Schorndorf

Zukunft der Klinik: OB Klopfer zweifelt am Gutachten

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Oberbürgermeister Matthias Klopfer vor der Schorndorfer Klinik. © Ramona Adolf

Schorndorf. 92 Millionen Euro Sanierungsbedarf? Unsinn – die Expertise, die der Schorndorfer Klinik ein derart mieses Zeugnis ausstellt, sei kein Gutachten, sondern „ein Papierle“: Oberbürgermeister Matthias Klopfer hat in einer Pressekonferenz den Hammer ausgepackt und en passant auch die Winnender Chefärzte deftig abgewatscht.

Zehn Jahre lang ist er nun OB in Schorndorf, aber sowas hat er „noch nie gemacht“; allerdings: Es gab in seiner Amtszeit auch „noch nie ein Thema, das die Menschen so sehr bewegt“, die Leute „rufen im Büro an, sie sprechen mich auf der Straße an, das Krankenhaus ist das Top-Thema, wo auch immer ich hinkomme.“ Also wandte sich Matthias Klopfer auf Seite 1 der aktuellen Wochenblatt-Ausgabe in einem „offenen Brief an die Bürgerinnen und Bürger“ und nahm die Schorndorfer Klinik leidenschaftlich in Schutz. Schon Tage vorher hatte er via Facebook den Vorschlag der Winnender Chefärzte, das Schorndorfer Haus massiv zu verkleinern oder gar dichtzumachen, durch den verbalen Häcksler gejagt: „So ein perfides, unprofessionelles und geschäftsschädigendes Verhalten habe ich noch nie erlebt.“ Das Echo: 27 000 Menschen lasen das, es hagelte „Likes“, also Zustimmungs-Klicks. Derartigen Stoßverkehr „gab’s noch gar nie“ auf Klopfers Social-Media-Seite.

Klopfer zum 92-Millionen-Gutachten

92 Millionen Euro Sanierungsbedarf fürs Schorndorfer Haus, das hat eine Untersuchung des Büros Drees & Sommer München ergeben. Dieses Gutachten bezeichnet Klopfer als „Gutachten, das kein Gutachten ist. Das ist ein Papierle, mehr ist es nicht, tut mir leid.“ Dem Aufsichtsrat wurden „drei Power-Point-Folien, wo nicht viel drauf steht“, vorgelegt. „Sind die kurz von München hergefahren“ und einen „halben Tag durchs Haus gelaufen“? Er fordert: Karten offenlegen – wer hat das Gutachten angefordert, wie genau lautete der schriftliche Untersuchungsauftrag, wie viel Geld floss dafür, gibt es auch eine Langfassung, und was steht da drin?

Klopfer zur Konzeption des Papiers

„Die Grundprämisse dieses Gutachtens ist falsch“: Es wolle das ganze Haus von Grund auf „umdrehen“, das Unterste zu oberst kehren und alles so anordnen, wie es ein Architekt machen würde, wenn er eine neue Klinik erdächte. Der Aufwand wäre immens: Man müsste ganze Abteilungen vorübergehend sündhaft teuer auslagern in Container-Provisorien. Klopfers Gegenvorschlag: Das Haus „in seiner Grundstruktur akzeptieren“ und optimieren. Ein Beispiel: Die Gutachter wollen offenbar die Radiologie vom ersten Stock ins Erdgeschoss verlegen; und sicher würde man das bei einem Neubau so machen. „Aber es funktioniert gut bis sehr gut im aktuellen Zustand.“ Klopfer spitz: „Es hätte sich für die Gutachter gelohnt, mit denen zu reden, die seit Jahrzehnten jede Wand, jeden Ablauf und jeden Plan kennen.“

Klopfer zum Zustand der Schorndorfer Klinik

Die OP-Säle? „Wurden bereits saniert.“ Wasser und Elektrik? „80 Prozent der Leitungen schon erneuert.“ Die Stationen? „Zu einem großen Teil auf einem guten Stand“, viele wurden während des laufenden Betriebs überholt. Das Brandschutzkonzept? „Auf dem neuesten Stand.“ Aufzüge, Fördertechnik? „Neuester Stand.“ Hülle und Dach, Fassaden und Fenster? „Komplett saniert.“ Sicher gebe es noch vieles zu tun – einen Hubschrauberlandeplatz anlegen, endlich eine Wahlleistungsstation aufbauen und mehr –, natürlich warten „dringende Investitionen“, die „immer wieder verschoben“ wurden, weil der Neubau in Winnenden „teurer und teurer“ wurde. Aber 92 Millionen? „Viel, viel weniger.“

Klopfer über die Rolle des Landrats

Richard Sigel sei in der aktuellen Debatte „zu zögerlich. Wenn ich so Politik machen würde, dann würden wir viele Projekte in der Stadt nicht nach vorn bringen.“ Wie gut sich Schorndorf entwickelt, hänge auch davon ab, wie kraftvoll der Landrat auftrete – er müsse „klare Vorgaben machen“ und ein „eindeutiges Bekenntnis zum Standort Schorndorf“ ablegen.

Klopfer zu den Winnender Chefärzten

„Ich dachte, mich trifft der Schlag, als ich das gelesen habe“: Die Winnender Chefärzte wollen Schorndorf quasi abschaffen. „Die sind keine Politiker, sondern Chefärzte, deshalb sollen sie Medizin machen und keine Politik. Das steht ihnen nicht zu, dazu gibt’s den Aufsichtsrat.“ Im vergangenen Jahr haben sich acht Pflegekräfte aus Schorndorf in einem Brief über hohe Arbeitsbelastung beschwert – sie bekamen massiven Ärger; von Abmahnungen, zunächst gar von Versetzungen wurde gemunkelt. Klopfer folgert: „Es gilt gleiches Arbeitsrecht für alle“, Klinikenchef Marc Nickel müsse jetzt „den gleichen Maßstab anlegen“. Sicher, „du kannst ja keine zwölf Chefärzte entlassen“, sie sind schlicht zu wichtig und zu mächtig – aber zumindest „muss man denen klarmachen, dass man so nicht miteinander umgehen kann.“

Klopfer zu den Folgen von Gutachten und Winnender Vorpreschen

Jede Klinik muss heute um gute Fachkräfte kämpfen. Die „alleroberste Prämisse“ sei es deshalb, den Schorndorfer Beschäftigten zu sagen: „Wir stehen hinter euch!“ Sonst beginne eine „Abwärtsspirale“ zu rotieren, denn „verunsichertes Personal“ sei „das Allerschlimmste“: Niemand wolle dann mehr hierher wechseln, viele aus der aktuellen Belegschaft würden sich nach einem anderen Job umschauen, und „eins ist doch klar: Die Besten gehen immer zuerst.“

Klopfer zum weiteren Vorgehen

„Ein fundiertes bauliches Gutachten“ müsse jetzt her – und mehr: Matthias Klopfer will eine differenzierte Wirtschaftlichkeitsanalyse, je getrennt für die Kliniken in Winnenden und Schorndorf. Motto: Wollen wir doch mal sehen, wer hier besser abschneidet. Danach sei bei der Erarbeitung eines gemeinsamen Medizinkonzepts zu überlegen: Welche Angebote lassen sich „in Winnenden konzentrieren“ und in Schorndorf abspecken? Und umgekehrt: Gibt es „vielleicht in Teilen auch höhere Qualität in Schorndorf“? Wenn ja, „müssen die Winnender Chefärzte akzeptieren“, wenn auch an ihrem Standort die eine oder andere Abteilung verschlankt wird. Seit Jahresbeginn arbeitet in der Klopfer-Stadt der Chirurg Christoph Ulmer – „wirtschaftlich“ so erfolgreich „wie sonst niemand in Winnenden und Schorndorf“. Klar sei aber auch: Diese Verhandlungen werden schwierig, denn „das Tischtuch“ zwischen Winnendern und Schorndorfern sei „Stand heute zerschnitten“, der Vorstoß der Winnender Chefärzte habe „enorm viel Vertrauen zerstört“.

Klopfer zum Zeitplan

„Wir müssen im Herbst zu einer Entscheidung kommen“; Gutachter, Ärzte, Klinikenchef Nickel, Landrat Sigel, der Aufsichtsrat – alle müssen sich jetzt ranhalten. Zur Not „fällt halt der Sommerurlaub für einige aus“.

Risiko

Bei dem Gutachten zur Schorndorfer Klinik handle es sich wohl um ein „Thesenpapier zur maximalen Risikoabschätzung“, glaubt Matthias Klopfer. Dass Klinikenchef Marc Nickel sich gedanklich auch mit Extremen befasse, sei im Prinzip ja legitim. Außerdem sei es doch „immer das gleiche Spiel“: Jeder neue Geschäftsführer, der irgendwo anfängt, fahre eine „klassische Strategie“ – maximal schonungslos Bestand aufnehmen, alle unguten Posten in die Vorgängerbilanz reinrechnen; so lassen sich im Folgejahr umso leichter Fortschritte nachweisen. Wer die Lage erstmal düster zeichnet, kann nachher sagen: „Alles, was jetzt besser ist, ist mein Verdienst.“