Schorndorf

ZVW-Sommertour "Remsus lauscht"

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Anna-Maria Beier, Geschichtenerzählerin und Ur-Schorndorferin trägt ihre selbstgeschriebene Geschichte "Rems total" vor. © Habermann / ZVW
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Thomas Milz, Kulturkenner und Journalist trägt unter anderem eine Geschichte von Walter Benjamin vor. © Habermann / ZVW
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Horst Reingruber, ehemals Erster Bürgermeister von Schorndorf liest - rund 80 Zeitungsleser und Remsus lauschen gespannt. © Habermann / ZVW
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Hier liest Sarah Schäfer-Stradowsky, Vorsitzende der Büchereifreunde Schorndorf und Vorsitzende der Kulturforums-Sektion Literatur. © Habermann / ZVW
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Rechts die Rems, links das aufmerksame Publikum. © Habermann / ZVW
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Sarah Schäfer-Stradowsky brachte das Publikum mit ihrer Lesung zum Schmunzeln. © Habermann / ZVW
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Remsus in der Dämmerung. © Habermann / ZVW
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Horst Reingruber brachte die Zuhörer vom Remstal nach New Orleans. © Habermann / ZVW
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Thomas Milz liest aus Schwäbische Pfarrhäuser vor. © Habermann / ZVW
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Den Zeitungslesern gefällt's. Nach dem Zuhörern konnten sie sich mit Wein und Butterbrezeln stärken. © Habermann / ZVW

Schorndorf. G’schichtla von der Rems, Spannung am Mississippi, dazu der humorvolle Einblick auf den Beginn eines Schauspielerlebens, eine zauberhafte Artistengeschichte und der Schlüssellochblick auf die Verschrobenheiten eines schwäbisches Pfarrhauses. Bei dieser Vielfalt konnte sich Remsus nicht beklagen. Und bei der Sommertour im Röhm-Areal, die Leben in das Schattendasein des Remsgottes bringen sollte, wurden auch noch fast 100 Leserinnen und Leser bestens unterhalten.

Video: Impressionen der ZVW-Sommertour "Remsus lauscht" im Röhm-Areal

Auch wenn der Einblick kurz ist, Lust auf die Bücher, die Programm des tadellos schönen Sommerabends im Röhm-Areal waren, machen 20 Minuten allemal: So lange haben Anna-Maria Beier, Horst Reingruber, Sarah Schäfer-Stradowsky und Thomas Milz am Montagabend jeweils aus ihren aktuellen oder immerwährenden Lieblingsbüchern im Schein einer alten Schreibtischlampe gelesen; zur blauen Stunde unterm grünen Blätterdach. Im Hintergrund das Rauschen des Autoverkehrs auf der Stuttgarter Straße, dazu das leise Plätschern der Rems.

Und ganz zurückhaltend im Hintergrund, im wärmer werdenden Scheinwerferlicht: Remsus, der Flussgott. Von den Remstalfreunden vor neun Jahren im Sindelfinger Herrenwäldle entdeckt, kam er lädiert und kopflos nach Schorndorf – und hat im Saunagarten des Oskar-Frech-Bads eine neue Bleibe gefunden. Im Röhm-Areal steht die Kopie der göttlichen Figur samt nachgebildetem Kopf. Aber viel ist auch mit ihm nicht los. Würde die Sommertour der Schorndorfer Nachrichten nicht alle zwei Jahre die Massen zu ihm locken, er müsste ein noch traurigeres Dasein fristen: Doch zum fünften Mal hat jetzt mit „Remsus lauscht“ am Montagabend die Sommernacht-Lesung Leben ins triste Dasein des Remsgotts gebracht.

Doch womöglich darf man ihn nicht unterschätzen. Anna-Maria Beier, Ur-Schorndorfer Geschichtenerzählerin, hat es in ihrer „Rems total“-Geschichte ja wortreich erklärt: Mag die Rems bisweilen auch einem kraftlosen Rinnsal gleichen, ein seichtes Brühle sein, sie kann auch anders. Vor 22 Jahren, erinnerte Anna-Maria Beier in ihrem selbst verfassten G’schichtle, jagte ein Hochwasser den Schorndorfern gehörigen Respekt ein. Und wer weiß, vielleicht streckte Remsus, „der gröbere Vetter von Neptun“, tatsächlich den Kopf aus den Fluten und drohte den Remstälern: Wenn ihr mein feines Säuseln nicht hören wollt, dann lernt ihr mich kennen.

Plätschernd, reißend, drängend, wogend – wie die Rems

Schwäbisch-Philosophisches über Gott und das Remstal – was Anna-Maria Beier schon vor zwölf Jahren verfasst hat, muss Remsus in den Ohren geklingelt haben. So wie den fast 100 Leserinnen und Lesern, die zu „Remsus lauscht“ ins Röhm-Areal gekommen waren: Plätschernd, reißend, drängend, wogend, so zog Anna-Maria Beiers schwäbische Fabulierkunst die Zuhörerinnen und Zuhörer mitten hinein in die Geschichte von der Rems, in der die Angler ihre Würmer baden lassen und das liederliche Wasser in der Vergangenheit erst durch Weintrauben fließen musste, um genießbar zu sein. Ein Fluss, an dem sich aber auch große Geister angesiedelt haben: „unsere Barbara“, Autopionier Daimler und Helmut Palmer, der Remstalrebell und Wochenmarkt-Attraktion „erschter Güte“.

Von der Rems direkt an den Mississippi ging’s mit Horst Reingruber, bis vor drei Jahren Erster Bürgermeister in Schorndorf: Und obwohl er selbst im Ruhestand nur Zeit für dünne Bücher findet, bei Greg Iles 1000-Seiten-Wälzer „Natchez burning“ hat er eine Ausnahme gemacht. Und dieser packende Thriller, der den immer wieder aufflammenden Rassenkonflikt in den USA zum Thema hat, kam ihm zuletzt wieder beim Anblick eines Pressefotos in den Sinn, auf dem sich eine junge Frau im langen Kleid schwerbewaffneten US-Soldaten gegenüber sieht – in Baton Rouge. Und just diese Stadt am Mississippi spielt auch im Roman eine Rolle, den Reingruber ausgewählt hat. Der Rassenkonflikt in den USA, das wird schnell klar, ist heute so gegenwärtig wie in den 1960er Jahre, als auch in Schorndorfs amerikanischer Partnerstadt Tuscaloosa sich der Gouverneur noch demonstrativ in die Tür des Auditoriums stellte, um zwei afroamerikanischen Studenten den Zutritt zu verweigern. Und waren es auch nur wenige Seiten, die Reingruber vorlas, einen Einblick in die üblen Machenschaften einer weißen Geheimorganisation, gegen die der Ku-Klux-Klan wie ein harmloses Grüppchen daherkommt, hat die Kostprobe durchaus gegeben.

Ein Glück, dass Sarah Schäfer-Stradowsky im Anschluss mit einem humorvollen Stoff die düstere Stimmung vertrieb: Joachim Meyerhoffs „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist das aktuelle Lieblingsbuch der Buchhändlerin, die auch Vorsitzende der Büchereifreunde und Vorsitzende der Sektion Literatur im Kulturforum ist. Und sie hatte die Lacher auf ihrer Seite, als sie den Ich-Erzähler berichten lässt, wie er als 20-Jähriger nicht nur überraschend an der Münchner Schauspielschule aufgenommen wird, sondern auch in der großbürgerlichen Villa seiner Großeltern in Nymphenburg. Die Großmutter, eine schillernde Diva und ehemalige Schauspielerin, der Großvater, emeritierter Professor der Philosophie – „zwei Lebenswelten prallen aufeinander“, fasste Schäfer-Stradowsky die Episoden zusammen, in denen der Alltag von hochprozentiger Gurgellösung, Champagner, Wein und Whisky strukturiert war. Und auch wenn Meyerhoff es mittlerweile zum Schauspieler am Wiener Burg-Theater gebracht hat, seine Anfänge sind kurios: Der kleine Film, in dem er mit seiner Großmutter zusammen auftritt, gerät für ihn zur Katastrophe, die er in der Erinnerung mit grandiosem Humor erträglich macht. Und das Schönste an Meyerhoffs berührend-komischen Erinnerungen: Es handelt sich um den dritten einer auf sechs Bände angelegten Reihe. So schnell geht der Lesestoff also nicht aus. Ein Grund, warum das Buch auch zu Sarah Schäfer-Stradowsky Favoriten zählt: „Ich mag die Vorfreude.“

Vom Hausheiligen und schwäbischen Pfarrhäusern

Zwei kleine, kurze Geschichten hat schließlich Thomas Milz, Journalist und Schorndorfer Kulturexperte, ins Röhm-Areal mitgebracht – als der Abend sich schon über die alte Lederfabrik gesenkt hatte: „Rastelli erzählt“, von Milz’ „Hausheiligem“ Walter Benjamin, der wunderbar poetisch von dem unvergleichlichen Jongleur erzählt und seinem Zwerg, der den Ball zum Springen bringt – „und nun spielte er auf den Sprungfedern, die im Innern des Balls saßen, so geläufig wie auf den Saiten einer Gitarre“. Um so kauziger kommt im Anschluss der Haselnusspfarrer aus Ottilie Wildermuths 1850 erschienenem Band „Schwäbische Pfarrhäuser“ daher. Jährt sich im kommenden Jahr die Reformation zum 500. Mal, lohnt ein Blick in das Pfarrhaus als „einflussreiche Kulturinstitution“ für Milz allemal. Und auch ohne Reformationsjubiläum ist es die Lektüre wert: Wie die 1817 in Rottenburg geborene Wildermuth die Doppelbödigkeit einer mustergültigen Welt beschreibt, das war schon im 19. Jahrhundert ein Bestseller.

Und der Schlusspunkt eines Abends, der endete, wie er begonnen hatte: schwäbisch-knitz mit Anklängen an die große Literatur.

Remsus

Zum fünften Mal konnte mit „Remsus lauscht“ eine Sommernachts-Lesung im Röhm-Areal stattfinden. Dass Remsus, der Flussgott, aber überhaupt auf dem Gelände der alten Lederfabrik eine neue Heimat gefunden hat, ist den Remstalfreunden zu verdanken. Sie haben die Steinskulptur im Sindelfinger Herrenwäldle entdeckt und nach Schorndorf geschafft. Das Original ist im Saunagarten des Oskar-Frech-Bads untergekommen. Die Kopie, von Bildhauer Christoph Traub und Kunstgießer Johannes Traub angefertigt, ist im Röhm-Areal gelandet.