Schwaikheim

Der scheinbar Unverwundbare: Nachruf auf den Schwaikheimer Bürgermeister Gerhard Häuser

Neujahrsempfang Schwaikheim: Bürgermeister Häuser spricht, Gemeindehalle Schwaikheim, 09.01.2020.
Gerhard Häuser beim Neujahrsempfang 2020. © Benjamin Beytekin

Es bestand Anlass zur Sorge. Gerade bei ihm. „Mentale Überbelastung“, neudeutsch „Burnout“, bei Gerhard Häuser? Bei ihm, dem schier nichts etwas anzuhaben schien? Dass er den Anlass seines Ausfalls so klar selbst benannte, öffentlich, in einer Pressemitteilung, er, der sonst nie ein Wort über die eigene Befindlichkeit verlauten ließ, war aber mehr als ein Warnzeichen. Klar war, dass es bei so einer Krankheit kaum bei vier Wochen, so die Frist der ersten Krankmeldung, und wohl auch nicht bei vier weiteren, so die zweite, bleiben würde. Nun ist aber sicher, dass Gerhard Häuser gar nicht mehr zurückkehren wird. Alle Mutmaßungen und Spekulationen dazu, denen er mit seinem Eingeständnis zuvorkommen wollte, haben nun ein Ende.

Der Autor dieser Zeilen ist kein Arzt, kein Psychologe, er ist auch kein Verwandter von Gerhard Häuser. Er war nie mit ihm befreundet, pflegte privat keinen Umgang mit ihm, er war über all die Jahre von dessen langer Amtszeit „nur“ ein Beobachter, Zuhörer, ja ein Außenstehender, der auf gar keinen Fall wirklich beurteilen kann, was letztlich diese Tragödie ausgelöst hat, was in Gerhard Häuser den Entschluss hat reifen lassen, seinem Leben ein Ende zu setzen. Der Schreiber warnt aber vor jeglicher Schuldzuweisung, davor, direkte Zusammenhänge zu behaupten. Nichts wird den Schwaikheimern ihren Bürgermeister zurückbringen.

1994 erstmals gewählt, mit fast 90 Prozent im zweiten Wahlgang

Diese Vorbemerkungen sind nötig, um klarzustellen, von wo aus sozusagen, aus welcher Position, Folgendes geschrieben ist, ohne den Anspruch erheben zu wollen, Ursachenforschung zu betreiben. Es ist aber bestimmt nicht übertrieben festzustellen, dass in letzter Zeit, in den letzten Jahren, milde formuliert, ein bisschen arg viel zusammengekommen ist, zumindest, was Gerhard Häusers Amt angeht. Aber um das so einschätzen zu können, braucht es vorher den Blick weit zurück, bis zu seiner ersten Wahl 1994. Er, zuvor Kämmerer in Denkendorf, aufgewachsen in Weissach im Tal, gewann als 30-Jähriger damals im zweiten Wahlgang mit knapp 89 Prozent. Im ersten Wahlgang hatte er, bei fünf Mitbewerbern, von denen zwei ernsthafte Konkurrenten waren, rund 45 Prozent bekommen, lag damit knapp unter der absoluten Mehrheit, die gereicht hätte, um bereits in der ersten Runde gewählt zu werden. So überzeugend dieser Wahlsieg war und auch so wenig überraschend, so groß der Vertrauensvorschuss der Bürger für ihn war, Gerhard Häuser stand in Schwaikheim von Anfang unter verschärfter Beobachtung, aus verschiedenen Gründen.

Er war und wurde kein Volkstribun, blieb zurückhaltend, fast schüchtern, ja introvertiert, kaum etwas nach außen von sich preisgebend. Öffentliche Auftritte gehörten für ihn sichtlich nicht zu den angenehmen Amtspflichten. Wobei das sich aber im Lauf der Zeit besserte, man denke nur an seine anfängliche Verweigerung des „Rathaussturms“, an dem er später aber immer mehr Gefallen fand, ja sogar die Ironie aufbrachte, sich da selbst durch den Kakao zu ziehen. Oder an die jährlichen Sportlerehrungen, bei denen er regelrecht „auftaute“, oder an die Neujahrsempfänge. Bei einem von ihnen stand tatsächlich mal die Frage im Raum, weil wenige Wochen später die Bürgermeisterwahl war, ob er denn sich da (wie gewohnt mit seiner Frau) wie üblich am Eingang zur Gemeindehalle postieren dürfe, um alle Besucher persönlich zu begrüßen, denn er sei ja da nur „Bewerber“ ums Amt. Nachträglich mutet das unfassbar kleingeistig an.

Persönliche Gegnerschaften belasteten das Klima im Gemeinderat

Auf der anderen Seite war Gerhard Häuser nur schwer beeinflussbar, auf gar keinen Fall „lenkbar“. Was den einen oder anderen langjährigen Gemeinderat gegen ihn aufbrachte, ja zu persönlicher Gegnerschaft führte, die auch das Klima im Gremium belastete. Das war allerdings nicht der einzige „Konfliktherd“ dort, und das gehört auch zur Vollständigkeit: Zu jedem Streit braucht es (mindestens) zwei. 2002 dann, gegen einen Konkurrenten, den die „Opposition“ präsentierte, der es aber vorzog, aus der Ferne quasi als „Phantom“ zu agieren, vor Ort kaum zu sehen war, knapp 86 Prozent bei der ersten Wiederwahl. 2010, gegen einen Bewerber aus dem Ort, war es mit rund 57 Prozent knapper . 2018 schließlich, wieder gegen einen einheimischen Bewerber, aber mit sehr hohem Bekanntheitsgrad im Ort, 63 Prozent.

Gerhard Häuser blieb also jeweils im Amt, aber auch die Skeptiker und Widersacher blieben, wobei der stets Wiedergewählte sich eben auf den Rückhalt in der Bevölkerung berufen konnte, die ihn offenbar ganz anders wahrnahm als seine Kritiker im Gemeinderat und im Ort, nämlich als solides, verlässliches Gemeindeoberhaupt, bei dem Schwaikheim durchaus in guten Händen ist. Die Dinge dauerten zwar, vielleicht länger als anderswo, wären vielleicht schneller möglich gewesen, was selbst er auch einräumte, aber daran war nicht nur der Bürgermeister, auch nicht nur die Verwaltung schuld. Aber schließlich „reiften“ sie doch, wurde umgesetzt, was lange geplant war. Schwaikheim war und bleibt bis heute so eine überaus attraktive Gemeinde mit hoher Lebensqualität und sehr guter Infrastruktur.

2019 jedoch das, was man eine „Zeitenwende“ nennen kann: die Gemeinderatswahl, ihr Ergebnis, dass die Hälfte der Bürgervertreter neu ist und dass seitdem, freilich demokratisch legitim, eine Art „Block“ aus den Vertretern von zwei Fraktionen entstanden ist (nur noch drei insgesamt, vorher vier), die zusammen eine klare Mehrheit im Gremium haben und die seitdem entschieden eine „andere Politik“ wollen. Häuser, der bislang, über all die Jahre hinweg, sich doch auf eine mal satte, mal knappere Mehrheit verlassen konnte, sah sich seitdem vor die Aufgabe gestellt, für eine solche erst zu sorgen. Was ihm lange schwerfiel, zumal er nicht gerade der geborene Sitzungsleiter, Kommunikator, Kompromisssucher und Finder des kleinsten gemeinsamen Nenners war. Auf der anderen Seite konnte er zwar immer wieder auf Absprachen, Vereinbarungen, das Ergebnis von Abstimmungen oder zumindest den Tenor zuvor in nichtöffentlichen Ausschusssitzungen oder die „Beschlusslage“ verweisen , was aber immer weniger fruchtete.

Das "Nein" zur neuen Sporthalle war eine persönliche Niederlage

Prominentestes Beispiel dafür: das „Nein“ der (neuen) Mehrheit zur neuen Sporthalle im Freizeitzentrum, nach vielen Jahren des nachgewiesenen Bedarfs, der Gespräche mit Sportvereinen, der Vorplanung. Man kann sich unschwer ausmalen, dass Häuser, von Natur aus mit einem Herz für den Sport ausgestattet und bei den Vereinen ganz sicher im Wort stehend, das als persönliche Niederlage empfand.

Oder „der Fall“ Neue Ortsmitte: Gerhard Häuser war sichtlich stolz, hat das auch mehrfach selbst betont, dass es gelungen war, viele verschiedene Grundstücke mit vielen verschiedenen Eigentümern in die eine Hand der Gemeinde zu bekommen und den Hauptinvestor, die Kreisbaugesellschaft, bei der Stange zu halten, so dass das „Jahrhundertprojekt“ endlich verwirklicht wurde. Doch schon während der Bauzeit (!) wurde das Gebäudeensemble geradezu als Lehrbeispiel für verfehlte Städtebaupolitik madig gemacht. Als der neue Lebensmittelmarkt dort in Betrieb ging und die neuen Wohnungen in attraktiver Lage bezugsfertig waren, wurde nicht das gefeiert, in der ohnehin alle Verwaltungsmitarbeiter mehrbelastenden Coronazeit zumindest gebührend gewürdigt, sondern es wurde eine geringfügige Zeitverzögerung bei den angrenzenden neuen Zebrastreifen und der noch ausstehenden neuen Straßenbeleuchtung geradezu skandalisiert. Auch das mit Bestimmtheit eine große Enttäuschung für Gerhard Häuser, nach all der Mühe.

Kann all dies überhaupt spurlos am Hauptverantwortlichen oder demjenigen, der dazu gemacht wurde, vorbeigehen? Gerhard Häuser erweckte immer den Anschein der „Unverwundbarkeit“, gab im Gremium stets Contra, ja, war stur und ihm wurde über lange Zeit ein strenger, gelegentlich rauer Führungsstil im Rathaus nachgesagt. Eine vorübergehende Mitarbeiterin hat dem Autor dieser Zeilen allerdings mal glaubhaft und auch ziemlich verblüfft klingend versichert: „Also Herr Speiser, der Herr Häuser ist ja ganz anders, als er immer dargestellt wird, den habe ich völlig anders erlebt, nämlich als einfühlsam, mitfühlend, sensibel.“

Schwaikheimer erlebten ihn auch als Kumpel, Freund, Helfer, Kümmerer in Notlagen

Der „Schreiberling“ kann das insofern bestätigen, als er selbst Gerhard Häuser auch „anders“ kennengelernt hat. Nach einer langen Zeit und unter vier Augen, bei Gesprächen in seinem Büro, wenn wieder mal was „anlag“, was Tags oder in der Woche zuvor für „Wirbel“ im Gemeinderat gesorgt hatte, war er „offen“. Man bekam „Zugang“ zu ihm am besten, wenn man erst mal relativ belanglos einfach über Sport plauderte, ehe es ans „Eingemachte“ ging, sozusagen von Hobby- zu Hobbysportler, (wenn auch beidseits nicht ohne Ehrgeiz), als Sportkameraden also. Gerhard Häuser musste stets erst Vertrauen fassen, dass ihm einer nichts Böses wollte, das ist wahr, aber dann lernte man ihn tatsächlich von einer „anderen Seite“ kennen. Noch ein Beispiel: Ans Telefon bekam der Lokaljournalist bei seinen Anrufen im Rathaus den Bürgermeister zwar nie direkt. Aber er konnte sich auf einen baldigen Rückruf und sei es vom Handy von unterwegs aus immer verlassen. Und für einen Termin im Rathaus war nie Bitten oder gar Betteln nötig. Es gibt auch genügend Schwaikheimer, die Gerhard Häuser als Kumpel, als Freund, Helfer, Kümmerer in einer Notlage erlebt haben.

Noch eine bezeichnende Episode: In einer der jüngsten Sitzungen kamen reihum mal die ganzen Amtsleiter zu Wort; der, der schon Jahrzehnte da ist, der, der seit ein paar Jahren da ist und der, der erst seit kurzem im Schwaikheimer Rathaus ist: Unisono klagten sie über die Anrufe- und Mailflut von Gemeinderäten, Aufforderungen, Beschwerden, zusätzlichem Aufwand dadurch, der sie von der eigentlichen Arbeit abhalte, aber auch über den Tonfall, den Stil dieser Art von Kommunikation. Der Einzige, der sich da diese Notwehr versagte, war Gerhard Häuser selbst.

Es bestand Anlass zur Sorge. Gerade bei ihm. „Mentale Überbelastung“, neudeutsch „Burnout“, bei Gerhard Häuser? Bei ihm, dem schier nichts etwas anzuhaben schien? Dass er den Anlass seines Ausfalls so klar selbst benannte, öffentlich, in einer Pressemitteilung, er, der sonst nie ein Wort über die eigene Befindlichkeit verlauten ließ, war aber mehr als ein Warnzeichen. Klar war, dass es bei so einer Krankheit kaum bei vier Wochen, so die Frist der ersten Krankmeldung, und wohl auch nicht bei

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