Schorndorf

Zocken – ab wann wird’s zum Problem? Und wie können Eltern und Schulen in Schorndorf damit umgehen?

handyzocken
Vor allem ein Jungsproblem: Zeitverschwendung durch permanente Handy-Zockerei. © büttner

„Leg das Handy weg“ – spätestens mit der Corona-Pandemie, dem Ende aller Freizeitaktivitäten und im Schul-Lockdown, ist dieser Satz für viele Eltern zum immer wiederkehrenden Mantra geworden. In jeder freien Minute, so scheint es, zocken die Jungs, und die Mädchen vertun ihre Zeit mit Instagram, Youtube- und Tiktok-Videos. Wer mit seinen Kindern kein Zeitlimit ausgehandelt, hat, kann erleben, dass vom Ende der Hausaufgaben bis zum Schlafengehen und in den Ferien den ganzen Tag Spiele wie „Brawl Stars“ oder „Fortnite“ alle Aufmerksamkeit absorbieren. Eltern, die nicht schon längst resigniert haben, mögen verzweifeln, Lehrer die Entwicklung mit Sorge betrachten. Doch gleich von einer Sucht zu sprechen – Tanja Brous, Sozialarbeiterin bei der Schorndorfer Jugend- und Drogenhilfe „Horizont“, und Kilian Frey, Fachbereichsleiter der Suchtberatungsstelle beim Kreisdiakonieverband, winken ab.

Suchtberater: Handlungsempfehlung für Eltern

Krankhafter Konsum, der einen Klinikaufenthalt nach sich zieht – das kommt, sagt Frey, „äußerst selten vor“. Exzessive Mediennutzung könne bei Jugendlichen immer wieder beobachtet werden: „Nicht jedes Verhalten sollte pathologisiert werden.“ Vielmehr ist das für den Suchtberater „normal in der Jugend“. So wie auch die Bewahrpädagogik eine lange Tradition hat: Als der Rotationsdruck erfunden wurde, gibt Frey zu bedenken, befürchtete man die Lesesucht. In den 1990er Jahren war von Fernsehsucht die Rede, dann kamen Ballerspiele in Verruf.

Also einfach alles laufenlassen? Keineswegs. Tanja Brous, die Soziale Arbeit studiert und sich in Sachen Medienprävention fortgebildet hat, möchte Müttern und Vätern durchaus Handlungsempfehlungen an die Hand geben. An oberster Stelle steht für sie: „Eltern sind mit ihrem Medienverhalten Vorbild.“ Dass Regeln und Grenzen nicht nur gesetzt, sondern auch mit den Kindern besprochen werden, hält Brous für wichtig. Außerdem sollten Computer- und Medienzeiten nie als Strafe oder Belohnung eingesetzt werden. Computer sollten nicht im Kinderzimmer stehen, sondern eher in gemeinsamen Räumen wie dem Wohnzimmer. Vielleicht hilft’s auch, den Kindern mal alternative Erfahrungen zu bieten: Wie wär’s mit einem coolen Geländemarsch von Schorndorf nach Welzheim anstatt den ganzen Tag am Handy zu zocken? Ganz grundsätzlich sollten Eltern Interesse zeigen, mit den Kindern über ihr Profil, über Apps, über Spiele und Gefahren sprechen. Schließlich schadet es nicht, Bescheid zu wissen, womit Kinder und Jugendliche ihre Zeit verbringen. Und was Tanja Brous auch empfehlen kann, sind handy- und medienfreie Räume: Mahlzeiten ohne Handy – und das gilt dann auch für die Eltern.

Das alles konsequent durchzusetzen, das wissen auch die Suchtberater, ist schwierig und anstrengend – doch unerlässlich. Beobachtet Kilian Frey doch immer wieder die Tendenz, dass Eltern das Ganze delegieren möchten – „am besten an die Suchtberatung“. Letztendlich gilt für ihn aber, wie immer in der Erziehung: Man kann Tausend Ratgeber lesen, „ich muss es am Ende tun“. Und Eltern müssen nach Freys Überzeugung eines verstehen: „Mein Kind hat auch was mit mir zu tun.“

Wie das Problem im Burg-Gymnasium angegangen wird

Delegiert wird nicht zuletzt auch gerne an die Schulen: Jürgen Hohloch, Schulleiter des Burg-Gymnasiums, sieht ein grundlegendes Problem darin, „dass Eltern ihren Kindern die Waffe Smartphone kaufen, bestimmte Funktionen nicht sperren, und dann sagen: 'Schule, jetzt mach mal endlich was'“. Obwohl auch der Messanger-Dienst WhatsApp erst ab 16 Jahren erlaubt sei, werde er von fast allen Kindern genutzt  – auch durchaus für Cyber-Mobbing.

Ein Verbot gibt es im Burg-Gymnasium aber nicht – und wäre auch kaum durchzusetzen: Also dürfen Handys auf dem Pausenhof genutzt werden. Doch es gibt in Klasse fünf und sechs Informationsveranstaltungen mit Beteiligung der Polizei und der Sozialarbeit  - auch für Eltern. Im Falle einer Eskalation geht ein speziell geschultes Kriseninterventionsteam in die Klasse und arbeitet den Fall konsequent auf.

Strategien in der Gottlieb-Daimler-Realschule

Auch an der Gottlieb-Daimler-Realschule dürfen Handys auf dem Pausenhof genutzt werden. Ein Verbot, sagt Schulleiterin Beate Flemming-Nikoloff, ließe sich bei 810 Schülerinnen und Schülern kaum kontrollieren. Im Moment, das hat die Rektorin noch vor den Ferien bei einer nichtrepräsentativen Umfrage unter Acht- und Neuntklässlern erfahren, werde sogar eher weniger gezockt – „die warten alle auf die Playstation 5“. Tatsächlich setzt aber auch die Realschule auf Prävention: Die Suchtgefahr, die die Schulleiterin allerdings nicht als riesiges Problem sieht, werde im Gemeinschaftskundeunterricht thematisiert, immer wieder finden in Kooperation mit dem Kreisdiakonieverband Klick-safe-Veranstaltungen statt. In der fünften Klasse steht Medienbildung auf dem Stundenplan, ab der siebten Klasse ist Informatik Pflichtfach. Das A und O, so Flemming-Nikoloff, ist dabei die zeitliche Begrenzung – und die konsequente Überprüfung. Konrektor Jens Lehmann sieht aber auch die Vorteile der Mediennutzung: „Es gibt viele Möglichkeiten, wie man das Handy gewinnbringend im Unterricht einsetzen kann.“

Regeln und Verbote an der Gemeinschaftsschule Rainbrunnen

Auch Karola Gross, Rektorin der Gemeinschaftsschule Rainbrunnen, stellt fest: Handys und Zocken spielen eine große Rolle im Leben der Jugendlichen, „besonders im Freizeitbereich der Jungs“. Dass dies Auswirkungen auf das schulische Lernen hat, wird im Kollegium durchaus mit Sorge wahrgenommen. An der Rainbrunnenschule gibt es schulinternes Präventionscurriculum, in dem die Handynutzung sowie Internetgefahren und die sozialen Netzwerke mit den Schülern thematisiert werden. Außerdem werden in unregelmäßigen Abständen Infoabende für Eltern mit externen Referenten angeboten. In Elternabenden steht das Thema Handy- oder Computerspiele immer wieder auf der Tagesordnung. Dabei ist der Schule daran gelegen, Eltern zu sensibilisieren: „Es ist wichtig“, sagt Karola Gross, „dass die Eltern mit den Kindern und Jugendlichen im Gespräch bleiben und diese nach der Anschaffung eines Handys oder von Computerspielen nicht damit allein lassen, sondern häusliche Regelungen treffen. Denn: „Die Hauptverantwortung liegt bei den Erziehungsberechtigten.“

Doch der Rektorin auch klar: In der Ganztagsschule mit einem größeren Einzugsgebiet ist das Handy aus dem Schulalltag nicht wegzudenken. Die Schülerinnen und Schüler kommen zum Teil, wenn es noch dunkel ist, oder sind länger mit Bus und Bahn unterwegs. Daher gibt's bei vielen Eltern den Wunsch, dass die Kinder erreichbar sind oder sich melden können, wenn die Bahn mal nicht fährt.

Doch die Schule hat mit Schülern und Eltern klare Regelungen vereinbart: In der Primarstufe bis zur vierten Klasse bleibt das Handy ausgeschaltet im Schulranzen. Das gilt auch für die Schüler der Sekundarstufe von Klasse fünf bis zehn, sie dürfen Handys, Smartwatches und Tablets allerdings in der Mittagspause auf dem Schulhof benutzen. Fotografieren und Filmen sind auf den Schulhof generell verboten, genauso wie das Verbreiten unangebrachter Inhalte und Musik. Bei Verstößen werden die Handys für den Rest des Schultags eingezogen. Diese Regelungen, sagt Karola Gross, werden immer wieder auf den Prüfstand gestellt – und könnten sich in Zukunft auch ändern. Immer wieder versuchen die Lehrerinnen und Lehrer in der Mittagspause die Schüler mit offenen Spiel-, Sport- und sonstigen Angeboten zu beschäftigen. Da es sich aber um freiwillige Angebote handelt, ist Zocken trotzdem angesagt.

„Leg das Handy weg“ – spätestens mit der Corona-Pandemie, dem Ende aller Freizeitaktivitäten und im Schul-Lockdown, ist dieser Satz für viele Eltern zum immer wiederkehrenden Mantra geworden. In jeder freien Minute, so scheint es, zocken die Jungs, und die Mädchen vertun ihre Zeit mit Instagram, Youtube- und Tiktok-Videos. Wer mit seinen Kindern kein Zeitlimit ausgehandelt, hat, kann erleben, dass vom Ende der Hausaufgaben bis zum Schlafengehen und in den Ferien den ganzen Tag Spiele wie

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