen und daheim Däumchen drehen“, zeigt sie sich kämpferisch.

Ihre Idee habe sie auf Facebook verbreitet und viel Zuspruch erhalten. Und so läuten um 18 Uhr die Kirchenglocken und Kinder und Mütter zünden Kerzen an, von denen einige am Dienstagmittag noch brennen. „Das Zeichen ist gesetzt. Definitiv wiederholungswürdig“, schreibt Christian Seiler auf Facebook. Eine Teilnehmerin erinnert sich an ähnliche Aktionen vor knapp 30 Jahren, als sich regelmäßig Schorndorfer auf dem Marktplatz trafen, um ein stilles Zeichen gegen Kriege und Gewalt zu setzen. Damals wurde im Irak gekämpft. Eine derartige Eigendynamik erwartet die junge Mutter allerdings nicht. Es sei nicht geplant, jede Woche Kerzen anzuzünden. Sie will abwarten, wie ihre Aktion ankommt. Teilnehmerin Maria Theil hätte sich gewünscht, dass mehr Kerzen leuchten, „bei so viel Leid, das man in der Welt hat“. Die Menschen müssten mehr miteinander sprechen.

Das Leben sei zu kurz, um es mit Krieg und Gewalt zu vergeuden

Sie spannt einen weiten Boden, spricht über die Vorkommnisse in der Türkei und über Flüchtlinge, Stichwort Ansbach. Dort hatte ein Syrer einen Bombenanschlag verübt. Man dürfe jetzt nicht von diesem Syrer auf alle Flüchtlinge schließen, müsse aber zur Kenntnis nehmen, dass es eben ein Flüchtling war. Sie deutet die kleinen Flammen auf den Stufen der Kirche als Zeichen „für mehr Frieden in der Welt“. Das Leben sei doch viel zu kurz, um es mit Krieg und Gewalt zu vergeuden.

Natascha Claus sieht die Aktion als „Gedankenanstoß“. Man müsse trotz der jüngsten Ereignisse „an das Gute im Menschen glauben, auch wenn es schlechte Nachrichten gibt“. Sie will deutlich machen, dass sie sich nicht abschrecken lasse. Der Nachwuchs solle sehen, dass die Teilnehmer etwas tun. Aber einen gewissen Respekt, dass etwas passieren kann, habe sie schon, wenn sie an Großveranstaltungen wie den Wasen denkt. Doch stellt sie klar: „Wir lassen uns keine Angst machen. Ich möchte in ein oder zwei Jahren meinen Kindern nicht erklären müssen, warum sie nicht mehr auf die Straße dürfen, um zu spielen.“ Auch dafür stehen die Kerzen. Gusti Schäfer meint auf Facebook: „Wenn wir damit auch nichts ändern können, so wird für uns wenigstens ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, des guten Willens, der Liebe zum Frieden erwachsen.“ Wie heißt es bei Udo Lindenberg: „Sie stehen sich gegenüber und könnten Freunde sein. Doch bevor sie sich kennenlernen, schießen sie sich tot. Ich find’ das so bekloppt, warum muss das so sein?“

Mobilisieren

„Früher hätte man gar nicht so viele Leute ansprechen können“, sagt Maria Theil über die Sozialen Medien wie Facebook, über die Natascha Claus ihre Aktion beworben hat. Wer auf eine gute Aktion aufmerksam machen will, dem sei auch der Facebook-Auftritt des Zeitungsverlags ans Herz gelegt: www.facebook.com/zvw.de.

Die Stadt Schorndorf teilt auf Nachfrage mit, dass sie gegen Aktionen mit einer guten Botschaft nichts einzuwenden hat. Je nach Umfang und Ort sollten sich die Veranstalter jedoch eine Genehmigung einholen und einfach im Rathaus anrufen, um es abzusprechen. Ein Mitglied der evangelischen Kirchengemeinde hatte auf Facebook deutlich gemacht, dass man sich „über ein solches Friedenszeichen freue“.

Hat der Terror Auswirkungen auf den Alltag?

Mutter Nicole zündet mit ihrer Tochter ebenfalls eine Kerze auf den Stufen der Stadtkirche an. Sie hat über Facebook von der Aktion erfahren und sich gedacht, dies sei „eine gute Sache“.

„Das Thema ist ziemlich aktuell“, muss sie leider feststellen. Haben die Anschläge in Deutschland Auswirkungen auf ihr subjektives Sicherheitsgefühl? „Man sollte sich nicht einschüchtern lassen, sondern ganz normal weiterleben“, sagt sie. Eine andere Teilnehmerin sieht es genauso: „Du musst was machen“, hält sie fest und schaut auf die Kerzen. Eine Frau gibt zu, dass sich bei ihr seit dem Sommer vergangenen Jahres, als die vielen Flüchtlinge und Migranten nach Deutschland gekommen sind, ein Gefühl der Unsicherheit breitgemacht habe. Auch wegen des Anschlags in Ansbach habe sie „etwas Angst bekommen, was Großveranstaltungen betrifft“. Hat sie auch auf der SchoWo ein schlechtes Gefühl gehabt? Ein wenig schon, sagt sie über die neue Angst, dass auch „im Kleinen“ etwas Schlimmes passieren könne.

Natascha Claus widerspricht. Sie stellt für sich fest: Auf der SchoWo seien die Besucher sicher. Diesbezüglich habe sie „gar keine Bedenken“.