Schwaikheim

Die Leiterin der Gemeindebücherei, Annette Maucher, wechselt nach fast zehn Jahren nach Gerlingen

Anette maucher
Der Abschied fällt Annette Maucher nicht leicht. © Benjamin Büttner

Das werden viele Schwaikheimer bedauern, zumindest diejenigen, die die Gemeindebücherei schon mal betreten, genutzt haben: Deren Leiterin Annette Maucher verabschiedet sich Ende Juni nach fast zehn Jahren in Schwaikheim. Sie übernimmt die Gerlinger Stadtbücherei. Klarer Fall, dass sie dort ein bisschen mehr verdient, aber wichtiger ist: Damit sind es künftig nur noch acht statt 24 Kilometer vom Wohnort Münchingen zur Arbeitsstätte.

Wobei die Entfernung nach Schwaikheim sie allerdings nicht daran gehindert hat, oft mit dem Rennrad dorthin zu kommen. Außerdem hat sie zu Weihnachten auch noch ein richtig flottes, schickes E-Mountainbike (mit im Rahmen integriertem Akku) geschenkt bekommen. Wer wie sie im vergangenen Jahr rund 6000 Kilometer mit dem Fahrrad abgespult hat und damit topfit sein muss, was soll der nun mit so einem Hightechbike für bloß acht Kilometer anfangen? Da könnte sie eigentlich gleich zu Fuß gehen – oder doch in Schwaikheim bleiben, die aller-, allermeisten Büchereistammkunden hätten ganz sicher nichts dagegen.

Aber Spaß beiseite: Gerlingen hat knapp 20 000 Einwohner, also etwa doppelt so viel wie Schwaikheim, und auch die Stadtbücherei dort sei doppelt so groß, schätzt Annette Maucher. Sie sind dort außerdem zu acht, auch der „Personalbestand“ ist also eine „andere Liga“. Sie ist jetzt 53 und sagt nachvollziehbar zu ihrem bevorstehenden Wechsel: „Wann, wenn nicht jetzt?“

Zum Jahresbeginn 2012 kam sie nach Schwaikheim. Ihr Rückblick, Fazit? „Das war ein goldener Volltreffer für mich.“ Sie hätte hier weitergemacht, wenn nicht das Angebot in Gerlingen „dazwischengekommen“ wäre, wo die langjährige Büchereileiterin in Rente geht. Die Zeit in Schwaikheim sei so schnell vergangen, immer sei etwas los gewesen, sie wundert sich selbst, dass das wirklich schon fast zehn Jahre hier sind. In Schwaikheim habe sie die Chance bekommen, vieles anzustoßen und umzusetzen, unter anderem ein neues Raumkonzept und die digitale Vernetzung. Wobei, das Verdienst, die sogenannte Onleihe angestoßen zu haben, gebühre ihrer Vorgängerin Sandra Eichert. „Ich durfte sie in meinem ersten Jahr hier umsetzen“, so Annette Maucher.

Veranstaltungen für Erwachsene und Beteiligung an „Heiß auf Lesen“

Nicht zuletzt habe sich hier die Erfahrung bestätigt, „dass eine Bücherei mehr ist als eine Ausleihe, nämlich ein lebendiger Ort“. Sie behaupte einfach mal – da ist ihr nicht zu widersprechen –, dass in der Zeit deren Bekanntheitsgrad noch mal gesteigert wurde, ebenso deren Wertschätzung. Das schließt Annette Maucher auch aus den Rückmeldungen, seitdem bekannt ist, dass sie geht. Sie werde oft gefragt, warum, verbunden mit der Aussage, dass das schade sei. Ihr selbst falle es nicht leicht, Abschied zu nehmen von der freundlichen, offenen Atmosphäre in der Bücherei. Unterstützung sei auch stets von der Gemeinde gekommen – und Freiraum, „so dass ich hier schalten und walten konnte“. Zum Beispiel Veranstaltungen auch für Erwachsene anzubieten oder bei der Sommerferienaktion „Heiß auf Lesen“ mitzumachen.

Vor fünf Jahren wurde die Bücherei umgebaut, vor drei Jahren eine neue EDV eingerichtet. Die Abstände zwischen den Regalen wurden größer, seitdem gibt es auch Nischen, Kojen zum Zurückziehen, Schmökern. Der Medienbestand hat sich in der Zeit in absoluten Zahlen nicht vergrößert, eher verringert. Was bei einem Platzangebot von nur 160 Quadratmetern und einem Jahresetat von rund 14.000 Euro jährlich für die Anschaffung neuer Medien aber eigentlich logisch sei. „Oder einfacher gesagt: Wir mussten und müssen immer wieder auch einiges rausschmeißen.“ Der Anteil der Bücher am gesamten Medienbestand ist gesunken, aber auch das ist nicht nur in der Schwaikheimer Bücherei so. Dafür gibt es, unter anderem, mittlerweile „Tonies“ hier, tönende Schleichfiguren, kindgerechte Hörbücher sozusagen. Oder auch Konsolenspiele.

Viele Romane, bei den Sachbüchern Konzentration auf Schwerpunkte

Im Kinder- und Jugendbereich spiele das Buch aber nach wie vor eine große Rolle, betont Annette Maucher. Beim Erwachsenenbereich zeichne sich die Bücherei durch einen im Vergleich mit anderen sehr großen Bestand an Romanen aus, während der Sachbuchbereich vor allem durch die Onleihe abgedeckt werde. Auch das sei aber nachvollziehbar, angesichts der Kosten von Sachbüchern, die zudem im Bereich der neuen Medien sehr schnell veralten. „Wir müssen deshalb dort Schwerpunkte setzen“, nämlich auf die Themen Garten, Reiseführer, Kochen, Backen, Nähen und Gesellschaft.

Hat Corona auch in der Bücherei einen „Digitalisierungsschub“ bewirkt? „Auf jeden Fall.“ Auch Ältere stöberten immer mehr online, „in Ruhe“, im Medienkatalog und reservierten sich ihre Bücher vorab. „Das gefällt denen immer besser.“ Die Bücherei bietet beide Corona-Zeit-Vertriebswege an: Click & Collect sowie Click & Meet. „Hier stöbern ist also nach wie vor in einem gewissen Zeitrahmen möglich.“ Aber man muss eben seinen Besuch vorher anmelden. Annette Maucher geht davon aus, „dass wir in Zukunft ohnehin eine Terminsoftware bekommen“. Bei der man also, übers Handy, vor allem einen Termin ausmacht, so wie es in Winnenden schon der Fall ist.

Corona hat auch in der Bücherei Spuren hinterlassen

Hat auch die Bücherei unter Corona gelitten? Ja durchaus, denn sie sei normalerweise eben mehr als nur ein Abholort, nämlich sowohl Treffpunkt wie Ruhezone als auch Veranstaltungsstätte. All das fällt seit rund einem Jahr flach. Das Vorleseangebot für Schulkinder, „der Lesedrache“, findet seitdem „nur“ online statt, mit allerdings nicht weniger teilnehmenden Kindern als bei der Live-vor-Ort-Form. Der Austausch fehle, auch die Inspiration durch die Kunden, so Annette Maucher.

In Gerlingen gebe es bislang nur „Click & Collect“, „das wird sich aber bald ändern“, verspricht sie den dortigen Büchereinutzern. Wobei die Vorgaben es schwierig machten, das Potenzial auszuschöpfen. Der Bau dort ist sehr schön, zeichnet sich durch eine zeitlose Architektur aus, die auch preisgekrönt ist. Eine Herausforderung wird auch, weil anders als in Schwaikheim, die Bücherei dort sich auf mehrere Etagen verteilt. Sie liegt zudem zentral, in der Stadtmitte. Eine Schule ist nur wenige Minuten entfernt, deren Bücherei ist an die der Stadt angegliedert. Annette Maucher ist auf ihre neue Klientel gespannt. Die Bandbreite der Einwohnerschaft dort sei sehr groß. Gerlingen sei ja mal sehr reich gewesen, und es gebe dort nach wie vor auch nicht gerade arme Leute, die in begehrter und damit teurer Halbhöhenlage wohnen.

Aber noch mal zurück nach Schwaikheim, wie hat sie die Zeit dort erlebt? „Der Erfolg hängt am Team“, daran, wie begeisterungsfähig das sei. Und da müsse sie sagen, dass das absolut mitgezogen habe. Die Nachfolgerin hier steht übrigens auch schon fest. Annette Maucher durfte sogar an den Auswahlgesprächen teilnehmen, auch das sei ein Vertrauensbeweis, den sie toll findet. Es sei nämlich ihr Anliegen, dass die Bücherei nach ihr gut weitergeführt wird.

Förderung ermöglicht Bienen-Roboterchen für Kinder

Warum ist nicht mal ein Mann an der Reihe? Da muss sie lachen. 98 Prozent, grob geschätzt, in dem Studiengang seien nun mal Frauen. Es wird aber auch eine „Hinterlassenschaft“ von ihr geben: Die Bücherei hat den Zuschlag für eine Förderung in Höhe von fast 20.000 Euro für ihre digitale Weiterentwicklung bekommen. Die wird in Tablets und „Bee-Bots“, kleine Bienen-Roboter (über Tasten auf dem Rücken programmier- und steuerbar) für Vorschul- und Kindergartenkinder, investiert. Die Tablets können für „Actionbounds“ genutzt werden, mit denen etwa digitale Stadtführungen für Schüler möglich sind. Den Aufstockungsantrag fürs Förderprogramm stellte sie, da war ihre Kündigung gerade erst geschrieben: „Das zeigt, dass ich den Wechsel wirklich nicht groß geplant habe, aber gut, da kann sich jetzt meine Nachfolgerin drüber freuen, das wird mein Abschiedsgeschenk für Schwaikheim.“

Das werden viele Schwaikheimer bedauern, zumindest diejenigen, die die Gemeindebücherei schon mal betreten, genutzt haben: Deren Leiterin Annette Maucher verabschiedet sich Ende Juni nach fast zehn Jahren in Schwaikheim. Sie übernimmt die Gerlinger Stadtbücherei. Klarer Fall, dass sie dort ein bisschen mehr verdient, aber wichtiger ist: Damit sind es künftig nur noch acht statt 24 Kilometer vom Wohnort Münchingen zur Arbeitsstätte.

Wobei die Entfernung nach Schwaikheim sie allerdings

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