Schorndorf

Zu seinem Abschied als Schuldekan macht sich Martin Hinderer noch einmal stark für den Religionsunterricht

Schuldekan Martin Hinderer
Zum Ende des Schuljahrs geht Martin Hinderer als Schuldekan in den Ruhestand. Ihm folgt Andreas Lorenz nach. © privat

Im ersten Corona-Lockdown vor einem guten Jahr, als im Home-Schooling nur noch die Kernfächer eine Rolle spielten, war der Religionsunterricht plötzlich nicht mehr systemrelevant und drohte plötzlich zu verdunsten. Mittlerweile dürfte klar geworden sein, dass gerade die Reli-Stunden nicht nur Wissen vermitteln, sondern Raum für existenzielle Fragen, Sorgen und Nöte bieten können. Für Martin Hinderer ist Religion auch in der Schule existenzrelevant. Wenn sich der 65-Jährige als Schuldekan für Schorndorf und Waiblingen zum Schuljahresende nach fast zehn Jahren in den Ruhestand verabschiedet, betont er noch einmal, wie bedeutsam der Religionsunterricht ist: „Religion ist das kleine Fach mit den großen Fragen.“

Natürlich haben sich die Bedingungen in den zehn Jahren verändert, in denen Hinderer als Schuldekan für 130 Schulen und an die 450 Religionslehrerinnen und -lehrer zuständig war: Waren bei seinem Einstieg etwa 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler in den Bezirken evangelisch, sind es mittlerweile nur noch zwischen 35 und 40 Prozent – auch, weil immer weniger Eltern ihre Kinder taufen lassen. Zugleich ist aber Folgendes zu beobachten: Die Zahl der konfessionslosen Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht nimmt zu und hat mittlerweile einen Anteil von etwa einem Viertel erreicht.

„Kirche muss ihre Gründe mittlerweile plausibel machen“

Als Hinderer 2012 – nach zehn Pfarrerjahren in Stuttgart-Stammheim und 15 Jahren als Dozent am Pädagogisch-Theologischen Zentrum Württemberg – ins Schuldekanat in der Johann-Philipp-Palm-Straße 15 kam, war damit so wenig zu rechnen, wie die Corona-Krise vorstellbar war. Obwohl der Religionsunterricht für Martin Hinderer prädestiniert ist, Krisen zu reflektieren, „musste er plötzlich sehen, wo er bleibt“. Institutionell durch das Grundgesetz und die Landesverfassung zwar abgesichert und gesetzlich geregelt, „muss Kirche ihre Gründe mittlerweile plausibel machen“.

Doch Argumente gibt es für Martin Hinderer genug: So werden im Religionsunterricht Themen diskutiert, „die jedes Kind interessieren“. Biblische Geschichten sind für Hinderer auch keine alten Kamellen, sondern „Erfahrungsgeschichten, in denen Sinnfragen eine große Rolle spielen“. Religionsunterricht zeigt für den scheidenden Schuldekan auch, dass es in einer pluralen Gesellschaft unterschiedliche Antworten auf die Grundfragen des Lebens gibt. Nicht zuletzt alphabetisiere der Religionsunterricht – und bilde kulturell. Um zu verdeutlichen, was er damit meint, zitiert Hinderer einen Titel der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Golgatha ist keine Zahncreme und Sodom und Gomorra kein Zwillingspaar.“

Im Religionsunterricht geht es für Martin Hinderer aber nicht zuletzt auch um Begegnung und Austausch – auch zwischen den Konfessionen: In zwei Drittel aller Grundschulen findet der evangelische und der katholische Unterricht mittlerweile konfessionell kooperativ und nicht mehr in getrennten Gruppen statt. Mit der Folge: Die Schülerinnen und Schüler lernen, dass es bei gleicher Botschaft ganz unterschiedliche Formen der Religiosität geben kann.

Religion: In der Grundschule ein Lieblingsfach

In der Grundschule gehört der Religionsunterricht zu den Lieblingsfächern, weil hier viel gesungen und erzählt wird. Dennoch gab es gerade für die Kleinen im ersten Lockdown – neben mancher kreativen Idee – vor allem Materialpakete. In der Sekundarstufe wurde das Fach bald online unterrichtet – begleitet von der Frage: Wie mache ich einen lebendigen Religionsunterricht?

Entscheidend, das weiß Martin Hinderer aus einer Metastudie des neuseeländischen Pädagogen John Hattie, sei dabei für den Lernerfolg nicht die Schulart und Klassengröße, sondern die Lehrperson. Aus diesem Grund ist für das Schuldekanat die Fort- und Ausbildung der Lehrer „extrem wichtig“. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Religionslehrerinnen und -lehrer irgendwann knapp werden: Seitdem die Lehramtsstudierenden an den Pädagogischen Hochschulen zu den Hauptfächern kein Affinfach belegen müssen, sondern ausschließlich zwei Hauptfächer, fällt die Entscheidung oft gegen Religion.

Für sich selbst hat der 65-Jährige, der viele Jahre in sehr hohem Arbeitstempo gearbeitet hat, nicht nur unzählige Schulbesuche im Kalender stehen hatte, sondern auch für die Kindergärten und die Erwachsenenbildung zuständig war und in der Corona-Krise oft genug zum Schulseelsorger für die Schulleiter geworden ist, noch keine Zukunftspläne: „Ich will erst mal runterschalten.“ Geht er am 31. August in den Ruhestand, will er sich nicht gleich ins Nächste stürzen, sondern sich in aller Ruhe neu sortieren, auch, wo er sich ehrenamtlich engagieren könnte.

Im ersten Corona-Lockdown vor einem guten Jahr, als im Home-Schooling nur noch die Kernfächer eine Rolle spielten, war der Religionsunterricht plötzlich nicht mehr systemrelevant und drohte plötzlich zu verdunsten. Mittlerweile dürfte klar geworden sein, dass gerade die Reli-Stunden nicht nur Wissen vermitteln, sondern Raum für existenzielle Fragen, Sorgen und Nöte bieten können. Für Martin Hinderer ist Religion auch in der Schule existenzrelevant. Wenn sich der 65-Jährige als Schuldekan für

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