Schwaikheim

Das Ende eines langen Mietstreits

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Symbolfoto. © Pixabay (CC0 Creative Commons)
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Ein Zettel wie bei jedem Umzug und ein großer Lkw: So fängt eine Zwangsräumung an.

Schwaikheim. Guten Morgen! Flüchtig grüßt eine Frau, die um 8 Uhr durch ein Schwaikheimer Wohngebiet eilt. Eine Anwohnerin schiebt die Gardine zur Seite und blickt auf einen Lkw, der das Straßenbild füllt. Ein guter Morgen? Fünf Männer, die meisten mit Bärten, stellen sich auf und schreiten um Punkt 8 Uhr zum Haus gegenüber – zur Zwangsräumung.

Der Himmel über der Szene leuchtet blau und wolkig weiß. Die Männer vom Lkw nicken sich kurz zu. Aus dem Haus tritt der Hausbesitzer, gibt jedem die Hand, lächelt verkniffen und freut sich, dass jetzt auch der Gerichtsvollzieher eintrifft. Gemeinsam schreiten sie zur Wohnung.

Aus dem Nachbarhaus tritt ein junger Mann, zieht sich den Kragenreißverschluss hoch. Er spürt die Kälte im an sich ruhigen Wohngebiet und schaut auf ein Schild. „Wegen Umzug“ steht dort, soll die Straße frei gehalten werden. Der Nachbar grüßt freundlich und geht zur Arbeit.

Was ist Müll? Was ist brauchbar? Das wird schwierig

Kein Lärm. Kein Aufsehen. Keine Aufregung. Eine Zwangsräumung geht geordnet und nach logistischen Prinzipien vonstatten. Aus dem Haus tragen die Männer in Arbeitskleidung behutsam Kisten, einen großen Spiegel, Möbelteile. „Der hat gesagt, wir sollen den Müll auf den Balkon schmeißen und nur das Brauchbare einlagern. Sollen wir jetzt entscheiden: Was ist Müll? Was ist brauchbar? Das ist schwierig“, sagt einer der Arbeiter.

Besitzer will den Wohnungsschlüssel der Zwangsgeräumten

50 Meter vom Haus weg hat sich eine Frau im violetten Mantel eingefunden. Sie steht in der Kälte. Sie raucht. Ihre Augen heften sich an dem Lkw. Hausbesitzer und Gerichtsvollzieher kommen raus, gehen auf dem Gehweg zur Kreuzung hoch zu der Mittfünfzigerin in Violett. Die Morgenruhe im Wohngebiet endet.

Nicht einmal „Guten Morgen“ sagt die Frau. „Ich rede nicht mit dem. Gehen Sie weg! Mit Ihnen will ich nichts mehr zu tun haben“, brüllt sie und weicht wütend zwei Schritte zurück. Sie ist die Mieterin, die nicht mehr Mieterin sein darf, die sich mit ihrem Vermieter so gründlich überworfen hat, dass nach vielen Monaten die Zwangsräumung angeordnet und nach weiteren Monaten vollzogen wird. Spätestens an diesem Morgen um 8 Uhr muss sie ihre Wohnungsschlüssel abgeben und erklären, was mit ihren Sachen geschehen soll, die jetzt vom Logistik-Team ausgeräumt werden.

Den Gerichtsvollzieher kennt sie. Mit ihm hat sie schon lange zu tun. Er ist ein Mensch mit einem mitfühlenden Blick und friedvollen Gesten, dem es leidtut, dass es in diesem Mietkonflikt so weit kommen musste, und der versucht, die Zwangsgeräumte trotz ihres Schicksals friedlich zu stimmen. Ihm übergibt sie die Wohnungsschlüssel – nicht ihrem Ex-Vermieter. Im Gespräch mit ihm lässt sie sich auf eine ruhigere Stimmung ein, und sogar auf ein paar Worte über ihre Zukunft: Ein Zimmer in einer Gemeindeunterkunft hat sie bekommen. Warm, trocken und abschließbar. Aber auch klein.

Die Frau wütet und weint: Was geschieht mit ihren Sachen?

„Was sollen wir mit Ihren Sachen machen?“, fragt der Gerichtsvollzieher, „sollen wir sie zu Ihnen fahren?“ Die Frau zückt ihr Smartphone und zeigt ein Foto: „Des isch mei Zimmer. Do basst nix meh nei.“ Sie wütet und weint. Sie denkt an ihre Möbel und die Sachen, die jetzt in den Lkw getragen werden.

„Es ist nichts Prachtvolles, aber für mich ist es wichtig.“ Besorgt blickt der Mann vom Amt und bietet an: „Mir dätet Ihne die Sacha ein Monat lang einlagera.“ Ein leises Lächeln wandert über ihr Gesicht. Ihr fällt ein: „Vielleicht kann ich einen Lagerraum anmieten. Ich muss mal zum Jobcenter und fragen, ob die die Mietkosten übernehmen.“ „Des könntetse probiere. Des wär a Möglichkeit.“

Der Gerichtsvollzieher kümmert sich um die Betroffene

Der Gerichtsvollzieher geht wieder zu den Packern und ordnet an: „Alles wird eingepackt und eingelagert – außer Lebensmittel.“ Der Lkw füllt sich ordentlich, als wär’s ein ganz normaler Umzug. „Der ist in Ordnung“, sagt die Frau im violetten Mantel über den Gerichtsvollzieher, „der hat mir schon viel geholfen, und jetzt tut er halt seine Pflicht.“

Es wird wieder ruhiger im Wohnviertel, aber die Kälte bleibt und kriecht langsam die Beine hoch. „Ich glaub, ich brauch jetzt einen Kaffee“, sagt die zwangsgeräumte Frau. Ihre Kaffeemaschine liegt im neuen Zimmer in irgendeinem Umzugskarton. Aber etwas Warmes braucht der Mensch. Vielleicht geht sie zum Bäcker. Vielleicht reicht es für ein paar Minuten doch noch zu einem guten Morgen.


Drei Fragen an ... den Gerichtsvollzieher

Es gibt Gerichtsvollzieher, die mit großem Verständnis für beide Seiten eine angeordnete Räumung vollziehen. Wir haben den Gerichtsvollzieher, den wir beim schwierigen Ende eines langen Mietstreits in Schwaikheim angetroffen haben, befragt zu Zwangsräumungen und seinen Erfahrungen mit ihnen. Er hat uns gebeten, auf die Nennung seines Namens und die Veröffentlichung eines Fotos von ihm zu verzichten, aus verständlichen Gründen, weshalb wir auch seinem Wunsch entsprechen.

Wann beziehungsweise warum kommen Sie bei einer Zwangsräumung zum Einsatz?

Also, da liegt ja immer ein gesetzlicher Schuldtitel vor. Dem ist ein Verfahren vorausgegangen, an dessen Ende ein Gericht ein Urteil erlassen hat. In dem wird auch der Schuldner angehört. Zu dem Urteil gehört, dass es für vollstreckbar erklärt wird. Der Gläubiger stellt auf dieser Grundlage dann einen entsprechenden Antrag bei uns auf Zwangsräumung. Meist läuft die dann friedlich, manchmal brauchen wir aber die Polizei dabei, wenn die Leute nicht einsichtig sind. Aber wenn es zur Zwangsräumung kommt, ist das Verfahren ja vorher durch alle Instanzen gegangen. Wir als Gerichtsvollzieher können da nichts mehr ändern. Wir müssen die Vollstreckung durchführen.

Wie oft kommt es zu Zwangsräumungen, wie viele haben Sie selbst schon erlebt?

Derzeit steigt die Zahl der Zwangsräumungen wieder, wahrscheinlich wegen der angespannten Wohnungssituation. In meinem Bezirk sind es zwei, drei im Monat. Die Regel ist, dass eine davon zurückgenommen wird, weil der Schuldner doch noch in letzter Minute was anderes gefunden hat, wo er dann wohnen kann. Oder er zahlt noch auf den letzten Drücker. Dann nimmt der Gläubiger seinen Antrag zurück. Ich bin seit 1988 Gerichtsvollzieher, also gezählt habe ich meine Zwangsräumungen nicht, aber so knapp 500 dürften in der Zeit schon zusammengekommen sein. So eine Zwangsräumung ist in der Regel sehr zeitaufwendig, braucht meistens einen ganzen Tag. Wir müssen die ganze Zeit über dabei sein und danach schauen, dass alles geordnet abläuft. Aber Zwangsräumungen sind ja nur ein kleiner Teil unserer Aufgaben, da gibt es noch vieles anderes, also langweilig wird es einem in dem Beruf auf jeden Fall nie.

Wie geht es Ihnen selbst da, persönlich, wie kommen Sie mit so einer doch für alle Seiten unerfreulichen Situation zurecht?

Man muss sehen, dass ja der Gläubiger in der Regel auf diese Einnahmen aus der Miete angewiesen ist. Es ist keinem zuzumuten, Leute in der Wohnung zu haben, die nicht zahlen. Ich sag immer, d’ Miete muss zahlt sei’. Der Gläubiger hat also auch ein Recht. Dazu kommt, dass die Wohnungen, die wir zwangsräumen müssen, oft schlimm aussehen. Eine Zwangsräumung ist nie lustig. Es hat keinen Wert, wenn ich da bin, noch groß zu schimpfen. Ich bin nicht der Richter. Ich versuche da immer, die Leute davon zu überzeugen, nach vorne zu schauen. Die kommen dann in der Regel ja in eine Notunterkunft. Ich rate ihnen, sich dort zu sammeln und zu versuchen, neu zu starten, ihr Leben neu zu ordnen. Mit der Zwangsräumung, wenn sie erfolgt ist, ist ja auch das Damoklesschwert der dauernden Drohung über ihnen, dass sie zwangsgeräumt werden, weg. Manche nehmen den Rat an, andere vergessen ihn aber sofort wieder. Ich freue mich ja selbst auch, wenn jemand sein Leben wieder in den Griff bekommt. Aber ich darf das Ganze nicht persönlich nehmen, sonst könnte ich meinen Beruf nicht machen.
 

Schwaikheim. Guten Morgen! Flüchtig grüßt eine Frau, die um 8 Uhr durch ein Schwaikheimer Wohngebiet eilt. Eine Anwohnerin schiebt die Gardine zur Seite und blickt auf einen Lkw, der das Straßenbild füllt. Ein guter Morgen? Fünf Männer, die meisten mit Bärten, stellen sich auf und schreiten um Punkt 8 Uhr zum Haus gegenüber – zur Zwangsräumung.

Der Himmel über der Szene leuchtet blau und wolkig weiß. Die Männer vom Lkw nicken sich kurz zu. Aus dem

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