Schwaikheim

Bekanntschaft zu Fuß: Die neue Pfarrrerin bietet Interessierten Spaziergänge mit ihr an

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Eine Lieblingsstrecke von Ellen Deutschle führt am Schilf des renaturierten Entenbachs vorbei. © Ralph Steinemann Pressefoto

Es gibt sogar eine eigene Website zum Thema „Spaziergang“ mit einer Liste berühmter Persönlichkeiten. Die waren allerdings nicht berühmt, weil sie gerne spazieren gingen, sondern von ihnen ist eben bekannt, dass sie es halt taten.

Mindestens zwei Spaziergänge selbst haben es zu eigener Berühmtheit gebracht, sind, wie man sagt, im „kollektiven Gedächtnis“ geblieben. Der, bei dem in Goethes „Faust“ eben selbiger und der Teufel in Gestalt von Mephisto Ränke schmieden gegen das arme Gretchen. Der andere dagegen ist datiert und lokalisiert, weil er tatsächlich stattgefunden hat: der Spaziergang im Wald bei Genf im Juli 1982, bei dem der amerikanische und der sowjetische Chefunterhändler einen Kompromiss aushandelten, um das Mittelstreckenraketenproblem in Europa zu lösen. Wobei aus dem Deal bekanntlich zunächst nichts wurde und deshalb „Waldspaziergang“ deshalb lange Zeit als Frotzelei fürs Scheitern herhalten musste. Nun, um endlich die Kurve nach Schwaikheim zu kriegen: Auch die neue Pfarrerin Ellen Deutschle versucht es mit Spaziergang. In bester Absicht, ohne böse Hintergedanken.

Die 42-Jährige bietet Schwaikheimern Spaziergänge an. Um die Leute an ihrer neuen Wirkungsstätte kennenzulernen und auf dass diese die neue Pfarrerin kennenlernen, wenn sie es denn möchten. Aber auch, um mit dem Ort und seiner Umgebung vertraut zu werden. Heutzutage heißt das „Win-win-Situation“. Man trifft sich nach der Terminvereinbarung bei ihr am Pfarrhaus und zieht gemeinsam los, wobei es Ellen Deutschle lieber ist, ihre Begleiter schlagen selbst die Route vor und sie lässt sich von ihnen leiten. Schon alleine deshalb, weil die sich, bislang auf jeden Fall, besser auskennen.

Ihr Routenvorschlag: Das Gebiet Kürräcker

In dem Fall kommt die Anregung, das Wohngebiet Kürräcker gleich gegenüber der Mauritiuskirche und dem Pfarrhaus „abzulaufen“, aber von ihr. Denn darin liegt der Reiz für ihren Begleiter: Wohin wird sie ihn wohl führen? Ja, sie sei auch sonst eine Spaziergängerin, überhaupt die Frauen ihrer Familie mütterlicherseits, bestätigt Ellen Deutschle auf Nachfrage bei den ersten Schritten. Eine gute Gelegenheit zum Nachdenken, zur Ruhe zu kommen, und auch zum Beten, sei das. Eine tolle Art, anzukommen, die Eindrücke, Wahrnehmungen, ja sehr persönliche Kontakte erlaube.

Jeder Spaziergang sei anders, unterschiedliche Sichtweisen bekämen so Raum. Natürlich gehe es bei den Gesprächen unterwegs oft um die Kirchengemeinde, darum, was die Leute beschäftige, sie bewege, was für sie anliege. Manchmal ist sie mit Ehepaaren unterwegs, meist sind es aber Einzelne. Die Altersspanne reicht von Anfang 20 bis 70, Männer und Frauen bunt gemischt, überwiegend Gemeindemitglieder, zumindest bislang, seien es Haupt- oder Ehrenamtliche. Es ist ihr mittlerweile 14. Spaziergang. Das Interesse ist also da und sie hat weitere Termine im Kalender notiert. Aber das Angebot soll über die bereits ausgemachten hinaus in den nächsten Wochen fortbestehen.

Abstecher zum renaturierten Entenbach

Unterwegs gibt es einen Abstecher zum renaturierten Entenbach, das ist bereits eine Lieblingsstrecke von ihr. Was gefällt ihr hier? „Dass die Natur Raum zurückbekommt.“ Dass das eine Ausgleichsmaßnahme war, weiß sie schon. Auch Kürräcker kennt sie bereits, mag, dass es „eingewachsen“ sei, natürlich auch, dass es in direkter Nähe zu ihrer Arbeitsstätte liegt und dass auch von dort Konfirmanden kommen. Das erste Treffen mit den Konfirmanden wird „online“ stattfinden, die Konfirmation ist auf den Sommer verschoben. Der erste Reli-Unterricht von ihr findet erst im neuen Schuljahr statt. Es ist eine schwierige Zeit für einen Arbeitplatzwechsel, das gilt auch für Pfarrerinnen. Ihr Umzug nach Schwaikheim war während des Lockdowns. Vieles ist vorerst aufgeschoben. Aber dafür ist der Terminkalender nicht so voll, zumindest bislang.

 Die Kompaktheit von Schwaikheim ist ihr aufgefallen, ein großer Unterschied zu ihrem vorherigen Arbeitsplatz, mit zwei Kirchengemeinden, drei bürgerlichen Gemeinden, sechs Dörfern und zwei Weilern, also ein Pfarramt in der Fläche, auf dem Land, wo sie ständig mit dem Auto unterwegs war. In Schwaikheim dagegen geht alles zu Fuß, auch das gefällt ihr. Ellen Deutschle schmunzelt. Sie werde immer wieder gefragt, ob sie sich denn schon „eingelebt“ habe. „Das kann ich in zwei, drei Jahren beantworten.“ Sie sei ja am Anfang ganz fremd gewesen, habe viel fragen müssen, mittlerweile wisse sie immerhin, wo sie im Ort einkaufen kann.

Am Zillhardtshof und im Dornhau war sie bereits

Sie untertreibt da ein bisschen. Denn wie sich herausstellt, kennt sie sich schon erstaunlich gut aus, hat sich bei ihren bisherigen Spaziergängen gleich vieles eingeprägt. Sie war am Zillhardtshof, am Zipfelbach im Wiesental, bei der Minigolfanlage, im Streuobstgebiet Dornhau, wobei ihr der Name nicht auf Anhieb wieder einfällt, im Schönbühl, auch in der davor gelegenen Leimtelle, wobei sie mit dem Namen zwar noch nichts anfangen kann, aber schon erfahren hat, dass dort das nächste Neubaugebiet entstehen soll, und auch, dass das nicht unumstritten ist. Aber das ist nicht ihr „Feld“ und es wäre aberwitzig, dazu von ihr als Neuling im Ort eine Meinung hören zu wollen. Bei einem weiteren geplanten Spaziergang soll es hoch zur Linde gehen.

Sie findet nicht nur die Kirche, sondern auch das Pfarrhaus schön

Bei ihrer Kreuzundquertour hat sie die Mauritiuskirche aus ganz verschiedenen Blickwinkeln gesehen. Aber die, das älteste Gebäude in Schwaikheim, gefällt ihr ohnehin, nicht nur deren spätgotischer Stil, sondern auch die Akustik dort. Sie muss nun sich nicht nur um den etwas verwilderten Pfarrgarten kümmern, sondern auch um die Baustelle Kirche. Das macht ihr aber keine Angst. In Pappelau hatte sie eine Innenrenovierung und statische Ertüchtigung des Kirchdachs hinter sich, die Schlussabrechnung gerade noch rechtzeitig vor ihrem Abschied dort unterzeichnet. Beim Rückweg, von Kürräcker herunter, fällt der Blick mit sichtlichem Wohlgefallen nicht nur auf die seit geraumer Zeit eingerüstete Kirche, sondern auch aufs große Pfarrhaus. Dem „Ausdruck alter Kasten“ widerspricht sie zwar nicht, hält aber dagegen: „Trotzdem schön.“ Auch das stimmt.

Es gibt sogar eine eigene Website zum Thema „Spaziergang“ mit einer Liste berühmter Persönlichkeiten. Die waren allerdings nicht berühmt, weil sie gerne spazieren gingen, sondern von ihnen ist eben bekannt, dass sie es halt taten.

Mindestens zwei Spaziergänge selbst haben es zu eigener Berühmtheit gebracht, sind, wie man sagt, im „kollektiven Gedächtnis“ geblieben. Der, bei dem in Goethes „Faust“ eben selbiger und der Teufel in Gestalt von Mephisto Ränke schmieden gegen das arme

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