Schwaikheim

Das Juze ist wieder für Besucher geöffnet: Süßes Willkommen für die Mädchenclique

Juze Schwaikheim
Michael Schuster und Eleni Tzima wollen die ersten Jugendlichen, die wieder kommen dürfen, besonders begrüßen. © ZVW/Alexandra Palmizi

Das ständige Hü oder Hott in der Corona-Pandemie erlebt auch das Juze, sozusagen im Kleinen. Jetzt darf es wieder aufmachen. Aber nicht, wie zunächst, vergangene Woche, mitgeteilt, auch erhofft und begrüßt natürlich, ohne Voranmeldung durch die Jugendlichen. Einfach, spontan kommen geht also vorerst weiter nicht. Die Vorgabe lautet: maximal jeweils zehn Besucher in festen Gruppen zu bestimmten festen, vorab ausgemachten, Zeiten.

Immer wieder wechselnde Regeln, das zehrt nicht nur an den Nerven des Nachwuchses, sondern auch an denen der beiden Juze-Leiter Michael Schuster und Eleni Tzima. Sie müssen die News schließlich ihrer Klientel überbringen, was schon schwer genug ist in Zeiten, in den man sich nicht wie gewohnt vor Ort treffen kann. Sie müssen, was einmal gilt, einmal nicht, jeweils auch umsetzen. Sich immer wieder darauf um-, einzustellen sei aber auch für die Jugendlichen schwierig, vor allem für die Jüngeren unter ihnen, betonen sie. Fast jede Woche gelte was anderes. Immerhin bekommen sie wie alle Einrichtungen der offenen Jugendarbeit dazu schriftliche Handreichungen.

Für den ersten Tag haben sich zwei Gruppen angemeldet, natürlich hintereinander und mit genug zeitlichem Abstand, um zwischendrin lüften und Gegenstände, die berührt, genutzt wurden, zu desinfizieren. Das Abstandhalten und Maskentragen ist für Schuster und Tzima mittlerweile so selbstverständlich geworden, dass sie es gar nicht mehr eigens erwähnen. Sie haben extra eingekauft. Die Wiedereröffnung soll ein bisschen gefeiert werden, jeder Jugendliche bekommt seine Portion Süßigkeiten, die auf dem Billardtisch bereitgestellt ist.

Neue Möbel und ein nicht mehr ganz so „farbenfroher“ Anstrich

Die Vorgaben seien nun mal an die Coronafallzahlen gekoppelt, schwankten mit diesen, erklärt Schuster. Sie können es also nur zur Kenntnis nehmen und versuchen, das Beste draus zu machen. Die Schließzeiten, mittlerweile muss man davon im Plural reden, haben sie genutzt, um das Juze umzugestalten, wobei der Nachwuchs in die Planung und auch Umsetzung einbezogen war. Die bisherigen Tische, Sofas, Sessel und Stühle, allesamt gespendet, waren in die Jahre gekommen und so wurde eine Fahrt in eine Filiale einer bekannten skandinavischen Möbelkette organisiert – in der Zeit, als das möglich war. Das neue Mobiliar wurde von den Jugendlichen selbst gemeinsam montiert. Eine Aktion, die als Erlebnis durchaus ihren eigenen pädagogischen Wert gehabt, zum Zusammenhalt beigetragen habe, so Schuster. Als Gemeinschaftsleistung war auch das Neustreichen der Wände vorgesehen. Das Juze sollte nicht mehr ganz so „farbenfroh“ daherkommen wie bislang. Dann kam wieder Corona dazwischen. Die Notlösung war, dass straffällige Jugendliche auf diesem Weg ihre gemeinnützigen Sozialstunden ableisten konnten.

Die Höchstgrenze der zulässigen Personenzahl ist auch an den Platz im Juze gekoppelt. Die Vorgabe lautet: zehn Quadratmeter pro Kopf. Eigentlich, mit den Nebenräumen, könnten sie sogar jeweils 15 gleichzeitig reinlassen. Nach Absprache mit der Verwaltung belassen sie es aber bei zehn. Die Schließzeit hieß vor allem: Einzelfallhilfe, und zwar sehr intensiv, betont Schuster. Der wie vielte „Neustart“ ist das mittlerweile eigentlich? Etwa der sechste, schätzt er. Der „offene Treff“ sei ja eigentlich das Herzstück des Juze, also das freie Kommen- und Gehen-Können. „Das ist von einem Tag auf den andern weggefallen.“ Wobei, betont Eleni Tzima, flexibel sein, sich anpassen, von ihnen ohnehin gefordert sei. Den Kontakt zu den meisten Jugendlichen hätten sie auf aber jeden Fall nicht verloren. Einzelfallhilfe bei Jugendlichen, die ein „großes Päckchen zu tragen haben“, und anzubieten, bei ihnen die Sozialstunden abzuleisten, gehöre ja ebenso zu ihrer Arbeit, so Schuster. Oder Jugendliche eben online, soweit es geht, bei der Berufsorientierung zu unterstützen, ihnen beim Bewerbungen-Schreiben zu helfen.

Wie erleben sie, die so „dicht“ dran sind, den Nachwuchs? Also er stelle schon fest, dass die Jugendlichen „schwimmen“, so Schuster, meint damit eine gewisse Hilflosigkeit bei ihnen. Die Veranstaltungen, bei denen sie diejenigen, die die Schule verlassen werden, orientieren, wie es danach mit einer Ausbildung weitergehen könnte, fänden nicht statt, seien abgesagt worden. Auch Praktika gebe es keine. Man müsse nun „intern“ versuchen, all diese Ausfälle, Stichwort „Jobclub“, abzufangen, etwa so weit möglich Bewerbungsgespräche zu simulieren, „so dass nicht noch mal ein Jahr verlorengeht“.

Die „Nebenwirkungen“ der Pandemie – Jobverlust von Eltern, finanzielle Engpässe in der Familie, Mehrbelastung durch Home-Office und Home-Schooling, Stress und folgend Streit dort – habe man im Juze direkt erfahren, eben von betroffenen Jugendlichen, ergänzt Eleni Tzima: „Bei Familien, die eh schon Probleme hatten, hat sich die Situation noch verschlimmert.“ Schuster verweist darauf, dass für manchen Jugendlichen, der in der Pubertät ist, das Juze als „Exit“, Notausgang, um dem Zoff daheim zu entkommen, eben ausgefallen ist. Die Hoffnung aller sei also die Rückkehr der „Normalität“, bis hin zu gemeinsamen Ausflügen. Aber wie war und ist das mit Treffen? „Grauzone“, meint Schuster, im Rahmen der Jugendhilfe seien schon bis zu zehn Personen möglich, aber die Vorgabe, dass die Zahl der Hausstände, aus denen diese kommen dürfen, begrenzt ist, mache es eben kompliziert.

Anderes Beispiel: Während der Zeit der Ausgangssperre war im Juze ab 20 Uhr dicht. Die Besucher hätten also von dort schnurstracks nach Hause gehen müssen. Aber sag’ das mal Jugendlichen, die noch weiter chillen, abhängen wollen. Also blieben sie im Freizeitzentrum, im Gelände am Ortsrand rund um die Fritz-Ulrich-Halle „hängen“, standen dort in Gruppen rum, mit entsprechenden „Hinterlassenschaften“. Noch vor dem Lockdown im Dezember fand deshalb eine gemeinsame Säuberungsaktion durchs Juze statt, der Hausmeister der Halle zog mit.

Wie ist die Perspektive? Schuster schüttelt den Kopf. Hänge alles von Corona ab. Alles, was man darüber derzeit sagen könnte, wäre willkürlich. „Wir hängen ja auch in der Luft.“ Eine Idee haben sie: ein „Urban Jungle“ im Juze. Leute, die bei sich zu Hause eine Zimmerpflanze übrig haben, könnten die doch ins Juze bringen, sie also spenden, dort alles mal mit „Grün vollstellen“, so als Ergänzung zur Neugestaltung. Grün, um das sich natürlich auch die Jugendlichen kümmern sollen, zum Beispiel, indem jeder eine Patenschaft für eine bestimmte Pflanze übernimmt.

Stets Kontakt zu den Jugendlichen über alle Kanäle gehalten

In ein paar Minuten kommt die erste der beiden Gruppen, die sich für den Wiedereröffnungstag angemeldet haben, eine verschworene Mädchenclique und Stammbesucher vor Corona. „Wir hatten schon die Sorge, ob die denn wiederkommen“, so Eleni Tzima. War aber unbegründet. Denn als sich die Nachricht, dass bald wieder offen sein wird, verbreitete über Instagram, Facebook, Whatsapp, Homepage, Blättle, da meldeten sich die Mädels von selbst, fragten, wann sie wieder da sein dürfen. „Das Problem ist also eher, was ist denn mit denen, die wir zwischendrin wirklich verloren haben?“, so Schuster. Das klingt besorgt.

Das ständige Hü oder Hott in der Corona-Pandemie erlebt auch das Juze, sozusagen im Kleinen. Jetzt darf es wieder aufmachen. Aber nicht, wie zunächst, vergangene Woche, mitgeteilt, auch erhofft und begrüßt natürlich, ohne Voranmeldung durch die Jugendlichen. Einfach, spontan kommen geht also vorerst weiter nicht. Die Vorgabe lautet: maximal jeweils zehn Besucher in festen Gruppen zu bestimmten festen, vorab ausgemachten, Zeiten.

Immer wieder wechselnde Regeln, das zehrt nicht nur an

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